Dienstag, 21. Mai 2019

Burscheid: Spange statt Skywalk und Rampe


Überblick
1.  Innenstadtpark West aka bisheriger „Alter Friedhof“
2.  Plattform plus Rampe vom Radweg zur Hauptstraßenbrücke
3.  Kontrapunkt
4.  Nachtrag zur Historie; Resümee von Planungszielen und Planungsergebnissen nach Stand 13.5.2019
Am 13. Mai 2019 informiert die Burscheider Verwaltung interessierte Bürger über die derzeitigen Ergebnisse des laufenden städtebaulichen Konzepts für Burscheid – des so genannten Integrierten Entwicklungs- und Handlungskonzept, kurz „IEHK/Burscheid 2025“ – und gibt Gelegenheit zu Fragen und Anmerkungen zu den Modulen „Innenstadtpark West“, „Plattform & Rampe vom Radweg zur Hauptstraßenbrücke“ und „Gartenweg“. Im Internetangebot der Stadt ist die Präsentation der Ergebniszusammenfassung abrufbar = http://www.burscheid.de/fileadmin/user_upload/redakteure/Bauen_und_Wohnen/IEHK/Praesentation_Buergerinformationsveranstaltung_2019_05_13.pdf. Beim download je nach Bandbreite bitte etwas Geduld mitbringen: Die pdf ist ein ziemliches Geschoss und kommt mit ca. 50 Megabyte nicht so ganz barrierefrei durchs Rohr. 
Zum Ablauf:
Der Bürgermeister lobt eingangs die Zahl der im Rathaus bereit gestellten Stühle: Man hätte die Nachfrage ja praktisch auf den Punkt getroffen. Dann preist er das als Testat der Landesregierung materialisierte „Glück der Tüchtigen“: In Aussicht gestellte Fördermittel i.H.v. 70% der veranschlagten Gesamtsumme von ca. 17 Mio. €. Darüber könne sich ein Verwaltungschef bestenfalls einmal im Leben freuen; nochmals werde ihm so etwas sicherlich nicht gelingen. Das befasste Planungsbüro ASS (http://www.archstadt.de/) trägt im Folgenden vor:

1.  Innenstadtpark West aka bisheriger „Alter Friedhof“
Bei den planerisch zu kurierenden derzeitigen Schwachpunkten des Parks hebt die Präsentation des Architektenbüros gleich als Erstes eine fehlende Anbindung an den Radweg hervor. Eine Bürger-Nachfrage unter Hinweis auf den bereits existenten Ein- und Ausstieg in Höhe des Kinderheims und auf die vergleichsweise kurze und flache Zuwegung zum Park über das Endstück der Bismarck-Straße wird dann aber zurückgestellt: Besser könne man dies später zusammen mit der Rampe zur Hauptstraße abhandeln. Tatsächlich kommt man später nicht wieder darauf zu sprechen – der Weg über eine neue Rampe und dann den Gartenweg wäre aber auch umständlicher, weiter und weniger barrierefrei als der Weg längs des Kinderheims, wäre dann auch für Kinderwagen und Rollatoren nicht die allerbeste Wahl.
Zur Idee, um die alte Boule-Bahn einen Duft- und Sinnesgarten für mehrere Generationen, gleichzeitig einen außerschulischen Lernort zu gestalten: Dort soll eine attraktive Terrasse angelegt werden. Eine Bürgerin weist auf die angrenzende, stark befahrene Durchgangsstraße hin; das wäre für Kinder und Düfte/Sinne wohl weniger geeignet: Die Planerin würde, wie sie sagt, den „Alten Friedhof“ ja gerne an eine weniger belastete Stelle verlegen; ganz offensichtlich sei dies aber nicht möglich. Auch abgrenzende Maßnahmen gegen Immissionen seien nur eingeschränkt realisierbar. Auf weitere Nachfrage: Konkrete Interessen und Ansätze zur Nutzung eines außerschulischen Lernortes sind noch nicht bekannt. Eine Bürgerin erinnert daran: Neben dem etwas entfernten und bereits recht abgewetzten Spielplatz im Luchtenberg-Park gebe es deutliche Nachfrage nach Kinder-Spielmöglichkeiten im Innenstadtbereich. Die Planerin erläutert, es seien keine Spielgeräte geplant; nach ihrer Erfahrung bevorzugten Kinder aber ohnehin Gestaltungen ohne eine im Voraus organisierte Funktionalität für Kleinkinder. Eine Anwohnerin weist auf Erfahrungen mit Ballspielen hin – es komme immer wieder zu brenzligen Situationen, wenn Bälle auf die Durchgangsstraße rollten; die Planerin will dies bei der Planung von Büschen berücksichtigen. Angesprochen wird ferner die Lage der neuen Terrasse: In unmittelbarer Nähe zur umliegenden Wohnbebauung würde die zu unzumutbarer Belästigung führen, wenn dort des Abends und in der Nacht „Party gemacht“ würde. Ein Bürger schlägt Verlegung der Terrasse auf den Hang zwischen Gartenweg und Radweg vor; dies wird nicht weiter kommentiert. Auf Nachfrage nach der nachhaltigen Pflege der geplanten anspruchsvollen Gartenanlage: Der Bürgermeister sieht einen per Saldo durch das IEHK gesteigerten Bedarf an Bodenpflege; dies wäre aber auch der Anspruch der Kommune und er werde dies mit den THW besprechen. Ergänzend wird nachgefragt nach der (im Vorfeld zugesagten) Integration einer Stahlplatte mit Blattwerk – dies ist der Planerin nicht bekannt und wird geprüft – und nach etwa zu integrierenden Angeboten für outdoor-Sport. Weiter: Der Baumbestand soll bis auf zwei Akazien an der neu anzulegenden Terrasse erhalten bleiben.
Am Ende der Präsentation bleiben die Gestaltung und Lage von Terrasse und Sinnesgarten etwas in der Schwebe; ebenso wenig klar wird, welche signifikante Schnittmenge es zwischen den jeweilige Nutzern von Park und Radweg geben kann und wird.

2.  Plattform plus Rampe vom Radweg zur Hauptstraßenbrücke
Die Planerin weist auf den zunehmenden Radverkehr hin, auch und insbesondere mit E-Bikes. Es gelte auf die Angebote der Innenstadt aufmerksam zu machen; bisher laufe zu viel touristischer Verkehr an Burscheid vorbei bzw. unter der Burscheider Innenstadt hindurch. Es gebe derzeit keine direkte Anbindung an die Innenstadt. Schaffe man diese, so könnten in der Innenstadt „Brause & Bier“ besser abgesetzt werden.
Als Lösung der Problemlage wird eine Rampe angeboten, die auf dem Radweg unter der Brücke der Umgehungsstraße (= Höhe des o.g. „Alten Friedhofs“) ansetzt und Radfahrer/Fußgänger etc. parallel zum Radweg auf das Niveau der Hauptstraße hochführt. Die Rampe wird nicht freitragend ausgeführt, sondern wird in den vorhandenen schrägen Hang geschnitten und mit feinkörnigem (Flüster-) Asphalt belegt; als Absturzsicherung ist ein Gittergeländer vorgesehen. Die örtlichen Gegebenheiten werden zu Steigung/Gefälle von max. 7,9 % führen (Anm.: barrierefrei sind Neigungen bis max. 6 %); die Breite soll 2,5 m betragen.
An der Hauptstraßenbrücke solle neben dem Ansatzpunkt der Rampe ein ca. 100 qm großes Podest entstehen, das von der Seite auf Stelzen halb über den Radweg hinausragen werde. Wie ein von hochrangigen touristischen Zielen bekannter Skywalk (siehe z.B. am Grand Canyon oder am Dachstein) solle das Podest „die Innenstadt in Szene setzen“ und zusätzliche Radler von der Balkantrasse "anlocken“. Ausdrücklich: Burscheid könne sich mit einem solchen Angebot „aus dem städtebaulichen Einerlei herausheben“ und man könne „Vielfalt in die Innenstadt bringen“. Der Bürgermeister sekundiert mit der Bemerkung: Alles das mache man schließlich „nicht aus Spaß“, ohne solche Maßnahmen drohe „die Innenstadt zu kippen“. Gäbe es keine Kaufangebote für den täglichen Bedarf mehr, dann wäre „die Innenstadt tot“; gerade dem könne und wolle man ja mit dem IEHK entgegenwirken. Hingewiesen wird in Kontext mit der Rampe auch auf die neue Gestaltung eines „Hauses der Kulturen“ und die geplanten neuen Kaufangebote in der Nähe des Jugendzentrums. Zudem zitiert die Planerin positive Erfahrungen aus einer nach ihrer Meinung vergleichbaren Situation: In einer anderen Stadt habe ein an einer Burg zusätzlich realisierter Aufzug neuen Verkehr in eine früher touristisch eher abgeschiedene Innenstadt tragen können (Anm.: der konkrete Ort wurde mir nicht klar).
Das Podest solle neue Aufenthaltsmöglichkeiten in der Innenstadt schaffen, ggf. auch für ein hochwertiges Angebot der Außengastronomie. Die Seiten der Plattform sollen transparent sein und des Nachts gut sichtbar illuminiert; auf Nachfrage: eine solargestützte Beleuchtung wird geprüft. Eine kurzfristig realisierbare Außengastronomie ist allerdings noch nicht in Sicht. Der Bürgermeister schätzt dies zurückhaltend ein; zunächst seien auf dem Podest allenfalls Bänke und ggf. Sonnenschirme zu erwarten.
Aus der Erörterung mit den Bürger/inne/n:
Ein Bürger greift die Annahme der Planerin auf, es gebe „keinen direkten Zugang vom Radweg zur Innenstadt“: Tatsächlich führe jenseits der Hauptstraßenbrücke in recht genau gleicher Entfernung wie zum Beginn der geplanten Rampe bereits jetzt eine Ableitung des Radwegs zur Innenstadt, und zwar mit dem Vorteil gegenüber der Rampe, höhengleich und damit barrierefrei zu sein. Darüber wären die bereits genannten Ziele „Haus der Kulturen“ und die geplanten Angebote in der Nähe des Jugendzentrums sogar besser erschließbar (Anm.: zugegebenermaßen gäbe es dort aber keinen Ansatz zur Konstruktion eines „Skywalk“). Eine weitere höhengleiche Ableitung gebe es schon an der Dammstraße. Der entscheidende Mehrwert einer aufwändigen Rampe an der vorgeschlagenen Stelle sei daher bisher nicht schlüssig dargetan. Ein weiterer Bürger knüpft daran an und schlägt vor, einen attraktiven innerstädtischen Radweg als alternativ anzubietende Spange durch die Innenstadt zu planen. Dies vermeide den für die Radfahrer sinnwidrigen Eindruck eines bloßen Stichs oder einer Sackgasse und könne nicht nur punktuelle Wirkung entfalten, sondern würde Angebote entlang des ganzen Weges eröffnen. Ein dritter Bürger mahnt dazu, bei den Planungen auch den Nutzen für die untere Hauptstraße im Blick zu behalten; dort bestehe der objektiv größere Nachholbedarf und die größere Gefahr des Kippens; die Erwartung von Radtouristen würden zudem in der Nähe der Kirche – wo man gemeinhin das Zentrum vermutet - am ehesten enttäuscht.

