Donnerstag, 3. September 2020

Quäl dich, du Sau!


„Quäl dich, du Sau!“, diesen Spruch kennt jeder Radprofi und Radamateur. Damit hat Udo Bölts bei der 18. Etappe der Tour de France 1997 seinen Teamkollegen Jan Ullrich angefeuert, am 24.7.1997 zwischen Colmar und Montbéliard. Als nämlich Ullrich als Gesamtführender auf einer herausfordernden Rampe in den Vogesen schwächelte, am Grand Ballon, zu deutsch: am Großen Belchen. Ullrich hat die Tour am Ende tatsächlich als bisher einziger Deutscher gewonnen. Aber keiner weiß, ob Ullrich damals nicht gedopt war, nicht nur mit würzigen Männerworten.
Wenn sich demnächst in Burscheid die Rampe von der Balkantrasse herauf zur Hauptstraße auftürmen wird, dann sollten wir etwa auf der Mitte der Steigung ein Schild mit diesem fröhlich aufmunternden Zitat aus der Radfahrer-Folklore anbringen, also nach 65 Metern bei 8%:


Am Grand Ballon ist die Steigung ja auch nicht viel herausfordernder, höchstens 9%. Und bereits am Fuß unserer Rampe könnten wir präventiv Kaffee, Äpfel und Sauerstoff als naturnahes Doping verticken. Vielleicht gäb's im Ziel oben an der Hauptstraße dann noch als Trophäe und Erinnerung diese niedlichen Kühlschrank-Magnetschilder, eben mit dem Klassikerspruch und dem Ortswappen darauf. Am besten noch mit einer durchnummerierten Unterschrift des Bürgermeisters dazu - für's Monitoring der Rampen-Nutzung - und überreicht mit seinem anerkennden Handschlag. Burscheid mag sich an dieser Stelle unverhofft zum nationalen Radsport-Mekka mausern. Und hätte ein belastbares Geschäftsmodell.

Übersicht über diesen Post:

A.     Meine Einschätzung vorab zusammengefasst
B.     Prähistorie mit Burg
C.    Der folgenreiche Rechenfehler
D.    Dezember 2016: Planungsgrundlage
E.     Am 13.5.2019: Änderung der Parameter
F.     Vereinbarkeit mit einschlägigen Regelwerken
G.    Die gute alte Nutzer-Orientierung
H.    Drachenhaut. Oder: Wie sind wir in den Schlamassel geraten?
I.       Ein Burscheider Spitzenplatz im nächsten Schwarzbuch?
K.    Das Kind braucht einen Namen - und ein Lied
L.    Was tun?

A.    Meine Einschätzung vorab zusammengefasst
Seit der Vorstellung des Burscheider Integrierten Entwicklungs- und Handlungskonzepts (IEHK 2025) im Dezember 2016 (dort u.a. S. 149) haben sich wesentliche Planungsparameter so verändert, dass aus meiner Sicht ein relevanter und zum Mitteleinsatz verhältnismäßiger Nutzwert des Moduls Rampe & Plattform nicht mehr erkennbar ist. Gleichzeitig widerspricht die Planung den hier zu beachtenden Regelwerken und Richtwerten:
1.     Steigung/Gefälle der geplanten Anbindung haben seit Aufstellung des IEHK 2016 um ein Drittel auf nunmehrige 7,9% zugelegt. Die Länge der Rampe verstößt bei dieser Steigung um das Dreifache gegen Nr. 2.2.3 der geltenden Empfehlungen für Radverkehrsanlagen (ERA 2010) und entspricht damit nicht dem bei öffentlichen Planungen zugrunde zu legenden Stand der Technik.
2.     Das vorgesehene und nach den Umgebungsbedingungen auch nicht veränderbare Gefälle von mehr als 3% ist nach Nr. 3.6 der ERA 2010 ein definitiver Ausschlussgrund für eine integrierte Nutzung durch Radfahrer und Fußgänger. Die geplante Neigung übersteigt den Grenzwert hier um deutlich mehr als mehr als das Doppelte. Würde die Stadt die geplante Rampe nicht wirksam gegen jeglichen Fußverkehr abgrenzen, dann hätte sie aus der Verkehrssicherungspflicht ernsthafte Haftungsrisiken zu befürchten. Nach etwaigen Unfällen würde zudem eine unbefristete Sperrung des Gefahrenpunkts drohen.
3.     Die geplante Steigung der Rampe überschreitet zudem den Wert für barrierefreie öffentliche Verkehrswege nach DIN 18024-1 signifikant.
4.     Damit kann man die sehr steile Rampe keinesfalls als „sehr gute“ Anbindung (so IEHK S. 149) gegenüber dem verfügbaren höhengleichen Anschluss über die Montanusstraße qualifizieren, wie er in vergleichbarem Abstand auf der anderen Seite der Brücke abzweigt. Auch eine mögliche Nutzung durch E-Bikes – sie machen derzeit gerade 6% des deutschen Fahrradbestandes aus – ändert diese Einordnung nicht entscheidend.
5.     Der Kreisverband Rheinberg/Oberberg des ADFC ist die regional zuständige Interessenvertretung von Radfahrern. Der Verband hat sich ausdrücklich gegen eine solche Rampe ausgesprochen und fordert eine am täglichen Gebrauch orientierte Rad-Infrastruktur für die Innenstadt, siehe hier.
6.     Ein signifikanter Beitrag zu kommerziellen Umsätzen auf der Burscheider Hauptstraße war bereits vorher nicht schlüssig dargetan (welche Warengruppen zu welchen Geschäftszeiten?). Ein merklicher Anteil ist durch das nun extrem geplante Profil umso unwahrscheinlicher geworden.
7.     Mangels lebhafter gewerblicher Nutzung der vorgeschlagenen Plattform entfällt ihre wesentliche Funktionalität, nämlich die von den Planern in den Mittelpunkt gestellte Signalwirkung für Radfahrtouristen. Angesichts der an der Hauptstraße reichhaltig entstandenen bzw. noch entstehenden Nutzungsflächen und wegen des auch durch eingehende Recherche der Stadt nicht feststellbaren kommerziellen Bedarfs ist die Plattform damit insgesamt verzichtbar.
8.     Das Modul Rampe & Plattform steht auch nicht in einem Gegenseitigkeitsverhältnis zu anderen Konzeptteilen, wie es etwa bei der Straßensanierung einerseits und Fassadengestaltung andererseits der Fall ist. Das Modul steht für sich und wäre ohne erkennbaren Schaden zu streichen. Streicht man es nicht, entscheidet man im Falle der Plattform und ihrer Pylone realistischerweise für mehrere Generationen.

