Am
Montagabend hat der Burscheider
Bürgerstammtisch kein typisches Thema. Keines mit unmittelbarem Bezug zur
gewöhnlichen Kommunalpolitik, aber eines, das die Bürger/innen teils sehr
unmittelbar angeht: Auslandseinsätze der Bundeswehr, dargestellt an den
persönlicher Erfahrungen eines Remscheiders, des Hauptmanns Jens Nettekoven. Er
hat vor zwei Jahren in Afghanistan gedient, in Mazār-i Scharīf. Im
Badehaus,
einer Einrichtung des Burscheider
Kulturvereins, zeigt und erklärt er zunächst eine private Foto- und
Filmdokumentation. Er hatte das eigentlich für Frau und Tochter geplant -
um seine Aufgaben und seine Erlebnisse vor Ort begreiflich zu machen. Aber sie
hilft auch allen anderen, die Nachholbedarf zu diesem sperrigen Thema haben -
und die bekommen beeindruckende Information aus erster Hand dazu, was
Militärdienst am Hindukusch ganz konkret bedeutet. Es sind dann auch 30-40
Bürgerinnen und Bürger, einschließlich der örtlichen Presse und eines privaten
Senders, die hier zusammen gekommen sind. Das Durchschnittsalter dürfte über
fünfzig liegen - die ganz jungen werden entweder nicht vom Thema oder vom
Format eines Bürgerstammtischs angesprochen - schade, weil das hier sie
besonders angeht.
Jens
Nettekoven berichtet kurz über seine ca. zehn Verwendungen in der Bundeswehr seit
1998, als er als Wehrpflichtiger zur Bundeswehr kam und sich anfangs nie als
Berufssoldat vorstellen konnte. Sein Profil ist von Beginn an Personenschutz,
seine Motivation wird geweckt und er entwickelt sich zügig weiter: Heute hat er
längst ein betriebswirtschaftliches Studium nachgeholt und sein Offizierspatent
erworben, gehört zu den jüngsten Offizieren mit solcher Führungsverantwortung.
Vor zwei
Jahren kam Jens Nettekoven in Mazār-i Scharīf wieder nach Deutschland zurück;
vor Kurzem war bereits ein neuer Afghanistan-Einsatz eingeplant und er war auch
schon darauf trainiert, dieser Einsatz ist aber im Zusammenhang mit der
beschlossenen Truppenreduzierung und dem für Ende 2014 geplanten Truppenrückzug
vorerst zurückgestellt. Aus seinem Bericht über die Situation i.J. 2011:
Der
Auslandseinsatz kommt 2011 wie aus heiterem Himmel. Noch drei Tage vor dem
konkreten Marschbefehl hat er seine Frau beruhigt: "Ist für mich nach dem,
was ich gesagt bekomme, gar nicht zu erwarten...". Dann muss er ihr das Gegenteil
verkaufen; sie haben ein Baby - und er wird dann zu ihrem ersten Geburtstag
nicht daheim sein, kann auch die ersten Schritte nicht miterleben. Er fliegt
auch während der Verwendung nicht nach Hause, will der Familie keinen
mehrfachen Abschied zumuten.
Die erste
Phase in Mazār-i Scharīf verbringt man ein wenig wie im Matratzenlager einer
Jugendherberge: Alles in einem Raum, genauer. einem Bw-Typ B-Zelt, dabei
Männlein und Weiblein auch mal unmittelbar nebeneinander untergebracht. Dusche
& WC draußen, in einem gesonderten Zelt. Für Camper voll normal, könnte man
denken. Aber doch etwas Besonderes. Hier gibt es Schlangen, Stechmücken und
Spinnen, die man bei uns nicht kennt. Trockene Schotterwege und -flächen sollen
das nahe Einnisten verhindern, verhüten aber halt nur das Schlimmste. Eine
Soldatin wollte nach einer kritischen Ersterfahrung nachts nicht mehr zur
Toilette. Und Nacht ist viel und sehr plötzlich, der Tag geht um 18:00h ohne
Federlesens in Nachtschwärze über.