Ein Bürger fragt, ob man nicht auf der anderen Seite der Hauptstraßenbrücke noch eine weitere Plattform anbringen könnte, und damit nicht noch mehr Vielfalt erzeugen würde. Die Planerin setzt kurz zu einer Erklärung an, bemerkt dann aber - wohl nicht zu Unrecht - dass dieser Einwurf eher sarkastisch gemeint sein dürfte, und bricht die weitere Erörterung dazu ab.
Zur Plattform nachgefragt wird auch bzgl. eines etwaigen Vermüllens der Innenstadt. Dazu erklärt die Planerin, „nicht für alles sorgen“ zu können; eine Teilnehmerin schätzt das Problem auch eher gering ein – bei einer gastronomischen Nutzung des Podests würde sich doch der betreffende Gastwirt darum kümmern (Anm.: ein gastronomisches Angebot ist, wenn überhaupt, dann erst mittelfristig realistisch, s.o.). Es gibt bei den Planern ferner keine Besorgnis wg. fehlender Toiletten – nach der mitgeteilten persönlichen Erfahrung des Bürgermeisters wird man mit diesem Begehr an der Burscheider Hauptstraße auch nirgends abgewiesen ;-)

3.  Kontrapunkt
Einen interessanten Kontrapunkt setzt ein Teilnehmer, der offenbar mit der Planerin fühlt und ob der Debatte ein wenig mit ihr leidet: Er könne „nicht fassen“, dass die Bürgerinnen und Bürger in einem weit fortgeschrittenen Stadium der Planung noch Einzelheiten hinterfrügen; dies sei doch eine (wörtlich) „Unverschämtheit“. Tatsächlich sei hier und jetzt doch einfach mal „Vertrauen in die Fachleute“ angebracht... Offenbar erwartet dieser Bürger - anders als die Mehrzahl der Anwesenden - von der Informationsveranstaltung weniger Bürger-Dialog und mehr Frontalunterricht durch Kommune und Planungsbüro.
Prompt fühlt sich der Autor dieses Post ein wenig an den unmittelbar vorangegangenen Tag erinnert. Das war der 12. Mai 2019, Tag des Burscheider Bürger- und Umweltfestes. Ich hatte einen Mitarbeiter der Stadt auf die bevorstehende Informationsveranstaltung zum IEHK und speziell auf die Planung für Rampe & Podest angesprochen, wie sie nach einer Präsentation im Stadtrat einige Wochen vorher ausführlich in der Presse behandelt worden war. Ich hatte mich auch danach erkundigt: Könnte das in den Berichten angekündigte zusätzliche Angebot von Außengastronomie nicht unsere bereits etablierten Angebote berühren oder gar gefährden? Jener Mitarbeiter aus dem gehobenen kommunalen Management hatte mir daraufhin mit Leichenbittermiene bedeutet: Das fände er (wörtlich) doof, dass Leute, die sich nicht konkret mit den Planungsgrundlagen befasst hätten, über Details des IEHK reden würden. Eine ältere Dame, die die gleichen Fragen hat, nimmt er galant ausdrücklich vom "doof" aus. Und überhaupt sähe er konkurrierende gastronomische Angebote doch als sehr hilfreich an! Zu Letzterem: Konkurrenz kann ein Geschäft beleben, wenn die Zahl der Nachfrager offen ist oder zumindest ein gutes Stück auszuweiten ist. In anderen Fällen – so auch manche Burscheider Erfahrung – kann der Wettlauf um Kundschaft sehr schnell ruinöse Züge annehmen - und alle verlieren, die Anbieter ebenso wie die Kundschaft. Meine Meinung.
Also zusammengefasst: Ich bin wohl ein wenig doof und auch unverschämt, wenn ich den hohen Sinn von Rampe und Podest noch immer nicht einsehen will. Oder es trifft auf mich jene Zurechtweisung zu, die man gemeinhin einem beispielgebenden Technokraten, nämlich dem Großen Kurfürsten, Friedrich Wilhelm von Brandenburg zuschreibt:
"Es ist dem Untertanen untersagt, den Maßstab seiner beschränkten Einsicht an die Handlungen der Obrigkeit anzulegen".
Tatsächlich stammt dieses Zitat allerdings gar nicht von Friedrich Wilhelm; es ist vielmehr die etwas verkürzte bzw. verballhornte Version einer ernsten Abmahnung des preußischen Innenministers und Staatsministers Gustav von Rochow gegenüber ein paar in einer Verfassungsfrage widerspenstigen Professoren. In der hier sogar noch besser fluchtenden Vollform lautete sein Rat zur gehörigen Etikette:
"Es ziemt dem Untertanen, seinem Könige und Landesherrn schuldigen Gehorsam zu leisten und sich bei Befolgung der an ihn ergehenden Befehle mit der Verantwortlichkeit zu beruhigen, welche die von Gott eingesetzte Obrigkeit dafür übernimmt; aber es ziemt ihm nicht, die Handlungen des Staatsoberhauptes an den Maßstab seiner beschränkten Einsicht anzulegen und sich in dünkelhaftem Übermute ein öffentliches Urteil über die Rechtmäßigkeit derselben anzumaßen."

4.  Nachtrag zur Historie; Resümee von Planungszielen und Planungsergebnissen nach Stand 13.5.2019
Sind Rampe und Skywalk in der Informationsveranstaltung bzw. bei der Präsentation im Rat quasi aus dem Hut gezaubert worden? Das dachte ich zunächst, es meinten auch viele andere, mit denen ich gesprochen hatte – aber es ist dennoch nicht so gelaufen: Tatsächlich beschreibt das IEHK-Konzept aus dem Jahr 2016 dieses Modul bereits weitestgehend (die angestrebte Steigung von ca. 6% ließ sich wohl am Ende nicht realisieren), und auch die Begründung hat sich seit 2016 offenbar nur minimal weiter entwickelt. Ich zitiere von S. 149 des Konzepts mit Stand Dezember 2016, abrufbar unter http://www.burscheid.de/fileadmin/user_upload/redakteure/Bauen_und_Wohnen/IEHK/IEHK_2025_Konzept.pdf (Obacht, wieder ist etwas Geduld erforderlich: diese pdf ist ca. 45 Megabyte schwer und braucht z.B. in Kuckenberg etwa 5 Minuten durchs Rohr):
ANBINDUNG DES PANORAMA-RADWEGS AN DIE INNENSTADT
Zurzeit wird die Burscheider Innenstadt vom Panorama-Radweg „Balkantrasse” lediglich „unterfahren“. Es gibt nur wenige Hinweise für die vorbeikommenden RadfahrerInnen, dass sich das Burscheider Zentrum in unmittelbarer Nähe befindet. Geschweige denn, dass die RadfahrerInnen für eine Rast oder einen Aufenthalt in die Stadt gelockt werden. Der Panorama-Radweg erfreut sich einer immer größer werdenden Beliebtheit. Immer mehr Radwege werden zu einem attraktiven Verbund zusammen geführt, der von immer mehr RadfahrerInnen genutzt wird. Hierin verbirgt sich ein großes Potenzial zur Stärkung und Belebung der Innenstadt. Dazu ist die Schaffung von mehreren guten und einer sehr guten, direkten Anbindung des Panorama-Radwegs „Balkantrasse” an die Innenstadt zwingend notwendig. Östlich der Innenstadt ist die niveaugleiche Anbindung an die Dammstraße zu optimieren. Westlich des Zentrums sind verschiedene niveaugleiche Anbindungen vom Radweg an die Montanusstraße zum Teil vorhanden und zum Teil noch zu errichten. Insbesondere im Westen der Montanusstraße muss im Zusammenhang mit der Entwicklung des Einzelhandelsvorhabens eine neue, gut ausgeschilderte Anbindung geschaffen werden. Keine dieser Anbindungen bringt den die RadfahrerIn aber direkt ins Zentrum. Aufgrund der topographischen und räumlichen Verhältnisse bietet sich an, eine 2,50 m breite Radwegerampe mit einer Steigung von rd. 6,0 % in der Böschung parallel zum Gartenweg zu errichten, die auf die Hauptstraße und somit direkt im Zentrum der Stadt mündet. Diese Anschlussstelle wird durch eine über der „Balkantrasse” freikragende, rd. 100 m2 große Plattform weit sichtbar betont. Sie kann auch für außengastronomische Zwecke genutzt werden. Eine kleine, rd. 30 m2 große Plattform östlich der Brücke an der Hauptstraße ergänzt das Angebot um einen zusätzlichen Begegnungs- und Aufenthaltsraum an der mittleren Hauptstraße. Die Inszenierung dieser Plattformen wird entscheidend dazu beitragen, die Stadt Burscheid für RadfahrerInnen ins rechte „Rampenlicht“ zu rücken.
Sind uns Bürgern darum nun Fragen zu diesem Modul verwehrt, sind sie sozusagen „verjährt“? Ich meine: Nein. Eine unschlüssige Planung kann nicht durch reinen Zeitablauf schlüssig werden. Oder aber: Unsinn und Mord haben eines gemeinsam – sie verfristen nicht. Rampe und Podest sind auch kein Element, mit dem das IEHK stehen oder fallen würde; sie haben bestenfalls eine ausschmückende Funktion und könnten ohne Weiteres durch eine funktionalere und dabei kostengünstigere Alternative – etwa die vorgeschlagene Spange – ersetzt werden. Zumindest kann dies vor dem ersten Spatenstich vom Planungsbüro geprüft und bewertet werden.