B.    Prähistorie mit Burg
Das Planungsbüro Hamerla & Partner war der Stadt durch sein vorangegangenes Konzept zur Neugestaltung der Innenstadt von Altena aufgefallen. Flaggschiff und besonderer Blickfang für Burscheid war dort der so genannte „Erlebnisaufzug“, 






der unter maßgeblicher EU-Förderung das Stadtzentrum von Altena mit einem überörtlichen touristischen Ziel , der Burg von Altena verknüpfen soll 

Dieser Erlebnisaufzug wurde sofort Simile für einen analog gewünschten Lift an der Burscheider Hauptstraßenbrücke. Indessen führten die sehr schlechten Erfahrungen mit einem nicht überwachten, öffentlich frei zugänglichen Aufzug am gerade umgestalteten Opladener Bahnhof sehr bald weg von der Aufzugslösung. 
Ruine in jungen Jahren

- und zwar seit Monaten -



mit erstaunlichen Einsichten
Als funktionaler Ersatz wurde in der Folge eben die Rampe erdacht. Erhalten bleiben sollte aber als Analogie zur Altenaer Burg eine von unten gut sichtbar „bespielte“ Plattform, also entsprechend gedacht als Pheromon oder als Lockstoff für zahlreiche potenzielle Besucher unserer Innenstadt. 
Blickt man heute auf die Situation, so ist leider klar: Der Eyecatcher des Altenaer Konzepts ist im Burscheider Nachbild unter mehreren Korrekturzügen zu einer dysfunktionalen Karikatur geraten. Er hat sich wegen der real zu unterschiedlichen Örtlichkeit und Topgrafie eben nicht nach den Regeln der architektonischen Kunst einpassen lassen. Unabhängig davon kann ich aber den heutigen Besuch von Altenas Innenstadt nur dringendst anraten. Denn trotz des dort sehr aufwändig inszenierten "Erlebnisaufzuges" hat das Altenaer IEHK leider nicht den bedrückenden Eindruck einer sterbenden Stadtmitte mit verfallenden Fassaden und mit vielen leeren oder pro forma genutzten Schaufenstern verhindert. An solchen Erwartungen gemessen war er eine klare Fehlinvestition.





Es lohnt der Besuch aber auch im Übrigen: Oben auf der Burg wird man als Burscheider mit dem Grabmal eines wirklich sympathischen Bergischen belohnt, nämlich mit der letzten Ruhestätte des "Wilhelm von Waldbrühl" alias Anton Wilhelm von Zuccalmaglio, Sohn des Jacob Salentin von Zuccalmaglio, des Initiators und Mitgründers der Musicalischen Academie zu Burscheid von 1812, und Bruder des Vinzenz Jakob von Zuccalmaglio genannt Montanus (bei der "Montanusstraße" schließt sich der Kreis). Wilhelm war Lehrer, Autor und Komponist: Er hat deutsche Volkslieder gesammelt und hat selbst u.a. eines der bekanntesten und schönsten deutschen Lieder getextet und komponiert  - "Kein schöner Land in dieser Zeit". Dann gibt es übrigens noch den viel jüngeren Bruder des Jakob Salentin, Franz von Zuccalmaglio, Schulfreund Heines, dem Heine sogar ein Gedicht gewidmet hat, guter Freund des Anton Wilhelm und späterer griechischer Freiheitskämpfer - insgesamt eine höchst interessante Familie, die den nachhaltigen Nutzen von Einwanderung aufs Beste beweist. Wenn man im Altenberger Dom ein wenig sucht, dann findet man in einem der Kirchenfenster übrigens das Familienwappen der Zuccalmaglios, mit einer zucca bzw. einem Kürbis mittendrin; manche deuten es auch als Dickschädel ;-) 
Und am Lenne-Ufer sieht man dann erstaunliche Parallelen zum Burscheider Markt, genauer zu den drei Makrolon-Blech-Bäumen dort. Altena erinnert da allerdings an seine industrielle Tradition als Stadt der Drahtzieher und hat dann zu seinem Glück auch auf verschmuddelnde Plastikdächer verzichtet. Man kann sie drum in Altena ohne Probleme stehen lassen.
Zusammenfassend können wir unser Problem nun als Fragen an Radio Eriwan stellen:
Frage an Radio Eriwan:
„Bekommt Burscheid einen Aufzug zu seiner Burg?“
Radio Eriwan antwortet:
„Im Prinzip ja. Aber statt der Burg baut Burscheid ein Podest. Und der Aufzug wird jetzt schräg gelegt. Dann wird es zwar steil, aber nicht mehr so krass steil wie bei einem gewöhnlichen Aufzug.“

Nachfrage an Radio Eriwan:
„Also jetzt eine Rampe. Aber widerspricht die an dieser Stelle nicht allem, was Gott, DIN und die Polizei gebieten?“
Radio Eriwan antwortet:
„Im Prinzip ja. Aber die Stadt ist haftpflichtversichert. Und hinterher wird es ja wohl keiner im Rat gewesen sein.“