Wenn die
neue Truppe eingearbeitet ist, können die Vorgänger zurück in die Heimat und
die festeren Baracken werden frei; sie sind aus soliden Wohncontainern
zusammengestellt und mit einem Bade- & WC-Modul fest verbunden. Gute
Bauqualität, lobt Jens Nettekoven, aber viel privater Raum bleibt auch da
naturgemäß nicht. Ein eigener Kühlschrank und Fernseher (ARD, Sky für den
Fußball, viva polski), Fotos von daheim. Das Essen ist gut und die
Kantine beeindruckend (allerdings auch mit je 2 Querstangen in den Fenstern,
die sollen das Hineinfallen der Scheiben bei Explosionen verhindern oder
abschwächen). Etwas mehr kulinarische Auswahl gibt's noch in einem Restaurant
der Militärseelsorge (erinnert mich an das Vatikänchen
in Köln, das Abwechslung zur Mensa bot). Ach ja: Der Service der Kirche ist
wirklich lückenlos, will sagen, die christliche Kapelle steht an 7 Tagen
geschlagene 24 Stunden offen.
Hinweis zu
Kfz- Serviceeinrichtungen: Wie in einem deutschen Industriegebiet stehen die
Ausrüster auch hier einträchtig nebeneinander, etwa Krauss-Maffei-Wegener neben
Mercedes, um das rollende Material – das wie die Menschen in dieser Umgebung
hart gefordert wird – in Stand zu halten. Im Lager geht man besser keine
weiteren Strecken zu Fuß, die Luftverschmutzung ist extrem, das Klima tut mit
seinen bis zu 50 Grad (am Tage, nachts kann es bitter kalt werden) das Seine
dazu. Man fährt also, aber die Geschwindigkeit ist wegen einiger Unfälle auf 20
km/h limitiert und das wird auch gecheckt. Bei den Amis werde nach Hause
geschickt, wer mehr als zwei Strafzettel eingesammelt habe.
Schreiben
nach Hause während des Einsatzes: Durch Feldpostbriefe, die äußerlich ganz
ähnlich aussehen wie die aus den Weltkriegen; ältere Verwandte fühlten sich mit
einem flauen Gefühl daran erinnert. Zufälligerweise sei übrigens ein Onkel zur
gleichen Zeit wie er in Afghanistan gewesen, speziell für die Post.
Verlassen
des Camps: Ist die große Ausnahme, nur ca. 5% der Soldaten operieren während
ihres Einsatzes draußen, die übrigen braucht es für die Unterstützung der
Auslandsmission. Ähnlich wie manche den Urlaub in der DomRep verbringen,
fliegen sie ein, bleiben in der Anlage und fliegen wieder heraus. Aber die 95% leisten ebenso wie die 5% ernsthafte und ebenso herausfordernde Arbeit, ohne die der Einsatz gar nicht machbar wäre. Wenn
man das Lager nun per Bodenfahrzeug verlässt, dann auch jeweils für maximal
sechs- oder achtstündige Expeditionen, nicht etwa für eine Überlandfahrt nach
Kabul; solche Distanzen werden nur geflogen. Für die Ausfahrten stellt man
einen Verband mehrerer Fahrzeuge auf; die beteiligten Soldaten tragen
Schutzwesten u.a. mit keramischen Schilden und befördern einschließlich Waffen
eine Ausrüstung von 30-40 kg Gewicht. Bei bis zu 50 Grad (im Schatten). Die
Straßenverhältnisse sind in dieser semi-ariden bis ariden Umgebung miserabel;
schon das zweite Fahrzeugs sieht entgegenkommende Fahrzeuge oder Strukturen
neben der Straße erst Sekunden vorher. Jens Nettekoven hat als Personenschützer
einige Ausfahrten mit "VIP-Besuchern" gemacht, Z.B. mit König Carl
Gustav von Schweden ("sehr zugänglich und menschlich") oder
Verteidigungsministzer Lothar de Maizière ("sehr interessiert, persönlich
zurückhaltend und bescheiden"). Solche Ausfahrten gehen nie ins battlefield
- ein solcher Tourismus wird aber glücklicherweise auch nicht nachgefragt.
Kritischer sei, wenn man unter großem Zeitdruck eine Rettungsoperation
organisieren müssen, etwa nach schweren Unfällen mit Toten und Verletzten.