Resümee der Planungsziele und -ergebnisse zu Rampe/Podest
-        Schaffen einer „sehr guten, direkten Anbindung der Innenstadt an den Radweg“ (IEHK-Konzept 2016 S. 149; ähnlich Folie 18 d. Präsentation v. 13.5.201)
Entgegen der ursprünglichen Konzeption wird die Rampe nicht mit einer barrierefreien Steigung realisiert. Damit würde sie kein realistischer Zugang für den ganz wesentlichen Teil der Nutzer der Balkantrasse; die Nutzung etwa für Kinderwagen, Rollstühle & Rollatoren, konventionelle Fahrräder und selbst Rennräder ist unwahrscheinlich. Als „sehr gute Anbindung“ ist dies damit keinesfalls zu qualifizieren. Insbesondere ist ein Delta gegenüber einer etwaigen Aufwertung der innenstadtbezogenen, bereits existenten höhengleichen und damit barrierefreien Aus- und Einstiege nicht schlüssig.

Wenn man auf einen Reusen-artigen Effekt zum Abfischen der bergwärts stürmenden Radfahrer baut - dies könnte, wenn, dann überhaupt auf die 50% der eben in diese Richtung strebenden Pedalophilen wirken; für den etwa hälftigen Verkehr aus der Wermelskirchener Richtung sind die höhengleichen Ausstiege zur Montanusstraße die offensichtlich bessere und eingängigere Wahl. Schließlich: Die Gestaltung der Plattform ist an dieser Stelle eine ernsthafte architektonische Herausforderung. Bahntrasse und Hauprstraße kreuzen sich nicht rechtwinklig, sondern in Winkeln von ca. 60 bzw. 120 Grad. Wie immer man es anstellt, wird die Plattform notwendig schräg aussehen - und die Perspektive von der Bahntrasse aus dürfte mit den zusätzlich schief gelegten Pylonen, die das Gewicht der Plattform nach unten ableiten, nochmals schräger sein und den eigentlichen Charakter einer Brücke völlig verzerren - wenig einladend. Allerdings mag für die Planer hier die bauliche Ästhetik auch nicht im Vordergrund stehen.
-        Realisierung eines „großen Potenzials zur Stärkung und Belebung der Innenstadt“ (IEHK-Konzept 2016 S. 149)
Dahinter steht eine von Anfang an nicht empirisch unterlegte Überschätzung des Konsum-Potenzials der Radfahrer, die etwa von der Balkantrasse abzuleiten oder "anzulocken" wären. Fahrräder sind typischerweise keine bulk-carrier bzw. auf Transport von Lasten ausgelegt. Es ist nicht schlüssig dargetan, auf welche Dienstleistungen und Warengruppen sich ein etwa erhöhter Durchsatz Umsatz-steigernd auswirken könnte. Was an der Hauptstraße angeboten wird, das findet man höchst selten auf dem Gepäckträger eines Fahrrads oder wird von Fahrrad-Touristen gesucht: Uhren etwa, Handys, Waschmachinen, Bücher oder Haarschnitte. Auch sind Angebot und Nachfrage im Wortsinn antizyklisch: Radverkehr boomt an sonnigen Wochenenden - dann sind die Ladentüren schlicht zu. Am realistischsten bleibt etwas touristischer Konsum (Bier, Limo, Kaffee & Co., kleine Gerichte), wie auch am 13.5.2019 herausgehoben. Selbst beim touristischen Konsum ist aber nicht annehmlich gemacht, wie dies durch die Rampe signifikant ausgeweitet werden könnte. Wenn, dann sind am ehesten Verdrängungseffekte zulasten bereits etablierter Angebote zu erwarten (etwa „Alter Bahnhof“). Vorhandene Unternehmungen in Frage zu stellen, das ist aber kein vernünftiges Ziel nachhaltiger Stadtplanung.
-        „Niveaugleiche Anbindung der Rampe an Plattform und Brücke“ (Folie 18 d. Präsentation v. 13.5.2019)
Dies ist kein Vorteil der Rampe, sondern stellt lediglich fest, dass Rampe und Plattform als Ensemble geplant werden. Die Anbindung an die Brücke ist die natürliche und zu erwartende Eigenschaft der geplanten Rampe.
Möglicherweise sind die beiden Elemente in der Genese auch umgekehrt verknüpft: Den Planern mag eingangs vorgeschwebt haben, mit dem Podest einen Skywalk-ähnlichen, besonderen Akzent zu setzen – die Planerin drückte es am 13.5.2019 so aus: „Burscheid inszenieren / aus dem städtebaulichen Einerlei herausheben“. Ein solches Podest hat, wenn überhaupt, dann einen möglichen Platz nur an der Hauptstraßenbrücke (blendet man hier einmal die noch höhere, aber vom Zentrum weiter entfernte Griesbergerstraßen-Brücke aus). Vom Podest her gedacht könnte dann die Rampe zur Balkantrasse zusätzlichen Nutzen stiften - sie wird damit ergänzende bzw. dienende Begründung des Podestes. Die Rampe macht dann aber gleichzeitig umso weniger Sinn, je weniger Funktion das Podest entfaltet.
-        „Rampe wird durch Bodenauftrag erstellt, kaum Bodenabtrag“ (Folie 18 d. Präsentation v. 13.5.2019)
Kein Vorteil, dies verspricht bestenfalls die Abwesenheit von Nachteilen; es ist ein vorsorglich defensives Argument.
-        „Erhalt der Baumkulisse an der Böschungsoberkante zum Gartenweg“ (Folie 18 d. Präsentation v. 13.5.2019)
Wie vor.
-        „Mehr Aufenthaltsqualität an der Hauptstraße“ (Folie 18 d. Präsentation v. 13.5.2019)
Das Podest könnte im Zusammenhang mit einer konkreten Nutzung – im Gespräch war zu Zeiten eine höherwertige Außengastronomie – tatsächlich mehr Aufenthaltsqualität stiften. Allerdings gibt es dafür auch drei Jahre nach Erstellung des Konzepts keinerlei konkrete Perspektive. Auf der Informationsveranstaltung v. 13.5.2019 erwartete selbst der Bürgermeister hier keine kurzfristige Lösung.
Selbst die vom Bürgermeister nun zurückhaltend skizzierte Einfach-Lösung bis auf Weiteres („Bänke, Sonneschirme“) dürfte wegen der allseits luftumströmten Lage des „Podests“ wenig nachgefragte Qualität schaffen: Die teils Windkanal-artigen Schneisen von Hauptstraße und Bahn-Einschnitt mögen zwar einen bevorzugten Standort für eine Windkraftanlage formen, weniger aber für Sonnenschirme. Ungesagt bleibt auch, wer für solche Sonnenschirme Verantwortung übernehmen wollte.
-        „Wegweiser zur Burscheider Innenstadt“ (Folie 18 d. Präsentation v. 13.5.2019)
Ohne einen direkt sichtbaren Nutzen (siehe oben) wird das Podest den Weg auf die Rampe kaum attraktiv gestalten können. Auch liegt der Einstiegspunkt der Rampe recht weit entfernt von der Brücke und an einer hier zudem gekrümmten Trasse; daher wird der Impuls für ein spontanes Abbiegen auf die Rampe in vielen Fällen schlicht zu spät kommen. Daran wird auch eine etwaige Illumination des Podestes wenig ändern – zumal sie bei Tag nicht wirkt und bei einsetzender Dunkelheit der Verkehr auf der ihrerseits bisher unbeleuchteten Balkantrasse stark abfällt.
-        „Angebot für Außengastronomie“ (Folie 18 d. Präsentation v. 13.5.2019)
Siehe oben: Bis auf Weiteres ist selbst nach Einschätzung des Bürgermeisters keine gastronomische Nutzung in Sicht. Nach der ernüchternden Erfahrung mit den Plänen zur Belebung unseres Marktplatzes (!) wäre es sehr riskant, für das erst noch zu erstellende Podest auf eine auch nur mittelfristige Lösung bzw. Nutzung zu bauen. Wahrscheinlicher ist, dass Infrastruktur an diesem Ort an einem tatsächlichen Bedarf vorbei geplant wäre, dass jedenfalls der erzielbare Effekt außer Verhältnis zu den einzusetzenden Mitteln bliebe. Der einzige nachhaltige und bilanzierbare Nutzen könnte in der Projektierung und Erstellung selbst liegen.

Information zu den projektierten Kosten (Folie 27 d. Präsentation v. 13.5.2019)
Kosten einschl. Baunebenkosten und MwSt.
Rampe inkl. Stützmauer, Geländer: 214.000,00 €
Plattform: 296.000,00 €
Illuminierung der Brüstungselemente der Plattform: 24.000,00 €
Gesamtkosten: 534.000,00 €
Finanzierung über Städtebaufördermittel im Rahmen der KSG-Maßnahme „Burscheid Innenstadt“
Zuwendungsfähige Kosten, Städtebauförderung: 534.000,00 €
Zuwendung (70%): 373.800,00 €
Eigenanteil Stadt Burscheid (30%): 160.200,00 €

Unter dem Strich:
Die Begründung für das Planungsmodul „Rampe/Podest an der Hauptstraßenbrücke“ ist bereits im IEHK-Konzept nach Stand 2016 zweifelhaft gewesen. Insbesondere nach den Planungsergebnissen, wie sie auf der Informationsveranstaltung vom 13.5.2019 dargestellt wurden, erscheint dieses Modul nach finanziellem Aufwand und erzielbaren Wirkungen fragwürdig. Es sollte durch funktionalere und dabei kostengünstigere Planungsalternativen ersetzt werden. Ansonsten dürften hier kommunale Mittel und ebenfalls steuerbasierte (!) Landesmittel verschleudert werden.