C.    Folgenreicher Rechenfehler
Ach was, so steil wird die Rampe sicher gar nicht; im IEHK steht doch auf S. 149 ganz klar: „Aufgrund der topographischen und räumlichen Verhältnisse bietet sich an, eine 2,50 m breite Radwegerampe mit einer Steigung von rd. 6,0 % in der Böschung parallel zum Gartenweg zu errichten, die auf die Hauptstraße und somit direkt im Zentrum der Stadt mündet.“ Und 6%, das ist doch sogar (gerade noch) barrierefrei!
Man will es kaum glauben: Aber die bizarre Ableitung des Altenaer „Erlebnisaufzuges“ hat es nur aufgrund eines Rechenfehlers so ins IEHK geschafft: Der Weg herauf und hinunter über den Radweg muss nach den nicht veränderbaren topografischen Bedingungen zwischen den beiden Straßenbrücken nun tatsächlich um ein sattes Drittel steiler werden; er würde mit dann ca. 8% längst nicht mehr barrierefrei. Aber nicht etwa, weil sich zwischenzeitlich  – bei gleichbleibendem Höhenunterschied – die geplante Weglänge der Rampe gegenüber dem IEHK mit Stand 2016 verkürzt hätte. Nein, die erst viel geringer angegebene Steigung war ganz offenbar Resultat eines Denk- oder Rechenfehlers: Legt man lediglich den einfachen Niveauunterschied direkt an der Hauptstraßenbrücke zugrunde und lässt das weitere Gefälle im Verlauf der Balkantrasse bis zum Einmündungspunkt der Rampe außer Acht, so ergibt sich eben diejenige um ein Drittel flachere Steigung, die das IEHK auf S. 149 ausweist.
Dem Planungsbüro kann man vielleicht gar keinen Vorwurf machen; irren ist zu menschlich. Dieses Büro liegt auch in der Düsseldorfer Kanalstraße mittenmangs in einer Rheinschleife, wo der mäandrierende Rhein sein Tal seit Jahrtausenden akkurat eben und zweidimensional geschliffen hat. Dort ist in 1000 Metern Umkreis an merkliche Steigungen oder Gefälle gar nicht zu denken; und auch ohne Wasserwaage kommt jeder Stein automatisch waagerecht zu liegen. Dort hätte die Rechnung denn auch gestimmt 😉 Aber nach Erkennen des Rechenfehlers hätten alle Beteiligten schon ein wenig nachdenklich werden sollen. Und preiswürdig war die Arbeit der Architekten zu diesem IEHK-Kapitel ganz sicher nicht; eher würde ich auf viel versprechende Regressansprüche kommen.

D.    Dezember 2016: Planungsgrundlage
Im Burscheider IEHK 2025 mit Stand vom Dezember 2016 ist im Kapitel 6 „Maßnahmen“ u.a. die Anbindung der Hauptstraße an die Balkantrasse dargestellt. Dort heißt es auf S. 149 genauer:
‚Zurzeit wird die Burscheider Innenstadt vom Panorama-Radweg „Balkantrasse” lediglich „unterfahren“. Es gibt nur wenige Hinweise für die vorbeikommenden RadfahrerInnen, dass sich das Burscheider Zentrum in unmittelbarer Nähe befindet. Geschweige denn, dass die RadfahrerInnen für eine Rast oder einen Aufenthalt in die Stadt gelockt werden. Der Panorama-Radweg erfreut sich einer immer größer werdenden Beliebtheit. Immer mehr Radwege werden zu einem attraktiven Verbund zusammen geführt, der von immer mehr RadfahrerInnen genutzt wird. Hierin verbirgt sich ein großes Potenzial zur Stärkung und Belebung der Innenstadt. Dazu ist die Schaffung von mehreren guten und einer sehr guten, direkten Anbindung des Panorama-Radwegs „Balkantrasse” an die Innenstadt zwingend notwendig.
Östlich der Innenstadt ist die niveaugleiche Anbindung an die Dammstraße zu optimieren. Westlich des Zentrums sind verschiedene niveaugleiche Anbindungen vom Radweg an die Montanusstraße zum Teil vorhanden und zum Teil noch zu errichten. Insbesondere im Westen der Montanusstraße muss im Zusammenhang mit der Entwicklung des Einzelhandelsvorhabens eine neue, gut ausgeschilderte Anbindung geschaffen werden.
Keine dieser Anbindungen bringt den die RadfahrerIn aber direkt ins Zentrum. Aufgrund der topographischen und räumlichen Verhältnisse bietet sich an, eine 2,50 m breite Radwegerampe mit einer Steigung von rd. 6,0 % in der Böschung parallel zum Gartenweg zu errichten, die auf die Hauptstraße und somit direkt im Zentrum der Stadt mündet. Diese Anschlussstelle wird durch eine über der „Balkantrasse” freikragende, rd. 100 m2 große Plattform weit sichtbar betont. Sie kann auch für außengastronomische Zwecke genutzt werden. Eine kleine, rd. 30 m2 große Plattform östlich der Brücke an der Hauptstraße ergänzt das Angebot um einen zusätzlichen Begegnungs- und Aufenthaltsraum an der mittleren Hauptstraße. Die Inszenierung dieser Plattformen wird entscheidend dazu beitragen, die Stadt Burscheid für RadfahrerInnen ins rechte „Rampenlicht“ zu rücken.‘
Hervorzuheben ist: Das befasste Architekturbüro plant in diesem Stadium wie gesagt eine Steigung bzw. ein Gefälle der Rampe von 6% und qualifiziert dies als die (noch fehlende) „sehr gute Verbindung“ zur Innenstadt. Um eine größere Zahl der Benutzer der Balkantrasse auf die Rampe und zu den Angeboten der Innenstadt zu „locken“, kommt es dem Büro zudem insbesondere auf die von der Trasse gut sichtbare Appell-Funktion zweier belebter und beleuchteter „inszenierter“ Plattformen an.