Oder: Bei einer Fahrt habe man nach Durchqueren einer Bergschlucht plötzlich
ein Terrain erreicht, wo während der sowjetischen Besatzung eine russische
Einheit völlig aufgerieben worden war ("chancenlos") und wo noch heute rote Erinnerungszeichen für die Gefallenen
aufgerichtet seien.
Als
schlimmsten Tag seines Militärlebens beschreibt Jens Nettekoven den 28. Mai
2011, als ein Kamerad und guter Freund von ihm im Einsatz von afghanischen
Aufständischen erschossen wird. Er beschreibt das typische line-up, ein Spalier der Soldaten aller Nationen des Camps bis zum
Abflugpunkt in die Heimat, in der Reihe der Flaggen ist die jeweilige nationale
auf Halbmast gesunken und Trauermusik, typischerweise die Melodie aus "Amazing Grace". Auf
Nachfrage: Bis heute seien 54 Soldaten
aus dem deutschen Kontingent in Afghanistan zu Tode gekommen, siehe auch entsprechende
Angabe des Wikipedia-Artikels
zum Afghanistan-Einsatz (zum Stand Mai 2013). Auf Anregung der
Sitzungsleitung erheben sich die Anwesenden zum Gedenken.
Aber es
gibt bei weitem nicht nur Terror, Schrecken und Trauer: Jens Nettekoven beschreibt auch das begeisternde Engagement im Zuge der Aktion "Lachen, Helfen"
mit Projekten zugunsten der örtlichen Schule; Ziel ist dabei insbesondere die
gleichmäßige, nicht nur punktuelle Hilfe und eine Förderung, und sie ist Jungen und
den Mädchen zugute gekommen. Für Zuversicht sorgt auch ein Ortsschild der Bundesstadt Bonn, das die Kompanie als eine Art Talisman für Mazār-i Scharīf gestellt bekommt. Ärger zeigt sich nur, als er Korruption der örtlichen
Politik anspricht, die auch in Drogengeschäfte verstrickt ist.
Die
Kooperation mit den anderen Nationen klappt gut; Jens Nettekoven lobt besonders
die Amerikaner: Sie packen an und helfen und fragen erst dann. Auch daheim
hätten die Amerikaner eine ganz andere Einstellung zu ihren Soldaten: Wer in
Uniform reise, werde begeistert begrüßt und oft werde spontan die Zeche der
Soldaten übernommen. In Deutschland dagegen sei die wahrgenommene Haltung
reserviert bis ablehnend und von den Einsätzen würde am ehesten das bekannt,
was kritisch gelaufen ist. Der Offizier, der den Befehl zur Bombardierung der
Tanklaster in Kundus gegeben habe, sei alles andere als ein Draufgänger und er
habe in der gegebenen Situation nach bestem Wissen und Gewissen gehandelt. Sein
Fall sei aber mit Nennung von Personalia so breit getreten worden, dass er noch
heute Morddrohungen erhalte.
Nachfragen
kommen zur Freiwilligkeit des Einsatzes (ausschließlich Berufssoldaten, im
Ausnahmefall freiwillige Reservisten bzw. Zeitsoldaten), zur Traumatisierung
(posttraumatische Belastungssyndrome / PTBS sind bekannt und nicht die große
Ausnahme, aber die Bundeswehr nimmt sich der Probleme an und lässt niemanden
fallen), zur Zukunft des Lagers nach dem deutschen Abzug Ende 2014 (man werde
schon aus Kostengründen nicht alles wieder nach Deutschland zurückbefördern),
zu heutigen Kontakten zu den beteiligten Soldaten (ja, insbesondere innerhalb
der Einheit, aus der fortlaufend Soldaten nach Afghanistan kommandiert wurden),
zu Umweltrisiken durch den Kriegseinsatz (Hinweis auf die besondere Situation
in ariden Gebieten; auch im Camp herrschte wiederholt Wasserknappheit; dann
müsse man sich mit einer kleinen Wasserflassche einseifen, mit einer zweiten
abwaschen; die Bundeswehr habe auch ein recht strenges Umweltregime
einschließlich Mülltrennung wie daheim).