Die örtlichen Zeitungen haben am 15.5. über die Informationsveranstaltung zum IEHK berichtet. Am 16.5. und am 21.5.2019 haben sie dann diese beiden Leserbriefe abgedruckt:

Bergischer Volksbote v. 16.5.2019
Mit Licht fängt man Motten – Mäuse aber aller Erfahrung nach mit Speck. Ein schlüssiger Nutzen der geplanten Rampe und insbesondere des illuminierten Skywalk ist aber noch gar nicht dargetan – hier war selbst der Verwaltungschef verblüffend verzagt. Die Rampe wird mit ca. 8% Steigung und Gefälle auch nicht so direkt barrierefrei und die Plattform wird eher für Windkraft optimiert sein als für Sonnenschirme. Welchen Konsum wir damit bei Radlern zusätzlich triggern könnten – und bei welchen Waren und Dienstleistungen – das ist weder seriös prognostiziert noch auch nur annehmbar. Rampe plus Skywalk könnten ähnliche Wahrzeichen frustrierter Planungsziele werden wie unsere tristen Blechbäume am Markt: Sie nutzen nicht, sie trösten nicht, aber stehen bleiben sie doch.
Unser städtebauliches Konzept kommt besser ohne Rampe und Plattform aus, und dabei ganz ohne die vom Bürgermeister raunend und dräuend beschworene Lebensgefahr für die Innenstadt. Das Geld wäre besser und konsequenter investiert, würden wir die Balkantrasse im Kernbereich der Stadt beleuchten, etwa zwischen Hallenbad und altem Bahnhof. Dazu würde ich sogar eine Lampe spenden. Versprochen.
Kölner Stadt-Anzeiger v. 21.5.2019
Manche stilisieren unsere Balkantrasse gerne hoch zu einer Art Lebensader der Burscheider Wirtschaft und Kultur. Das kann sie beim besten Willen nicht leisten. Klug geplant könnte sie allerdings dazu beitragen; dann nämlich, wenn wir unseren Fuß- und Radweg mit Augenmaß einbinden, und nicht mit planerischem Aplomb durch Rampe und einen illuminierten Skywalk.
Dazu scheint mir die Anregung eines Burscheider Bürgers bei der Anhörung am 13. Mai höchst bedenkenswert: Keinen steilen und Sackgassen-artigen Stich auf eine Rampe legen – sondern über eine attraktive Spange quer durch die Innenstadt neuen Durchfluss eröffnen. Das würde die existenten höhengleichen Aus- und Einstiege intelligent und barrierefrei aufgreifen und könnte viele gute Angebote greifbar machen, würde vielleicht sogar unseren trostlos-tristen Markt wachküssen.

Und zum Schluss noch weiterführende Informationen = Post u.a. zu einer Verlautbarung der Interessenvertretung des Burscheider Handels und zu einer sehr überzeugenden Stellungnahme organisierter Radfahrer zum Thema Rampe & Skywalk:

http://uliswahlblog.blogspot.com/2019/06/radeln-anstreichen-und-verkaufen.html

Freitag, 10. August 2018

2% oder 4% der Wirtschaftskraft für Waffen?


Die NATO - das bei Weitem größte und stärkste Militärbündnis - will mehr Geld für Waffen ausgeben. Die Bundesregierung leistet bestenfalls hinhaltenden Widerstand. 

2 oder 4% wofür genau? Für mehr, für bessere Waffen? Ich sehe nicht einmal den Versuch eines seriösen Nachweises, dass etwa Afghanistan, Libyen oder der Irak hätten längst nachhaltig stabilisiert werden können, hätten wir nur über bessere militärische Fähigkeiten verfügt. 

Das aktuelle Weißbuch zur Sicherheitspolitik und zur Zukunft der Bundeswehr zeigt sich zur Evaluation militärischer Einsätze denn auch nicht systematisch aufgestellt, sondern nebulös und eher verschämt: Beim „Ausbau von Strategiefähigkeit“ … „geht es auch um die Entwicklung (sic!) von Kriterien, die Messbarkeit und Evaluierung ermöglichen“ (Weißbuch 2016, Nr. 4.1, S. 57). Im Klartext: Unsere robusten, raumgreifenden Auslandseinsätze exekutieren wir bis heute zu unbesonnen und unreflektiert. Oder auch: Sie sind kein Beispiel für evidenzbasierte Politikentwicklung.

Wenn die vorgenannten Konflikte eine Herausforderung des Westens waren, dann hätte der Westen diese Prüfung offensichtlich nicht bestanden; wir müssten nun etwas anderes suchen als das ewige „Mehr desselben“. Der collateral advantage eines neuen, achtsameren Weges wäre mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit: Wir würden weniger weltweite Migration triggern und träten weniger terroristische Hornissennester los. Mich jedenfalls würde das erleichtern.

Anm. zu "Mehr desselben" 
Paul Watzlawick beschreibt in seiner genialen "Anleitung zum Unglücklichsein" eine Beharrlichkeit, die in immer weitere Verstrickung führt, treffend als Syndrom einer doppelten Blindheit: "Erstens dafür, dass die betreffende Anpassung (Bezug: eine früher sinnvolle Überlebensstrategie) eben nicht mehr die bestmögliche ist, und zweitens dafür, dass es neben ihr schon immer eine Reihe anderer Lösungen gegeben hat, zumindest nun gibt. Diese doppelte Blindheit hat zwei Folgen: Erstens macht sie die Patentlösung immer erfolgloser und die Lage immer schwieriger, und zweitens führt der damit steigende Leidensdruck zur scheinbar einzig logischen Schlussfolgerung, noch nicht genug zur Lösung getan zu haben. Man wendet also mehr derselben "Lösung" an und erreicht damit genau mehr desselben Elends." (Paul Watzlawick, Anleitung zum Unglücklichsein, Piper, 16. Aufl. 1997, S. 28f)

Mittwoch, 18. Juli 2018

TRUMP vs. KANT. TRUMP wins.



Armaments make for jobs make for re-election. Trump knows.
Armaments make for crises make for war. Kant knows.
"Really great!", Trump says, "Wars make for reconstruction deals and for armament deals."
And so on…

Please have a closer look at Kant's “Perpetual peace” in a very fine translation. It is older than 200 years of age – but it is far more up-to-date we would wish it was: https://archive.org/details/perpetualpeacea00kantgoog
or, to be downloaded as a pdf file fit for cut&paste:
http://lf-oll.s3.amazonaws.com/titles/357/0075_Bk.pdf
By way of precaution right at the beginning an introductory remark to Kant’s title line “Perpetual peace”: This is a sort of grim joke of the author; it’s definitely not due to any philosophic dreams abstract from human reality as some blockheads could deride him for - and do have derided him over the centuries. The booklet’s headline is programmatically borrowed from the name of a Dutch tavern situated right besides a large cemetery.

Some parts of Kant’s work relevant in this context:
First section, containing the preliminary articles of perpetual peace between states (translation p. 107)
3. Standing armies (miles perpetuus) shall be abolished in course of time.
For they are always threatening other states with war by appearing to be in constant readiness to fight. They incite the various states to outrival one another in the number of their soldiers, and to this number no limit can be set. Now, since owing to the sums devoted to this purpose, peace at last becomes even more oppressive than a short war, these standing armies are themselves the cause of wars of aggression, undertaken in order to get rid of this burden. To which we must add that the practice of hiring men to kill or to be killed seems to imply a use of them as mere machines and instruments in the hand of another (namely, the state) which cannot easily be reconciled with the right of humanity in our own person.*)
*) A Bulgarian Prince thus answered the Greek Emperor who magnanimously offered to settle a quarrel with him, not by shedding the blood of his subjects, but by duel: "A smith, who has tongs, will not take the red-hot iron from the fire with his hands.”
The matter stands quite differently in the case of voluntary periodical military exercise on the part of citizens of the state, who thereby seek to secure them- selves and their country against attack from without, The accumulation of treasure in a state would in the same way be regarded by other states as a menace of war, and might compel them to anticipate this by striking the first blow. For of the three forces, the power of arms, the power of alliance and the power of money, the last might well become the most reliable instrument of war, did not the difficulty of ascertaining the amount stand in the way.

Second section, containing the definite articles of a perpetual peace between states (translation, page 121)
Now the republican constitution apart from the soundness of its origin, since it arose from the  pure source of the concept of right, has also the prospect of attaining the desired result, namely, perpetual peace. And the reason is this. If, as must be so under this constitution, the consent of the subjects is required to determine whether there shall be war or not, nothing is more natural than that they should weigh the matter well, before undertaking such a bad business. For in decreeing war, they would of necessity be resolving to bring down the miseries of war upon their country. This implies: they must fight hemselves ; they must hand over the costs of the war out of their own property; they must do their poor best to make good the devastation which it leaves behind ; and finally, as a crowning ill, they have to accept a burden of debt which will embitter even peace itself, and which they can never pay off on account of the new wars which are always impending. On the other hand, in a government where the subject is not a citizen holding a vote, (i.e. in a constitution which is not republican), the plunging into war is the least serious thing in the world. For the ruler is not a citizen, but the owner of the state, and does not lose a whit by the war, while he goes on enjoying the delights of his table or sport, or of his pleasure palaces and gala days. He can therefore decide on war for the most trifling reasons, as if it were a kind of pleasure party.*) Any justification of it that is necessary for the sake of decency he can leave without concern to the diplomatic corps who are always only too ready with their services.
*) Cf. Cowper: The Winter Morning Walk:
“But is it fit, or can it bear the shock
Of rational discussion, that a man,
Compounded and made up like other men
Of elements tumultuous, …

Should when he pleases, and on whom he will,
Wage war, with any or with no pretence
Of provocation giv’n or wrong sustain’d,
And force the beggarly last doit, by means
That his own humour dictates, from the clutch
Of poverty, that thus he may procure
His thousands, weary of penurious life,
A splendid opportunity to die?”