E.     Am 13.5.2019: Änderung der Parameter
Im Rahmen der Bürgerinformation über den weiteren Planungsverlauf am 13.5.2019 werden dann wesentliche Planungsannahmen kurzerhand revidiert: Die Planer geben den Neigungswinkel der Rampe zwischen Balkantrasse und Hauptstraße mit nunmehr 7,9%, also um etwa ein Drittel vermehrt an (s.o. unter „Folgenreicher Rechenfehler“; in der Präsentation steht übrigens nur die reine Zahl "7,9" ohne "%", vielleicht um nicht zu sehr zu erschrecken). Die von den Planern gerade bezweckte Signalwirkung einer „inszenierenden“ Plattform will man nun auch fallen lassen, zumindest auf unbestimmte Zeit zurückstellen. Denn trotz intensiver Suche hat die Stadtverwaltung kein gastronomisches Angebot für diese exponierte Lage finden können und dies scheidet hier auch bis auf Weiteres aus. Damit ist ein merkantiler Mehrwert und Nutzen, der zu den erheblichen Investitionsmitteln des Landes und der Stadt verhältnismäßig wäre, überhaupt nicht mehr erkennbar.
Es fällt kaum ins Auge, aber auch die finanziellen Parameter sind zwischen dem IEHK mit Stand Dezember 2016 und der Informationsveranstaltung im Mai 2019 maßgeblich verändert. Auf den ersten Blick scheint der Ansatz von Gesamtkosten für das Modul Rampe & Plattform zwar exakt gleichbleibend, nämlich insgesamt 534 T€, davon 30% Eigenanteil der Stadt i.H.v. 160,2 T€. Real aber sind die veranschlagten Kosten um mehr als 13% gestiegen: Denn eine im IEHK Stand 2016 noch vorgesehene kleinere zweite Plattform an der anderen Brückenseite (früher: „Plattform Nord“, siehe auch das IEHK-Zitat oben, dort Abs. 3 Satz 4) mit einem damals angesetzten Aufwand von 72 T€ (so noch IEHK S. 202) ist nun ersatzlos entfallen. Anders ausgedrückt: Für die auf den Euro identischen Finanzmittel ist nunmehr eine Plattform weniger konzipiert.
Die Debatte am 13.5.2020 verläuft sehr kontrovers, die Bürger stellen konkrete Fragen und bringen konstruktive Vorschläge ein. Wenn man allerdings in der Burscheider Dokumentation unter "Ergebnisse der Bürgerveranstaltungen" nachsucht, dann entdeckt man von solchen m.E. gerade wichtigen Ergebnissen der Veranstaltungen keinerlei Spur, keine Ergebniszusammenfassung. Rien, nada, nothing, nitschewo, Responsivität = Null. Was man sehr wohl findet: Die offiziellen vorher vorbereiteten Präsentationen - das sind aber keine "Ergebnisse" des Austauschs. Und über allem schwebt ein wohl repräsentativ gemeintes Bild, wo die Bürger mehr oder weniger andächtig dem Frontalunterricht oder der Predigt der Planer lauschen. Da hebt sich gerade nicht mal eine kleine nachfragende oder zweifelnde Hand... 
Ergebnis:
Die Planungsgrundlagen haben sich in Punkten geändert, die gerade auch für die merkantile Wirksamkeit der Maßnahme wesentlich sind. Das Lernen von Lektionen daraus ist nicht ersichtlich.
F.     Vereinbarkeit mit einschlägigen Regelwerken
Ein Verstoß gegen Regelwerke, die bei der Planung von integrierten Rad- und Fußgängerwegen wie der Balkantrasse einschlägig sind, ist während der Informationsveranstaltungen teils flüchtig, teils gar nicht erläutert worden. Dabei gehe ich im Weiteren davon aus, wie sicher auch die große Mehrzahl der Beteiligten: Die Rampe zur Hauptstraße ist wie andere Rampen im Verlauf der Balkantrasse für Radfahrer und auch für Fußgänger prinzipiell jeden Alters bestimmt. Zumindest ist keine praktikable Verkehrsführung vorstellbar oder bisher auch nur vorgeschlagen, die einen fußläufigen Verkehr an dieser Stelle zuverlässig und dauerhaft ausschließen würde.
Die als Stand der Technik zugrunde zu legenden Empfehlungen für Radverkehrsanlagen in der Fassung von 2010 (ERA, aktuelle Textfassung 2010 siehe hier) stellen unter ihrer Nummer 2.2.3 die für gegebene Steigungen an Radwegen maximal vorzusehenden Rampenlängen auf. Bei einer Steigung von 6% beträgt die maximale Weglänge danach 65 m, bei einer Steigung von 10% sind es nur noch 20 m. Im Falle der hier nunmehr geplanten Steigung von ca. 8% wäre der Wert zu interpolieren, läge dann bei höchstens ca. 40 m. Tatsächlich aber ist eine Länge von 130 m geplant (Längenangabe siehe IEHK S. 202 bei den Berechnungsgrundlagen zur Rampe West). Dies entspräche keinesfalls dem Stand der Technik, wäre unter solchen Bedingungen auch nicht ernsthaft eine „sehr gute, direkte Anbindung an die Innenstadt“ (so aber wörtlich das IEHK, S. 149). Ich weise darauf hin: Das geplante erhebliche Gefälle würde auch (allein oder begleitend) radfahrende Kinder einem merklichen Verletzungsrisiko aussetzen, gerade im Begegnungsverkehr und bei der besonders kritischen Einmündung in die Balkantrasse am Fuß der Rampe.
Die ERA 2010 regeln ferner die Integration von Radwegen und Fußwegen. Unter ihrer Nr. 3.6 sind Ausschlusskriterien für ein Verbinden solcher Verkehrsströme genannt, und zwar ausdrücklich „starkes Gefälle“ als risikoerhöhender Faktor. Als starkes Gefälle definieren die ERA bereits eine Neigung, die größer ist als 3 % (!!!). Damit dürfte die Eröffnung des Verkehrs auf einer solchen Rampe als grob die Gefahr erhöhend anzusehen sein, soweit Fußgänger nicht zuverlässig ferngehalten werden können. Dies würde im Übrigen beachtliche Haftungsrisiken für denjenigen bedeuten, der eine solche Verkehrsanlage in Betrieb nimmt und damit verkehrssicherungspflichtig wird. Eine bloße Beschilderung (etwa „Radweg“ oder „„auf eigene Gefahr“) würde solche Risiken in der Realität kaum abwenden und könnte gegenüber späteren Schadensersatzansprüchen unbeachtlich sein. Anm.: Das IEHK betrachtet zwar neben dem motorisierten Verkehr auch Fußgänger und Radfahrer (z.B. S. 113); allerdings interpretiert es die Balkantrasse typischerweise vereinfachend als reinen Radweg, so etwa auch bei den Bildbeispielen der Präsentationen.