Ich habe
mich für den engagierten und weiterführenden Vortrag und ebenso für die
Initiative des Bürgerstammtischs ausdrücklich bedankt und Respekt hinsichtlich
der Soldaten geäußert, die die Umstände und Risiken eines konkreten Einsatzes
kaum einschätzen können und aus ihrem Einsatz auch nicht immer, vor allem nicht
unbeschadet wieder herausfinden. Leider spielen die Auslandseinsätze im
Wahlkampf seit langem nur eine Statistenrolle. Gerade die Vorwahlzeit ist
andererseits die Zeit der Rechenschaft, des kritischen Überprüfens der
laufenden Politik, etwa am Beispiel von Nutzen und Lasten der ISAF-Mission. Ich
halte auch dies nicht für selbstverständlich: Die militärische Aufgaben haben
sich seit 1990 zumindest ebenso grundlegend verändert wie mit der Gründung der
Bundeswehr i.J. 1955. Aber die Verfassung wurde insoweit um keinen Federstrich
geändert - und die neuen Aufgaben sind bis heute nicht einmal in einem Gesetz
unterhalb der Verfassung definiert (was im Wortsinne bedeutet: gesetzlich
begrenzt), geschweige denn gesellschaftlich debattiert. Einen viel
versprechenden Ansatz gab es zwar mit der fulminanten Rede
des damaligen Bundespräsidenten Dr. Köhler auf der Kommandeurtagung am
10. Oktober 2005 in München, zum fünfzigsten Geburtstag der Bundeswehr: Der Präsident hatte die
Politik ausdrücklich aufgefordert, die vielen Fragen rund um den heutigen
Auftrag der Bundeswehr – er selbst stellt hier mehr als zwanzig nachdenkliche Fragen – öffentlich zu debattieren.
Der Verteidigungsminister hat als Diskussionsgrundlage dann zwar das Weißbuch
2006 entwickelt. Aber just am bereits angekündigten Tage der
Veröffentlichung machte Bild mit dem so genannten Schädelskandal von Kabul auf.

Auf der für
das Weißbuch angesetzten Pressekonferenz wurde dann auch nur nach diesem Skandal gefragt, das Weißbuch kam nie in die
Schlagzeilen und der Ansatz war ohne jede merkbare Debatte verpufft. Ich will dem Springer-Verlag nicht unterstellen, dass er den gesellschaftlichen Diskurs zur Außen- und Sicherheitspolitik sabotieren wollte. Es ist vermutlich viel banaler: Wenn man mit einem Thema zur Unzeit gut Kasse machen kann, dann nimmt man die Taler selbstverständlich mit und blendet die gesellschaftliche Verantwortung eines Mediums kurz mal aus. Jens
Nettekoven bestätigt diesen Aspekt: Die Auslandseinsätze würden regelmäßig nur
im Kontext von Skandalen und Unglücken behandelt; sie hätten in Deutschland
eine unverdient schlechte Presse.
Nachtrag
zum Bundespräsidenten und zum Weißbuch: Als Dr. Köhler am 22. Mai 2010 in einem
Rundfunkinterview das Weißbuch 2006 und die dort ausdrücklich beschriebenen Szenarien wiedergab, da erhoben sich in den Medien wütende
Proteste und Attacken, in deren Folge der Bundespräsident schließlich auf eigene Initiative
zurücktrat. Aus meiner Sicht hatte gerade er diese gezielte Kritik nicht verdient – eher diejenigen, die die gesellschaftliche Debatte des Auftrags der Bundeswehr nicht entschlossen gesucht und gefördert hatten. Was im Weißbuch und entsprechend auch in den Verteidigungspolitische Richtlinien des BMVg von 1992, 2003 und 2011 stand – zu Zeiten, als sowohl die CDU als auch die SPD jeweils den Kanzler und den Verteidigungsminister stellen konnten – das war schließlich nie ein Geheimnis.
Der Abend
zu Afghanistan verging wie im Flug – wie einer der kurzen Abende vor Ort, in Mazār-i Scharīf. Nicht ausgeschlossen, dass wir später einmal im Rückblick
auch das deutsche Engagement als kurz und die Ergebnisse als nicht nachhaltig und
als von der Politik nicht ausreichend erklärt einschätzen werden. Herzlichen Dank nochmals an die Organisatoren und den jungen Soldaten - gut, wenn dieses eindrucksvolle Beispiel Schule machte!