“He deems a thousand or ten thousand lives
Spent in the purchase of renown for him,
An easy reckoning.” [Tr.]

Samstag, 2. Dezember 2017

Lavamat – zu wenig und zu viel Kohle



Besser, ich wasche mir die Hände in den nächsten Tagen nicht mehr. Es gibt noch mehr Schwarz als das in alten Philips-Bandgeräten oder im Ansaugtrakt eines KIA Sportage - siehe dazu meine zuvor verlinkten letzten Posts.

Gestern Nachmittag stellte unsere etwas betagte Waschmaschine das Schleudern ein. Zu allen gesondert abrufbaren Funktionen – Abpumpen, Schleudern – nur noch ein missmutiges Brummen und Stillstand der Wäschepflege. Rückseite aufgeschraubt, hineingeleuchtet: Der Antriebsriemen vom Motor zur Trommel ist okay; an einer Motorseite ist der Boden deutlich schwärzer. Mal wieder was mit Kohle offenbar. Nach Ausbau des E-Motors (geht relativ einfach durch Herunterschieben des Antriebsriemens (dabei diesen leicht in Laufrichtung verschieben), durch Lösen von vier Schrauben und behutsames Herausklopfen aus der weißen Kunststoff-Halterung (mein Rat: Vorsichtshalber ein passendes Brett oder dergleichen unter den Motor legen/klemmen, damit die Schrauben entlastet sind und der Motor auch nicht ruckartig zu Boden geht; das folgende Bild bitte in Gedanken nach links drehen - weiß der Geier, warum blogger es beim Hochladen so schwindelerregend abgegekippt hat)

Bild gedanklich um 90 Grad nach links drehen ;-)
und nach Ausbau der Kohlenträger die klare Diagnose: Eine Kohlebürste schimmert noch adrett metallisch – diese hatte noch ein paar Monate Zeit. 

links: läuft / rechts: ausgelaufen
Die zweite dagegen ist noch einige Millimeter kürzer und auch recht verkokelt diese Kohle hatte gerade ihr Letztes gegeben, als sie von ihrer endlichen Zuleitung vom Kollektor abgehoben wurde. Anm.: Die Kohlenträger können Sie mit je zwei Kreuzschlitzschrauben lösen und herausnehmen, aber dazu immer das genau passende Bit wählen und wegen des dort recht eng bemessenen Arbeitsraums eine möglichst schmale Bitaufnahme (oder natürlich gleich einen genau passenden Schraubenzieher). Denn wenn die Schraube mal verwürgt ist, dann hat man/frau ein größeres Problem.
Nun den Ersatz suchen, ggf. bei einem gut sortierten Elektrofachgeschäft bzw. Elektro-Installateur oder auch im Internet. Die Kohlen selbst haben im Grunde ein Standard-Maß (5 x 12,5 x ca. 40 mm; geeignet für einen Kohlenträger von 57 mm Länge) und werden unter diversen Marken wie AEG, Bosch, Privileg etc. verbaut. Bei den Trägern gibt es allerdings Unterschiede. Manche – wie meine beiden – sind mit „R“ gekennzeichnet, manche für einige andere Waschmaschinen mit „L“. Ich gehe davon aus, dass dies nicht etwa auf „rechts“/„links“ am Motor angebracht hinweist, sondern auf „rechtsdrehender“/ „linksdrehender“ Motor; es macht damit einen ganz wesentlichen Unterschied und keinesfalls sollte man die falschen oder gemischte Träger verbauen! Sonst läuft es sehr schlecht und/oder sehr kurz.
Im Grunde spielt das aber für mein Problem gar keine Rolle, für die meisten anderen Kohlebürsten-Affären gestresster Waschmänner oder -frauen ebensowenig. Denn verbraucht sind typischerweise ausschließlich die Kohlebürsten selbst, nicht etwa die Träger, und die Kohlenbürsten für sich sind im Grundzustand nicht chiral bzw. spiegelsymetrisch; sie eignen sich daher sowohl für "R"- wie auch für "L"-Träger. (Anm.: Nur wenn sie bereits eingelaufen sind und im Ausnahmefall nochmals eingebaut werden sollten, dann nur auf derjenigen Motorseite, an der sie sich schon eingewöhnt hatten!) Die Träger wiederum bestehen aus zwei schwarzen Kunststoff-Schalen, die senkrecht zur Längsachse der Kohlen sehr elegant, fast unmerklich ineinander gesteckt sind, und aus einer dazwischen eingelegten Messingführung für die eigentliche Kohlebürste und ihre Andruckfeder. Ein Austausch allein der Kohlen ist wirklich überhaupt kein Problem. Im folgenden Bild: Linkerhand die vier demontierten Elemente einer Bürsten-Einheit, rechts ein noch zusammengebautes Element, siehe dort auch das oben erwähnte "R" etwas oberhalb der Mitte, das für meine Waschmaschine typisch ist. 

links: die vier Teile einer Kohlebürsten-Einheit demontiert
rechts: noch zusammenhängend; zum aufgeprägten "R" siehe Text oben

Dass zumeist nur die eigentlichen Kohlen auszutauschen wären, das hindert aber etwa AEG nicht daran, über seine Serviceseite https://shop.aeg.de/ als Kohlebürsten die gesamte Einheit feilzubieten, und zwar zum einmaligen Angebotspreis von 52 €, siehe bei Bedarf unter https://shop.aeg.de/W%C3%A4schepflege/Waschmaschinen/Motoren-%26-Pumpen/FHP-Kohleb%C3%BCrste-f%C3%BCr-Waschmaschinen/p/4006020327
Wenn man/frau dagegen nur die reinen Kohlebürsten ersetzt, dann ist viel teures Geld zu sparen und man/frau schont dabei auch noch ein wenig die Umwelt, der man/frau ansonsten die alten Kohleträger zur weiteren Sorge anempfehlen müsste. Wer im Internet etwa unter der Siemens-Spezifikationsnummer 154740 sucht oder halt unter dem jeweils eigenen Waschmaschinen-Typ, der findet schnell diverse Angebote unter 10 €
Zur Erbauung: Ich fand auch eine interessante Offerte zu 62,75 €, und zwar nur für die Kohlebürsten, nicht etwa inklusive Träger (!!!). Dafür wird allerdings mit kostenloser Lieferung geworben (na ja, das Porto könnte bei diesem Preis auch locker drin sein). Derzeit ist der Artikel dort aber nicht auf Lager. Zum Glück, möchte ich meinen, für so viel Kohle!



Ach ja, und zwischendurch kommt noch verschärfte Surfer-Freude auf: Während ich gerade die notwendigen und hinreichenden Kohlen google und auch schon fündig werde, da poppt ebenso fröhlich wie ungefragt ein Gewinnspiel auf: Unter dem Header „Mitgliedschaftsbelohnungen / Sign in“ werde ich plötzlich gegrüßt per „Herzlichen Glückwunsch Deutsche Telekom AG Nutzer, Sie haben heute Glück!“ Ohne viel Federlesens verlässt der Bot auch schon die Ebene der förmlichen Anrede und schwenkt um auf ein fraternisierendes, gleichzeitig zur Eile drängendes „Du hast nur 3 Minuten und 2 Sekunden, um die drei Fragen zu beantworten, bevor ein anderer glücklicher Besucher das Geschenk erhält. Viel Glück!“ Frage Nr. 1 von dreien lautet, mich schauert's: „Wer hat Microsoft gegründet?“ Ermunternd fügt der Bot noch an, in welch’ trostloser Minderheit die Nicht-Wisser vegetieren: „97% richtig beantwortet“ und bietet sodann eine trifold choice zwischen Bill Gates / Mark Zuckerberg / Warren Buffett, schiebt sicherheitshalber auch noch den begeisterten Tweet eine attraktiven jungen Dame nach, die an der Supermarkt-Kasse ihr Alter angeben müsste: „Ich war mir nicht sicher, ob das wirklich wahr ist oder nicht, aber ich habe heute tatsächlich mein iPhone 7 erhalten!“ Ich weiß, der Bot will nur mein Bestes und sein eigenes Glück, also meine Daten, und investiere die drei Minuten in tiefe Selbstversenkung, um endlich an meine Kohlen zu kommen.
Indessen: Auch als ich beim Schürfen nach Glück und/oder Smartphones nur noch 0 Minuten und 0 Sekunden übrig habe, als ich quasi schon über den Abgrund hinausgeschritten bin, da kann ich meinen Browser nicht mal mehr per leftwards arrow dazu verleiten, auf diejenige Seite zurück zu springen, die ich vor dem einschmeichelnden Versprechen des heiligen Bot angewählt hatte. Ich muss dämlicherweise über die Historie gehen. Aber: Strafe muss halt sein, bei so unerhörter digitaler Verweigerung. Weiß der Schöpfer, wie viele Megawattstunden Bill Gates' Nachfolger und/oder die Bundespost-Nachfolger über solch’ plumpvertrauliche Spielchen Tag um Tag als CO2 in den Himmel blasen lassen! Sogar aus gasförmiger Kohle kann man noch viel Kohle machen. Anm.: Wäre das Internet ein Land, es hätte den sechstgrößten Energieverbrauch auf Erden, siehe dazu z.B. https://www.swr.de/natuerlich/stromfresser-internet-wie-viel-energie-braucht-das-netz/-/id=100810/did=14939750/nid=100810/17wfi2i/index.html.

Falls mich jetzt jemand zart drauf hinweisen will: Ja, ich weiß, auch ich bin gerade digital unterwegs, schaffe mit bei diesem globalen Stoffwechsel von Daten auf Watt, von Watt auf Klimagase. Bin voller Elan mit dabei, den viele Millionen Jahre währenden Prozess - im Falle des Erdzeitalters Karbon  allein ca. 50 Mio. Jahre - des pflanzlichen Fixierens von atmosphärischem Kohlendioxid in wenigen hundert Jahren zurückzudrehen. Und damit zurückzufinden zu einem IQ, der zur Zeit des Karbons - in heutigen Maßstäben gemessen - deutlich unter dem Wert 1 gelegen hätte. Tröste mich damit, das es hier für einen guten Zweck sein soll. Aber genau das sagen auch alle anderen mit IQ > 1 ...