Wenn die Rampe tatsächlich nicht als reiner Radweg organisiert werden kann oder soll, dann würde das nun geplante Gefälle ohnehin gegen DIN 18024-1 „Fußgängerverkehrsfläche“ verstoßen, die bei öffentlichen Planungen ebenfalls zumindest als Stand der Technik zu beachten ist und eine möglichst barrierefreie Nutzung durch alle Bevölkerungsgruppen sichern soll. Danach sollen Gehwege ohne Verweilplätze nicht mehr als 3% Längsgefälle aufweisen. Bei Steigungen zwischen 3% und 6% muss die Planung in Abständen von max. 10 m zusätzliche Verweilplätze mit weniger als 3% vorsehen (siehe zu weiteren Voraussetzungen https://www.strassen.nrw.de/files/commons/pdf/pub_leitfaden-barrierefreiheit-im-strassenraum-2012.pdf). Den Planern dürfte die Problematik gegenwärtig gewesen sein, als sie die Rampe bei der Informationsveranstaltung im Mai 2019 lapidar als „nicht mehr barrierefrei“ bezeichnet haben. Dies impliziert im Übrigen, dass sie in diesem Kontext eine integrierte Nutzung der Rampe als Fuß- und Radweg als prinzipiell möglich ansahen, wie mit Sicherheit auch nach wie vor die meisten Bürger*innen – nur eben nicht mehr als barrierefrei.
Als ich bei Ratsmitgliedern nachfrage, wie sie dazu stehen, dass hier eine Planung gegen den Stand der Technik verfolgt und noch dazu als „sehr gute Anbindung“ verkauft werde, da höre ich: Ja, wo ich's jetzt sage - im Planungsausschuss habe man tatsächlich die Richtwerte aus ERA und DIN im Blick gehabt und sogar ein wenig darüber gestritten. Aber dann habe man sich doch entschlossen, die vom Büro vorgeschlagene Lösung auszuschreiben und zu warten, wie wohl die Bewerber mit den Problem umgehen wollten. Wäre es nicht demokratisch sinnvoll, mit solchen sehr ernsthaften Einwänden an die Betroffenen zu gehen, also an die Bürger, Nutzer und Wähler? Z.B. gerade bei der Bürgerinformation im Mai 2019? Statt erstmal weitere Fakten zu schaffen und business as usual zu spielen? Einen deutlichen Verstoß gegen offizielle Richtwerte zu unterschlagen, dazu braucht's schon eine belastbare Chuzpe oder Kaltschnäuzigkeit. Und nur nebenbei: Auch eine Ausschreibung wird voraussichtlich keine wesentlichen Teile der Euklidischen Geometrie außer Kraft setzen.
Ergebnis:
Die Planung verstößt in mehrfacher Hinsicht signifikant gegen die ERA 2010. Insbesondere ist die Rampe mit ihrer starken Steigung um das Dreifache zu lang angelegt. Das eingeplante starke Gefälle ist ein besonderer Gefahrenpunkt gerade für radfahrende Kinder und ist gleichzeitig ausdrücklicher Ausschlussgrund für eine integrierte Nutzung der Rampe als Fuß- und Radweg. In keinem Fall könnte die Rampe an dieser Stelle barrierefrei angelegt werden – oder höchstens mit mehreren, extrem kostenträchtigen Wendungen.
G.    Die gute alte Nutzer-Orientierung
Nutzer-Orientierung ist wie Marktforschung ein sehr lohnender Ansatz beim Planen neuer Produkte oder Dienstleistungen. Was sagen nun die potenziellen Nutzer der Rampe? Eine repräsentative Befragung ist m.W. nicht vorgenommen oder geplant. Am nächsten dran an einer repräsentativen Betrachtung ist die Analyse durch den örtlich zuständigen Radfahr-Verband, hier durch den ADFC Verband RheinBerg/Oberberg. Der Verband teilt mir am 29.8.2020 seine Einschätzung mit, die sich übrigens mit seinem Post im Zusammenhang mit der Informationsveranstaltung im Mai 2019 deckt:
„Der ADFC RheinBerg-Oberberg hält die Rampenlösung nicht für ‚den besten Weg‘ in die Burscheider Innenstadt:
1.     Die Rampe mit einer Steigung von 7,9 % ist nicht barrierefrei.
2.     Es handelt sich auf kurzer Wegstrecke um die 2. Rampe, die von "schwächeren Radfahrenden" überwunden werden muss.
3.     Für Pedelec-Nutzer und sportliche Fahrer steigungstechnisch kein Problem. Aber für folgende Nutzer ist die Bewältigung nicht einfach: Fahrräder mit Anhänger (Kind, Hund, Gepäck); Kinder unter 8 Jahren; Liegeräder, Lastenräder, ggf. auch Tandems; Rollstühle; Kinderwagen.
4.     Wenn Radfahrende (mit konventionellen Rädern) aus Richtung Wermelskirchen kommend, eine 180 Kehre beschreiben müssen, um die Rampe hochzufahren, geht der Schwung verloren, werden durch Unachtsamkeit ggf. andere Trassennutzer gefährdet, ungeübte Fahrer können sich beim Fahren "enger Kurven" verschätzen und ggf. stürzen.
5.     Nehmen unmotorisierte Radfahrende aus Richtung Opladen "Anlauf", um die Rampe zu bewältigen, werden ggf. andere Nutzer gefährdet.
6.     Das Abbiegen am unteren Ende der Rampe in Richtung Wermelskirchen birgt ebenfalls fahrtechnische Risiken für ungeübte Fahrer (zu großer Bogen = Radfahrer*in gerät in den Gegenverkehr, zu enger Bogen = Radfahrer*in kippt um).
7.     Ggf. muss die die Rampe an den Enden durch Umlauf-/Umfahrsperren gesichert werden; in diesem Fall müsste an der Einmündung Hauptstraße ggf. abgestiegen werden (Platzgründe, fehlender Schwung); an der Anbindung Balkantrasse müsste ggf. auch abgestiegen werden, weil die Kurve zu eng ist (s.o.) - bei hoher Frequenz bilden Sperren einen künstlichen Engpass.
Selbstverständlich können alle Nutzer die Rampe hochschieben (Pedelec mit Schiebehilfe), aber Sinn soll ja eine einfache und zügige Zuwegung zur Hauptstraße/Aussichtsplattform sein. Wie eingangs erwähnt, befürworten wir den Ausbau der vorhandenen Zuwegungen Montanusstraße und Dammstraße.“