Die Fortsetzung 

Tja, meist gibt es eine Geschichte hinter der Geschichte oder - das wäre hier genauer - eine Geschichte nach der Geschichte. Die hoffentlich inzwischen wieder Geschichte ist. Doch zurück in den Waschkeller:

Zwei Tage war ich meiner Frau Held. Dann stellte die frisch reparierte Waschmaschine den Dienst schon wieder ein. Wortlos und als sie noch randvoll Wasser war. Welch' trübe Fluten sich dann, zur Vorbereitung neuer Arbeit, über den Kellerboden Richtung Abfluss verflüchtigen mussten. Meine nächsten Schritte: Ich habe die o.g. Kohlen gleich wieder rausgerupft; allerdings hauptsächlich deswegen, weil sie ein, wie ich bauchgefühlsmäßig fand, seltsam sirrendes Geräusch abgegeben hatten und ich ihnen dann nicht mehr so recht traute. Im Internet hatte der Anbieter mit einer "Sandwich"-Struktur geworben = Zonen unterschiedlicher Materialhärte, die sich wohl positiv auf die Standfestigkeit auswirken sollten. Beim näheren Betrachten des Kollektors hatte es allerdings den (ggf. subjektiven) Anschein, dass dafür dort die Abnutzung höher war - und den Kollektor kann man halt schlecht oder gar nicht tauschen. Dann beim Elektriker meines Vertrauens gegen 25€ (das Dreifache!) die Kohlen gekauft, die - wie er fröhlich sagte - immer gerne einbaut. Das Einbauen machte dann aber gar keinen Spaß: Während meine Billig-Kohlen absolut maßgerecht gewesen waren und geradezu in den Träger hineingeflutscht waren, waren die Anschlusslaschen der heiß empfohlenen Kohlen ca. 0,4 mm zu breit für die Ihnen zugedachte Aufnahme und ich musste ca. 30 Min. daran herumfeilen, bis sie sich zu integrieren bequemten. Alles wieder eingebaut, gleichzeitig noch einen Gummifaltenbalg ersetzt, der seit einiger Zeit ein wenig inkontinent war. Sehr unbefriedigend aber: Alles das hatte logisch eigentlich noch gar nichts mit der oben beschriebenen Ausfallerscheinung zu tun. Auch an der Laugenpumpe, die bürstenlos und im Grunde unkaputtbar arbeitet, war nichts besonderes festzustellen, insbesondere kein etwa sperrender Gegenstand im Pumpengehäuse. Was bitte hatte dann die Maschine zum Stehen gebracht? Habe dann noch das Siphon in dem Abwasserrohr gecheckt, durch das die Maschine nach dem Waschvorgang gelenzt wird. Ebenfalls: Nichts festzustellen. Wie die Artisten in der Zirkuskuppel: ratlos.

Dann, aber eher hilflos oder zufällig, versuche ich mal in das Abwasserrohr hineinzupusten. Und damit lande ich einen Glückstreffer: Zunächst etwas größerer Widerstand, dann praktisch keiner mehr. Und damit klärt sich das Schadensbild nach dem Motto "Der Teufel ist ein Eichhörnchen!" und Folgendes war der mutmaßliche Ablauf: Das Abwasserrohr verläuft (eigentlich: verlief) über ca. drei Meter mit geringem, aber vermutlich völlig DIN-gerechtem Gefälle in Richtung Hausentwässerung. Der Anschlussstopfen der Waschmaschine wird an der Wand durch eine senkrecht verlaufende Plastikklaue gehalten - und hatte sich im Laufe der Jahre unbemerkt um diverse Zentimeter nach unten verschoben, mit der Folge, dass statt Gefälle nun ein kaum sichtbarer Durchhänger oder Bauch ausgebildet hatte. In diesem Bauch hatten sich mit der Zeit offenbar Waschrückstände bis hin zu einem Propfen angesammelt - und das schlichte Flügelrad der Laugenpumpe, das wohl höchstens einen Meter Wassersäule stemmen kann, war zunehmend überfordert. Das Ganze dürfte den Motor schon länger über Gebühr belastet haben, mit der Folge beschleunigten Kohlenverschleißes. Also: Was ich als Ursache des Übels angesehen hatte - die abgebrannten Kohlen - das war selbst schon die Folge eines anderen Problems. Shit happens. Nun läuft sie wieder. Ohne sirrende Kohlen. Und völlig kontinent.

Vorerst bin ich wieder Held.


Mittwoch, 29. November 2017

Drosselklappe oder: heart of darkness


Das schwärzeste Schwarz meines Lebens, dachte ich, hätte mir Philips mit seiner Gummi-Pest beschert. Bis vor ein paar Tagen im Armaturenbrett unseres KIA Sportage eine kleine Lampe erst hin und wieder, dann dauerhaft zu glimmen begann; es ist eine Lampe, die eine Vielzahl von Motorstörungen anzuzeigen vermag. Gleichzeitig begrenzte unser Motor sein Leistungsangebot auf maximal 3.000 rpm. In jedem Gang. Der in der Werkstatt per Tester ausgelesene Fehlercode P2113 besagte fast harmlos klingend: „Positionssensor B – minimale Endposition nicht i.O.“. Tja, so sagte man mir auf nähere Nachfrage, das könne bedeuten, dass die Drosselklappe defekt und auszuwechseln wäre. Kostenschätzung: etwa 800 €. Nein, so hieß es auf meine Nachfrage, daran sei eigentlich auch wenig zu reparieren; typischerweise wäre die Elektronik der Drosselklappensteuerung nach einiger Zeit verkokt und/oder verölt – durch diese Klappe wird nämlich auch Abgas in die Verbrennungsräume zurückgeführt, um die NOx-Werte zu mindern – und das Bauteil gebe es auch nur als Ganzes, nicht etwa die Elektronik gesondert. Es könnten aber durchaus auch noch weitere Teile defekt und auszuwechseln sein, etwa das Abgasrückführungs-Ventil, das nach einiger Laufleistung ebenso zum Verkoken neige; dieses Ventil sei zwar als reines Ersatzteil billiger, aber es sei viel schwerer einzubauen – Kostenschätzung: etwa 600 €.
Nun – unser Sportage ist lockere 205.000 gelaufen, soviel Geld wollten wir nicht noch hineinhängen, in einen Diesel zumal, von dem niemand weiß, wann den wer noch kaufen wollen wird. Drum hole ich mal das Werkzeug heraus. Zum Glück liegt die Drosselklappe sehr gut zugänglich unter dem Motor-Abdeckschild, direkt zwischen dem querliegenden Zylinderblock und dem Ventilator.
 

Die Klappe: Oben noch an Ort und Stelle, unten im ausgebauten Zustand:

Dabei eröffnet sich ein interessanter Einblick in den weiterführenden Ansaugkanal: Der ist nach den 200 Tkm zu mindestens 10% seines Querschnitts mit tiefschwarzem Ölkohlenschmier angefüllt. Vor wenigen Tagen habe ich zufällig in Jena einen Stukkateur-Spachtel gekauft (in einem dieser fast ausgestorbenen Haushaltswaren-Geschäfte mit mindestens 10 Regalmetern prächtigem Werkzeug); mit diesem Spachtel kann man die kohlige Pracht wunderbar herausschaben.
heart of darkness

darkness


Interessant wird es auch beim Öffnen der Drosselklappen-Steuerung. Wie vorausgesagt: völlig verölt - hier zwei Bilder nach dem Motto vorher/nachher:

unten: low carb
Nachher meint: Mit Terpentinersatz und zehntausend Wattetupfern von öliger Sauce gesäubert treten nun auch SMD's etc. wieder zu Tage. Vorsicht: die erst im unteren Bild (Mitte) gut sichtbaren sieben feinen Drähtchen haben den Querschnitt von Fliegenbeinen, sie sollten also höchstens mit einem weichen Pinsel gereinigt werden; sie sind ggf. nach der Reinigung auch wieder vorsichtig so zu positionieren, dass kein Masseschluss droht.

Eine vergrätzte Anmerkung: Ich bin ein Gegner der Todesstrafe. Konstruktionen wie diese könnten mich allerdings dazu verleiten, für bestimmte Ingenieure (nicht etwa Koreaner - denn jedenfalls die Drosselklappeneinheit hat keinen Migrationshintergrund; außen prangt "Siemens VDO") Ausnahmen zu tolerieren. Tatsächlich hätte man das Risiko eines Verölens der Elektronik deutlich herabsetzen können, hätte man diesen Teil der Steuerung nur oberhalb der Drosselklappe angeordnet, meinetwegen auch seitlich; Platz genug ist vorhanden. Aber schräg darunter, dabei dann auch unter der ständig bewegten Welle der Drosselklappe, ist die Wahrscheinlichkeit, dass Öl der Schwerkraft folgend entlang der Klappen-Welle und vorbei an einem vermutlich sterblichen Simmering zur Elektronik gelangt, mit zunehmender Zeit beträchtlich, zumal auch zwischen der Mechanik und der Elektronik keinerlei Trennung wie etwa eine Membrane vorgesehen ist. Für mich sieht es wie eine Sollbruchstelle - oder Sollschmierstelle - aus, und das stimmt verstimmt. Fachsprachlich könnte man das Ganze als geplante Obsoleszenz deuten, ein wichtiges Hormon einer Konsum-abhängigen, aber auf Sicht nicht nachhaltigen Ökonomie. Den ökologischen Rucksack dieser Einheit mit viel Aluminium, einigem Kupfer und diversen seltenen Erden in der Elektronik schätze ich auf deutlich > 100 kg. Die Aussichten auf ein reales Recycling - ganz oder in Teilen - dürften dabei höchst gering sein: Nach Aussagen mehrerer Werkstätten werden bei Funktionsproblemen typischerweise keine Austauschteile, sondern eben Neuteile verbaut - wohl auch, um auf "Nummer sicher" zu gehen und späteren Reklamationen vorzubeugen. Anm. dazu: Tatsächlich sind an dieser Drosselklappeneinheit die mechanisch/elektrische Verstellung und die Elektronik zwei voneinander leicht trennbare, individuelle Baugruppen - lediglich vier Torxschrauben sind herauszudrehen - und nur im absoluten Ausnahmefall werden einmal beide Konponenten gleichzeitig defekt werden.


Zurück zu meinem Fall: Alles gut gereinigt wieder zusammengebaut, die Batterie für ca. 5 Minuten abgeklemmt (das soll helfen, damit der Wagen seine Sensoren neu erkennt und vorhandene Einstellungen resetted), gestartet - unser Sportage springt ohne Probleme an und läuft wieder rund; bei der Probefahrt ist die Leistung auch wieder adäquat - die Grenze von 3.000 rpm, die offenbar durch ein Notlaufprogramm vorgegeben war, ist wieder aufgehoben. Die Kontrolllampe für die Motorsteuerung hält sich vornehm zurück. Etwas irritierend ist noch die Verbrauchsanzeige, die nun Werte um die 15 Liter / 100 km meldet. Ich hoffe, das ist nur ein anfänglicher Messfehler nach dem Reset; nach der fühlbaren Motorcharakteristik müsste die Maschine eigentlich runder, leichter und sparsamer laufen.

Gut - ich weiß nicht, wie lange die Sache hält - beim Schwarz meiner Finger kalkuliere ich 2 - 4 Tage.


Aber es gibt jedenfalls neue Hoffnung. Und das waren die drei Stunden Bastelei (bei glücklicherweise gutem Wetter) und die verkohlten Finger (ging mit Spülmittel dann schon mal zu 90% wieder ab) wert. Schau'n wir mal!

Samstag, 18. November 2017

Philips 4307: bejahrt, aber richtig schön



Eine gute Bekannte weiß: Ich bastle und repariere gerne. Sie trägt mir ein Tonbandgerät aus den späten Sechzigern an; das gibt leider schon lange keinen Mucks mehr von sich. Und sie hat noch diverse Bänder aus der wilden Zeit, als alles auch noch nicht so chic – und manchmal steril – digital klang. Mal sehen:
1. Die Familien-Anamnese:
Die in den frühen Sechzigern von Philips gebauten Geräte waren noch weit entfernt von den späteren „High Fidelity“-Bandmaschinen. Das Modell 4307 hat zwar schon einen Viertelspurkopf, kann aber kein Stereo (eine Verstärkerstufe gespart), es hat keinen Bandzugskomparator (eines der Zauberworte, mit denen sich junge Männer dieser Ära beim small talk als Wissende ausgaben), hat auch keine Endabschaltung und das Band läuft immer mit der gleichen Geschwindigkeit, nämlich 9,5 cm/sec. Ein und der gleiche Motor ist darin allzuständig – für den Capstan-Antrieb (die schmale Achse über einem relativ großen Schwungrad, an die eine Andruckrolle das Band presst und damit unabhängig vom Aufwicklungsradius der aufnehmenden Bandspule mit gewissem Gleichlauf transportiert), für das Vor- und Zurückspulen und auch für den zusätzlichen Zug der aufnehmenden Bandspule (für ein kontrolliert festes Aufwickeln), wobei eine Rutschkupplung die jeweils je nach Spulenfüllung wechselnden Geschwindigkeitsdifferenzen aufnimmt. Der bürstenlose Motor hält typischerweise ewig, auch die erstaunlich einfache Elektronik


wird selten ein Problem werden; allenfalls die Elektrolytkondensatoren könnten chemisch bedingte Alterungserscheinungen zeigen – das kann man dann aber zumeist äußerlich identifizieren und gezielt beheben. Eine weitere Schwachstelle sind durch Zeitablauf und/oder durch widrige Lagerbedingungen oxidierte Reibflächen der Dehwiderstände aka Potentiometer, insbesondere des für die Lautstärke zuständigen Potis. In sehr vielen Fällen behebt sich dieses Problem fast von selbst, wenn man während des Betriebs des Tonbandgeräts die Potis mehrfach herauf- und herunterregelt, ggf. dabei auch ein wenig achsialen Zug und Druck appliziert (sensibel, nicht mit dem Hammer!). Teils ist die Funktion nachher wieder stabil, teils bleibt ein etwas labiler Zustand, dem man hin und wieder nachhelfen (neudeutsch: nudgen) muss, ggfs. muss man sich auch mit leicht krächzenden Tonstörungen anfreunden. Vintage halt. Wie wir.


Die recht robuste Mechanik dieses Geräts – und einiger folgender Baumuster wie des RK25 und RK37 etc. – hat allerdings ein sehr, sehr unschönes Problem eingebaut: Elastische Komponenten wie insbesondere Treibriemen und Bremsgummis, auch in den o.g. Rutschkupplungen, können sich nach einigen zehn Jahren zu einer zähflüssigen Creme


zersetzen, mit einer Viskosität zwischen Nutella und Marmelade und einem Lichtschutzfaktor, der selbst den beliebten Schoko-Brotaufstrich noch um das Tausendfache schlägt.
2. Erstuntersuchung dieses Geräts
-        Bei Einschalten normales Motorgeräusch und
-        der rechte Bandteller läuft (ohne Drücken von „Abspielen“) kontinuierlich mit, bei allerdings nur geringem Drehmoment.
-        Der linke Bandteller ist ungebremst bzw. frei beweglich; wenn man ihn dreht, läuft das Bandzählwerk mit (was es soll).
-        Die Capstan-Welle steht still (sie sollte kontinuierlich vom Einschalten bis zum Ausschalten des Geräts rotieren); Tasten „Schneller Vorlauf“ und „Schneller Rücklauf“ zeigen keinerlei Reaktion bei den beiden Bandtellern. Taste „Abspielen“ führt immerhin die Andruckrolle unter Druck an die Capstan-Welle.
-        Nach dem Einlegen eines Bandes und Drücken der Taste „Abspielen“ zunächst keine Wirkung, nach mehrfachem Vor- und Zurückdrehen des Lautstärke-Drehreglers erste Töne und bei langsamem Durchziehen eines Bandes auch Jaul-Töne aus dem Lautsprecher (mehr als Jaulen ist bei diesem irregulären Bandtransport auch nicht zu erwarten ;-)
-        Auf dem Tonkopf keine sichtbaren Anlagerungen und auch keine (durch jahrelangen Dauer-Gebrauch eingeschliffenen) Riefen; Löschkopf leicht verdreckt, im Übrigen eher geringe Verschmutzung.
-        Von den eloxierten Aluminiumflächen, mit denen das Kunststoff-Gehäuse (durchaus hochwertig anmutend) beplankt ist, haben sich einige teils gelöst, dito auf den Bandtellern. Das Gehäuse ist etwas verschmutzt, Holzflächen (seitliche Flanken) sind ein wenig stumpf; die chromfarbene Blende um die Bedienungstasten ist locker.
Erste Diagnose
-        Elektronik/Elektrik/Mechanik sind im Wesentlichen in Ordnung.
-        Von den mehreren Riemen des Geräts ist wohl nur (oder: ausgerechnet) der Hauptreibriemen defekt sowie die Kupplungen in den Bandtellern
3. Befund nach Öffnen, Therapie
Haupttreibriemen
Der Hauptreibriemen hat sich hier tatsächlich zu einer trägen Masse verflüssigt und hat sich auf der Oberseite des Metallchassis zur ewigen Ruhe gebettet. Man kann es noch ein wenig nachvollziehen bei der kleinen Bürste, durch die der Riemen kontinuierlich läuft: Von der Bürste getragen sind die Reste des Riemens noch auf luftigem Niveau – und links und rechts davon ist er müde abgesackt, hält sich ansonsten nur noch elend in der Nut der weißen Umlenkrolle, die man im folgenden Foto am oberen Bildrand sieht.

Das heißt nun: Alle Reste sorgsam mit einem geeigneten Werkzeug (z.B. mit einem schmalen Federmesser, gut geeignet ist auch ein Stukkateur-Spachtel mit abgewinkeltem Griff und einer flachen sowie einer spitz zulaufenden Klinge) mechanisch abtragen, insbesondere natürlich aus den Nuten beider Umlenkrollen und aus den Nuten des Schwungrades und des Antriebsmotors; sodann die Reste mit geeignetem Lösungsmittel entfernen (ich benutze Isopropyl-Alkohol, gibt’s in Apotheken, z.B. zur Desinfektion und zum Bereiten von kühlenden Umschlägen),

insbesondere aus den Nuten so gut wie es geht. Bei den Nuten hilft bisweilen auch eine in Alkohol getauchte Schlinge aus ca. 3 mm starkem Bindfaden, unter der man etwa die Umlenkrollen durchdrehen kann.  (Einmal-)Handschuhe sind dabei immer eine gute Idee, denn der verweichlichte Gummi haftet wie der Teufel. Man kann sich die Arbeit etwas erleichtern, wenn man die befallenen Teile kühlt und damit die Viskosität des zähen Pech-Schleims wieder ein wenig heraufsetzt, etwa mit Vereisungsspray oder durch Herunterkühlen (wohl meist kleinerer Teile) im Kühlfach oder in der Kühltruhe. Zum abschließenden Reinigen der Hände etc. eignet sich ein starkes Spülmittel und (recht) heißes Wasser; nach meiner Erfahrung seltsamerweise hilft das aber weniger auf den o.g. Geräteteilen.
Ersatzriemen gibt es von verschiedenen Anbietern im Internet; die Preise sind jeweils ähnlich (Größenordnung 20 €). Wichtig nur: jedenfalls für den Haupttreibriemen einen Vierkant-Querschnitt wählen, nicht einen (billiger angebotenen) kreisförmigen Querschnitt – denn nur das quadratische Profil fügt sich vollflächig in die Philips-Nuten ein und garantiert die definierte Kraftübertragung. Anm.: Wenn das Gerät schon einmal geöffnet ist, dann sollte man zur Sicherheit auch alle Riemen tauschen – in meinem Fall eben auch diejenigen für das Bandzählwerk und für den Vorlauf des rechten Bandtellers; sie waren grundsätzlich noch intakt, allerdings leicht erschlafft.
Kupplungen in den Bandtellern
Die Bandteller liegen mit einer definiert gleitenden Filzfläche (wenn man so will: mit einer ersten Kupplung) auf einer (zweiten) Kupplung aus zwei ineinander ruhenden flachen Kunststoff-Schalen auf. Zwischen diesen zwei Schalen liegen vier kleine Gummi-Zungen; diese Zungen sperren die beiden Schalen in jeweils einer Drehrichtung gegeneinander, in der anderen Richtung sollen die Schalen (weitgehend) frei gegen einander rotieren können, insbesondere beim schnellen Vor- und Rücklauf. Oder auch: Die Kupplungen sind so etwas wie mechanische Dioden.
Leider teilen die o.g. Zungen häufig das Schicksal des Haupttreibriemens – sie zersetzen sich zu zähflüssigem Lakritz.