Damit verstößt die Rampe – und ihr Schicksal teilt dann auch die planerisch damit vereinte Plattform – nicht nur gegen die relevanten Regelwerke, sondern ganz offenbar sogar gegen die Interessen der angepeilten Zielgruppe. Warum halten dann alle Beteiligten die Schotten dicht und halten in einiger Treue fest an einer längst überholten und widerlegten Idee?
H.    Drachenhaut. Oder: Wie sind wir in den Schlamassel geraten?
Ja, wie kam es eigentlich? Offenbar durch die besondere Gruppendynamik von Landesprogrammen, durch die einfühlsame psychologische Routine eines gut eingeführten Planungsbüros und durch das archaische „Haben wollen“, das davon abrät, Mittel liegen zu lassen, die dann andere Kommunen abgreifen könnten. Das Planungsbüro verschafft mit der Konzeptentwicklung den silbernen Schlüssel zum goldenen Landes-Topf am Ende des Regenbogens. Und wenn das Land zu jedem dritten eigenen Euro noch sieben frische Euros dazu verschenkt, dann ist das gefühlt wie Weihnachten, Ostern und Geburtstag zusammen. Wer kann da widerstehen? Ein gut eingespieltes Planungsbüro hält Kontakt zur Landesverwaltung, kennt schon den Referentenentwurf des Fördergesetzes, kann gar über seine Interessenvertretung das eine oder andere Förderziel zu seinen Gunsten mitgestalten oder sich auf den Leib schreiben lassen. Mit einem erfolgreichen Konzept (hier: Altena) weist es sich bei den weiteren Aspiranten aus. Hat es dann den Auftrag im Sack, braucht es ein wenig Empathie, aber es kann den sonst gerne zerstrittenen lokalen Gruppen zu einem langen, gemeinsamen, heimatlichen Glückserlebnis verhelfen: „Bekomme ich Futter für meine Unterstützergruppe und mein Wahlprogramm, dann darfst Du so etwas natürlich auch gerne haben!“ Das Füllhorn des Landes scheint unerschöpflich, selbst und gerade für nicht so gut gestellte Kommunen, für solche, bei denen schon jahrelang Schmalhans Küchenmeister ist. Da schluckt man schon mal die eine oder andere inhaltliche Kröte und Plausibilitäts- und Qualitätskontrolle werden beim Auftischen und Aufteilen der fetten Beute sekundär. Statt der gesunden Frage nach dem "Zwingend erforderlich?" reicht nun ein "Schadet wohl nicht!". Oder auch: Anstelle von "Who's definitely in need of that?" heißt es viel lockerer "Who cares? Now let's proceed in our broad agenda!"
Ein Architekt muss Geschichten in Cinemascope erzählen können, muss Mut zu Neuem anstoßen und auch zum Investieren, bei einer häufig eher konservativen und überwiegend nicht fachtechnisch versierten Klientel. Da kommt ein Hochglanz-Modul wie der „Erlebnisaufzug“ doch sehr zupass. Mensch, da hat’s einer geschafft, das ganz große EU-Geld anzugraben! Und wie ein Vollblutpolitiker so tickt, wenn er sieht, dass andere schon den kapitalen Hirsch geschossen haben: Die Augen werden glänzend tränenfeucht, von den Lefzen tropft es zart und leicht sabbernd dringt es über die bebenden Lippen: „Auch haben wollen!“ Kann doch wohl nicht sein, dass andere (Kommunen) absahnen und man selbst traurig mit leeren Händen auf der Bühne steht! Da wollen wir doch dabei sein, reale Vergleichbarkeit und objektivierbarer Nutzen werden da zweitrangig oder man verschiebt sie gerne auf später.
Ein erfahrener Planer wird sein Konzept auch mit einer Drachenhaut oder mit einer Dornröschen-Hecke umgeben und härten: Nur einheitlich umgesetzt könne es Nutzen stiften, alles hänge mit allem zusammen, alles stehe oder falle gemeinsam und wenn es falle, dann drohe der kollektive Exitus, der Tod der Innenstädte. Drum nennt man so ein Konzept gerne „integrierend“, selbst wenn es aus sehr unterschiedlichen, nicht im Einzelnen kausal von einander abhängigen Komponenten besteht. Und drum werden alle Fragen mit orthodoxer Strenge verfolgt, die zur Plausibilität von Konzeptteilen aufkommen. Als ich nach Zeitungsberichten über die konkretisierte Planung der Rampe zu deren konkretem Sinn nachfrage, sagt mir ein Mitarbeiter der Stadt (oberes Management) wörtlich, er fände es „doof“, wenn Leute Fragen zu der Rampe stellen, die den Planungsprozess nicht im Einzelnen nachverfolgt hätten. Und während der Informationsveranstaltung im Mai 2019 bezeichnet ein Teilnehmer die diversen durchaus sachlichen Fragen der Bürger*innen zum alten Friedhof, zur Rampe und zur Plattform wörtlich als „Unverschämtheit“, nachdem alle diese kleinen Dinge in den zuständigen Gremien der Stadt doch bereits so lange und eingehend durchgekaut worden seien. Der ärgerliche Mahner ist Berufskollege der Planer, die die Konzeptentwicklung in der Informationsveranstaltung vorstellen sollen, und offenbar ist er ein innig mit ihnen fühlendes Herz. Aber dieses krasse Abfertigen hat mich immerhin nachhaltig motiviert, mal kritisch nach den einschlägigen Regelwerken und Richtwerten zu forschen. Und siehe da (s.o. unter F.)!
Das ist hier die Herausforderung: Ein so komplexes und schwergewichtiges und mit vielen Interessen beladenes Konzept entwickelt das Trägheitsmoment eines vollbeladenen Öltankers: Einmal in Bewegung gesetzt, hat es einen Bremsweg im zweistelligen Kilometerbereich. Wir würden besser ein Beiboot klarmachen, statt paralysiert auf die Kollision mit Land zu warten.
I.       Ein Spitzenplatz im nächsten Schwarzbuch?
In seinem Schwarzbuch spießt der Bund der Steuerzahler immer wieder Fälle auf, bei denen die öffentliche Hand „Aussichtspunkte“ finanziert hat, ohne dass irgendein Mehrwert an Aussicht wahrnehmbar wäre. Der Bund vermeldet diese stetig wiederkehrende Fallgestaltung offenbar sehr gerne, selbst bei deutlich kleinerem Investitionsvolumen wie etwa hier.