Also auch hier: Säubern und ersetzen. Dazu müssen die beiden Wellen der Bandteller von unten gelöst werden; beim linken Teller ist unten zusätzlich die Rolle für den Antrieb des Zählwerkes abzuziehen; beim rechten Teller kommt man leider erst nach Demontage des Motors an den Sicherungsring der Welle (alles das ist aber mit etwas Geduld und normaler Werkzeugausstattung zu stemmen ;-). Ich habe die neuen Zungen dann aus Sohlen-Gummi zugeschnitten und eingepasst – das geht, weil die Kupplung kein spezifisches Drehmoment liefern muss, sondern nur quasi digital „Sperren“ und „Durchrutschen“, das kann man recht gut von Hand überprüfen (auf dem folgenden Bild sehen Sie unten unten die Kupplung des linken Bandtellers von unten gesehen; hier zeigen die Zungen nach rechts; bei der Kupplung des rechten Bandtellers sind sie von unten gesehen nach links ausgerichtet, sperren also in die andere Drehrichtung - im Bild fehlen auch noch zwei der vier Zungen).

Es muss nicht das Sohlen-Gummi sein, das ich gerade bei der Hand hatte. Mindestens ebensogut, wenn nicht besser taugt die (meinetwegen auch gebrauchte) Gummilippe eines Scheibenreinigers oder etwas Ähnliches. Auf Youtube gibt es aber noch eine geniale andere Lösung zu bestaunen (https://www.youtube.com/watch?v=AndVoOon-xY): Dort ist jemand auf die Idee gekommen, statt der Zungen vier standardmäßige Gummi-O-Ringe in die vorgesehenen Aufnahmen hinein zu drücken (als Dimension ist dort genannt: „¾ diameter“, wohl in Zoll); auch das scheint gut zu funktionieren.
Pausenbremse, Reinigungsbürste
Zersetzt war ebenfalls die kleine Gummifahne, die bei Betätigen der „Pause“-Taste auf den linken Bandteller zu-rückt und diesen „in Pause“ fixiert. Ersatz wie bei den o.g. Kupplungen = Selbstzuschnitt aus Sohlengummi, es kommt hier nicht auf den Zehntelmillimeter an. Für die Rekonstruktion der völlig verklebten Reinigungsbürste, durch die Haupttreibriemen läuft, musste ein flacher Borstenpinsel mittlerer Größe dran glauben - die Bosten prophylaktisch mit einem Gummiring zusammenhalten und dann in der Falz der alten Bürste mit der Zange einquetschen.
Lockere Chromblende
Möglicherweise bei einer früheren Wartung sind die beiden Muttern/Gegenhalte der zwei Schrauben verschwunden, die die Chromblende fixieren. Lösung: zwei kleine Streifen aus 0,8 mm Alu-Blech mit passender Bohrung versehen und hinter den entsprechenden Gehäuse-Öffnungen leicht verkanten, Schrauben vorab in die Alustreifen eindrehen - zum Ausbilden d. Gewindes - und bei der Gesamtmontage von außen vorsichtig anziehen (im folgenden Bild: Bildmitte, ca. im oberen Drittel). Noch ein kleiner Nachtrag: Die Philips-Konstrukteure haben hier einen kleinen Scherz oder auch eine Art Falltüre eingebaut. Wer das Gerät als Laie zu öffnen versucht, dreht typischerweise auch mal an den beiden kleinen Schräubchen, die die Zierblende fixieren. Die Folge: Es verabschiedet sich mit kaum merklichem Klacken - Albtraum jedes Heimwerkers - der Gegenhalt = zwei kleine Vierkant-, manchmal auch Sechskantmuttern geradewegs nach innen/unten; die Schräubchen führen danach b.a.w. ein sehr freies Leben. Tatsächlich aber lässt sich die Deckplatte des Gehäuses völlig ohne Arbeit an diesen Schräubchen problemlos aus- und wieder einbauen. Man muss nur gleichzeitig die Aufnahme- und die Pausentaste bis zum Einrasten drücken - sofort ergibt sich ausreichender Raum zum Abheben des Deckels. Wer weiß denn sowas? Und die kleinen Muttern findet man dann, wenn's gut geht, im Gerät wieder, locker angeheftet an den Lautsprecher-Magneten ;-)


Aluminiumflächen
Neu verklebt. Geeignet ist u.a. ein Spezialkleber, mit dem man auch Marley-Kunststoff-Dachrinnen stabil verbinden kann. Kleber vorsichtig mit Federmesser auf die leicht angehobene Metall-Seite auftragen, einmal zusammendrücken, wieder lösen und nach 30 sec. endgültig zusammenpressen. UHU oder dergleichen tun’s vermutlich ähnlich gut.
Zusätzlich: Gummidämpfer
Beim Herausheben des Metallchassis aus dem Kunststoffgehäuse zeigt sich der Zahn der Zeit leider noch andernorts: Das Chassis ruht vibrationsgedämpft in vier normalerweise elastischen Gummitüllen, die einerseits auf vier aus dem Boden ragenden Stegen aufliegen und nach oben vom Gehäusedeckel begrenzt werden, durch den hindurch die vier con oben sichtbaren Chromschrauben alles zusammenhalten. Diese Tüllen zerbröselten teils bereits bei der Demontage, der Rest sah jedenfalls traurig und sehr unflexibel aus (siehe voriges Bild: oben rechts). Diese Tüllen haben von der Seite her betrachtet die Gestalt eines liegenden „H“. Originalen Ersatz habe ich nicht gefunden, auch nichts Ähnliches im Internet. Ich habe mir dann so geholfen: Auf die aus dem Boden ragenden Stege (oder, wenn Sie so wollen: Stalagmiten) bzw. auf die an deren oberen Ende daraus herausragenden Messingröhrchen mit Innengewinde habe ich jeweils eine Scheibe aus Sohlengummi mit passender Bohrung aufgesteckt, desgleichen nach Einlegen des Metallchassis noch über diesem, insgesamt also acht solcher Scheiben. Wichtig aber noch: Noch vor dem Auflegen der oberen Gummischeiben habe ich – das wurde dann der Querstrich in dem liegenden „H“ – noch aus einem passenden Gummischlauch aus einem alten Kosmoskasten jeweils 2 mm hohe Gummiringe geschnitten (voriges Bild: Mitte rechts, rot) und in die ringförmige Aussparung zwischen Metallchassis und Messingröhrchen eingelegt – damit entsteht ein definierter Seitenhalt und das Metallchassis kann sich auch bei senkrechter Lagerung des Tonbandgerätes nicht gegenüber dem Gehäuse verschieben. Klingt jetzt vielleicht etwas kompliziert, soll es aber nur erleichtern, falls Sie wegen des gleichen Problems wie ich improvisieren müssen – und dann das Unvorhergesehene bewältigen ;-)

Noch ein Bild kurz vor dem finalen Zusammenschrauben:

Ergebnis nach allem:
Das Tonband lebt wieder, höre etwa das Beispiel ganz am Ende. Es hat auch einen eleganten, fast wieder jugendlichen Charme. Es singt vielleicht direkt nicht in der „high fidelity“ einer Bandmaschine oder gar eines modernen MP3-Players, aber doch noch immer ganz attraktiv – damals kannte man es auch nicht anders und liebte es so; manche beten diesen Sound noch heute an. Nebenbei ist das Gerät eine richtige optische Schönheit, mit seinen seitlichen Flanken mit echtem Holzfurnier, das noch dazu nach guter alter Schreinerart in einander spiegelndem Mustern aufgebracht ist (habe mit Antikwachs aufgefrischt),

und mit seinen dezent abgetönt eloxierten Alu-Oberflächen on top (Reinigung einfach mit intensivem Spülmittel, ohne Schleifmittel-Anteile). Philips hatte damals einiges für’s Styling getan – und war bei der Technik zumindest Preisklassen-Durchschnitt.
Nach dem Reinheitsgebot einer wachstumsorientierten Marktwirtschaft mag es ja vielen völlig hirnrissig erscheinen, ein so altes und in jeder Hinsicht verstaubtes Gerät zu reanimieren. Nur – mir macht es Spaß, technische Rätsel und Problemstellungen aufzulösen, so wie anderen ein Sudoku oder dergleichen Entspannung verschafft. Und ich finde es jammerschade, ein Artefakt, wie es nun einmal auch ein betagtes Tonbandgerät ist, mit all seinen verbauten Teilen und Stoffen und mit all seinen spezialisierten Potenzialen – hier: besondere Datenträger auszulesen – in die Tonne zu treten. Ich denke, das ergibt auch ein wenig Nachhaltigkeit, technische Geschichtspflege und Entschleunigung.
Und: Wenn wir uns gesellschaftlich über maintainance mehr Gedanken machen würden, hätten wir vermutlich auch kein Problem wie das der Leverkusener Rheinbrücke – und mit viel anderer Infrastruktur, die trotz oder wegen schwarzer Nullen unbemerkt vor die Hunde geht. In einem folgenden Post stelle ich weitere Beispiele glücklicher Wiederbelebungen vor - vielleicht macht es Mut und/oder Spaß ;-)