Für Burscheid kommen hier mehrere bizarre Aspekte wie in einem Zerrspiegel zusammen: Eine öffentliche Planung verstößt in mehrerlei Hinsicht gegen die Richtwerte offizieller Empfehlungen und Normen. Ein Nutzer-Interesse ist für die konkrete Planung nicht zu erkennen. Das Projekt würde relevante öffentliche Mittel verschlingen, einen Gefahrenpunkt schaffen und ggf. noch die öffentliche Hand unnötigen Haftungsrisiken aussetzen. Und am ärgsten fällt dann der Lackmus-Test aus: Alle diese Nachteile würden bei einer verfügbaren, naheliegenden und deutlich kostengünstigeren anderen Lösung sofort entfallen, nämlich beim Anbinden der Innenstadt über die ebenerdige Schnittstelle an der Montanusstraße. Oder auch: Des Kaisers neue Kleider sind nicht nur durchscheinend oder fadenscheinig. Er hat gar keine an. Es ist nicht mal eine Vision.
Ich meine: Mit diesem schrägen Streich sollte sich Burscheid nicht ohne Not bundesweit bekannt machen. 
 
K.  Das Kind braucht einen Namen - und ein Lied

Nun ist ja nicht auszuschließen, dass Burscheid die sehr spezielle Rampe tatsächlich baut. Selbst nicht unter der Drohung eines Spitzenplatzes im Steuerzahler-Schwarzbuch (s.o.) und auch nicht in Kenntnis dieses einfühlsamen Rampen-Songs:

Das Lied von der Rampe
oder: Wenn die Euros sind frei

frei nach Hoffmann von Fallerslebens Vorlage von 1842
zarte Textanpassungen: K. U. Voss im September 2020
zum Vortrage gebracht unter
www.vo2s.de/rampe-ein-lied.mp3

Die Gedanken sind zu frei,
lasst uns schnell zementieren!
Wir bleiben da-abei,
was könnt‘ uns irritieren?
Sind Fakten geschaffen,
dann schweigen die Affen
und werden scho-on seh’n:
Unser Bu-urscheid wird schön !

„Quäääl dich, du-u Sau!“ *)
heißt es jetzt auf der Rampe.
Dann denkst du: „Ge-enau,
wer braucht schon ‘ne Wampe?“
Und bist du erst oben,
dann wird sie das loben,
was du heut‘ ge-eschafft
mit titanengleicher Kraft !

Und stürmst du e-empor,
oh! schon stürzt dir‘s entgegen:
Die Rollschuh‘ zu-uvor
und dann erst der Segen
aus Rollstühl‘n und Rollern,
sie rollen und kollern,
auch Skateboards da-abei.
Und du mitten im Geschrei !

Die Moraaal von der Geschicht‘,
merke, dass es diese wäre:
Den Planern traue nicht,
wenn’s Geld regnet. Doch kläre,
was Nutzen, was Schäden,
was Kosten, was eben
herauskommt da-abei,
wenn die Eu-euros sind frei !

*) Zitat Strophe 2, Zeile 1:
Uwe Bölts zu Jan Ullrich bei der Tour de France 1997
auf einer 9%-Rampe zum Grand Ballon in den Vogesen.

 

Also: Wenn's denn ernst wird, dann wird die Installation auch einen klingenden Namen brauchen – für Empfehlungen, Warnungen oder auch Rezensionen. Da fällt mir gleich Diverses ein:

Sendero Luminoso (wegen der geplanten Illumination der Plattform, wegen der revolutionären Auslegung, aber auch wegen der Anden-gleichen Kontur des Anstiegs), El Dorado (wenn man die Balkantrasse noch heute als Lebensader der Burscheider Wirtschaft interpretieren will), Pista Nigra (der sportlichen Herausforderung wegen), Via Dolorosa (für alle Radfahrer, die weiter auf Muskelkraft bauen), Hell’s Angle (nicht 'Angel') oder Guinness-Grat (wegen der klar rekordverdächtigen Steigung), vielleicht auch Sau-Rampe (in Anklang an den aufmunternden Zuruf von Timo Bölts an Jan Ullrich, siehe oben). Bei der Plattform würde ich etwa denken an Skywalk, Podest, Balkon (vielleicht mit fest installierten Figuren „Waldorf & Statler“), Vor-Werk, Zehnmeter oder Anhängsel.  

Im Rahmen eines Integrierten Konzepts wäre natürlich eine das ganze Ensemble ganzheitlich verklammernde Bezeichnung optimal – zum Beispiel Stephanus-Steig zur Kaplans-Kanzel.

Im Ernst: Ginge es nicht um eine halbe Million Öcken unserer Steuern und um ein nach aktuellem Erkenntnisstand sinnfreies Bauwerk mit einer Halbwertzeit von im Minimum 50 Jahren, ich würde das Ganze für einen großen Scherz halten, für einen genial ausgetüftelten und souverän performten Slapstick von der Kleinkunst-Bühne.
Und jetzt biete ich noch einen Lackmus-Test für planerische Größe an: Wenn man fair denkt und eben auch konkret an den Bedarf der Radfahrer, dann wird man an der Abzweigung zur Rampe noch einen solchen Hinweis aufstellen:
Zwei weitere Minuten geradeaus,
dann gelangt ihr an den
zur Trasse höhengleichen
Biergarten im "Alten Bahnhof"

Das wissen übrigens die vorausschauenden E-Biker sowieso schon, von Google Earth, von ihrem Trip-Computer oder von ihrer Handy-App. Dennoch: Würden Sie den Planern einen solchen fairen Wink zutrauen? Wo sie doch die Radfahrer en gros auf die Rampe locken wollen?

L.     Was tun?
Was könnte man tun? Mit Sicherheit braucht es etwas Masse, um die Planung einfühlsam auf den Pfad der Tugend zurückzuführen. 
Ich hätte da mal etwas vorbereitet, Unterschriftenliste inklusive: www.vo2s.de/bruecke.pdf. Jede Mithilfe bei der Verbreiterung der Basis ist sehr willkommen!

Dienstag, 3. Dezember 2019

Die Kirche und der Gummi


Der Gummi ist in jeder Kirche.

Exkurs: Der oder das Gummi? Tja: Im Deutschen gibt es, kein Ausländer würde es je von uns erwarten, eine ganze Reihe von Substantiven ohne amtlich definiertes Geschlecht. Dazu gehört auch Gummi und die diversen Produkte aus elastischem Kautschuk- oder Latex-Material, ob Radier-, Kau-Gummi, Verhüterlis und vieles mehr. Beim Grundstoff überwiegt in der Praxis die sächliche Wortform, also „das Gummi“, bei den Produkten wie dem Radiergummi dagegen die maskuline. Ich verwende im Folgenden daher einheitlich die männliche Form, zumal man die unten beschriebenen Befunde statistisch zumindest leicht überwiegend mit den Männern oder Jungs verbinden möchte, vorbehaltlich exakter gentechnologischer Untersuchungen.

Also: Der Gummi ist in jeder Kirche. Glaube ich. Vielleicht nicht in einer ganz neuen. Oder in einer gerade wieder hergerichteten. Aber ansonsten: Nach einer gewissen Zeit der ausgelassenen Nutzung des Bethauses stemmt er quasi die Kirchenbänke in die Höhe. Oder klebt zumindest unter praktisch jeder Bank. Nach meiner aktuellen Empirie kommt auf etwa jeden halben Meter statistisch mindestens ein Kaugummi – das macht bei ca. 100 laufenden Bankmetern eines mittelgroßen Gotteshauses locker 200 Klumpen, Flatschen oder Baby-Stalaktiten.

Man mag in dieser nur auf den ersten Blick so wesensverschiedenen Partnerschaft sogar signifikante Parallelen identifizieren: Adhäsion und Kohäsion sind zentrale Elemente von Gemeinschaften oder Gemeinden, nicht nur der EU. Und der elastische Zusammenhalt definiert ebenso die Qualität eines guten Kaugummis. Die repetitiven Kaubewegungen mag man ferner mit dem Prinzip der Wiederholung, Rhythmik und ritueller Übung vergleichen, wie sie typisch sind für das Vermitteln und Praktizieren fast jeder Welterklärung. Und Kirche und Gummi koexistieren nicht etwa nur, sondern bilden auch ein gegenseitig nützliches, daher symbiotisches Miteinander. Wird doch dem Kaugummi-Kauen über die durchblutungssteigernden und anregenden Wirkungen eine physiologisch positive Wirkung für Gesundheit, Wachheit und Aufmerksamkeit (Aufmerksamkeit!!!) zugeschrieben. Und wirkt nicht im Gegenzug der sanfte liturgische Zwang zu klarer Sprache oder reiner Singstimme für ein programmiertes verstohlenes Entäußern der zähen Masse, dann gleichzeitig für einen baldigen Neubedarf und für den gestärkten Umsatz und evolutionären Erfolg des Gummis? Darwin hätte es jedenfalls so gesehen.

Vergessen wir auch nicht die hochbefriedigende Wirkung eines, und sei es auch nur bescheiden kleinen, selbst gestalteten Produkts, Werks oder Artefakts, das nachhaltiger vorzuhalten verspricht als alle sonstigen Emanationen des individuellen Kirchenbesuchs. Zur Vereinfachung unterstellen wir im Folgenden eine Kirche von 30 Metern Länge: Der optische Eindruck des Kirchgängers ist schon während einer 10.000-stel Sekunde nach Verlassen der Kirchentüre verflogen, seine hörbaren Lautungen nach etwa einer zehntel Sekunde, die ihn umgebende individuelle Molekülwolke – das erweiterte Biom – und etwaige olfaktorische Besonderheiten mögen immerhin noch im einstelligen Stundenbereich forensisch nachweisbar bleiben. Aber ein unter die Bank geklebter Kaugummi, der kann – mit später noch zu erörternden Änderungen seines Aggregatzustandes – locker zehn, zwanzig oder gar hundert Jahre bestehen, kann damit des Besuchers kurzes Einzelleben transzendieren. Und dies im beschützenden Habitat einer Kirche selbst dann, wenn er als biodegradable angepriesen worden sein sollte. Mit Beimengungen spezifischer DNA und mit dem finalen Fingerabdruck, mit dem wir den Gummi unter die kühle Bank heften und im Wortsinn beeindrucken,
Beispiel: forensisch nutzbare Abdrücke
damit gibt er sogar ein wie in Stein gehauenes Zeugnis von der unvernwechselbare Eigenart des Künstlers ab! Nun denken wir einmal an majestätische Dome, weitläufige Paläste, kühn geschwungene Brücken - an alles das, womit sich die höherrangigen Erdenmenschen ganz typischerweise zu verewigen gedenken: Dagegen ist doch ein kleiner Gummi mit einem ökologischen Rucksack von höchstens 10 bis 20 cm3 CO2 eine wirklich verantwortbare Alternative, nicht wahr?

Von eher akademischem Interesse mag die auffällige Abstufung in der lokalen Konzentration des prinzipiell ubiquitären Kaugummis sein: Relativ nahe an der Kanzel ist der Besatz geringer – das mag einer vorbeugenden Autorität der jeweiligen Gottesdienst-Leitung zuzuschreiben sein. Unerwartete Ausreißer gibt es dennoch: Die gewöhnlich von Konfirmanden frequentierten Bänke sind tatsächlich eher unauffällig, fast ohne Befall, während die gegenüber liegenden, eher vom Presbyterium beanspruchten Bänke in Zahl, Frische und Farbe besonders reiche Frucht trugen.
relativ hoher "Befall"
Aber auch diesen Gradienten können wir bruchlos mit der o.g. potenziellen Abschreckung erklären: Die pädagogische Überzeugungskraft mag proportional der Altersdifferenz wachsen – und umgekehrt schrumpfen oder gar ganz entfallen. Hinzugetreten sein kann ein aus der Kriminologie bekannter Effekt: Verwahrlosende Stadtviertel fördern weitere Delinquenz – vulgo: Ist der Ruf (einer Kirchenbank) erst ruiniert, so klebt sich weiter ungeniert.

Um auf die Varianz der oben angesprochenen Artefakte zurück zu kommen: Das Gros der Kunstwerke ist in Form und Farbe zwar recht einfallslos; weit überwiegen die tristen braun- oder ockerfarbenen, noch eher unbeholfen modellierten Skulpturen.
erste Gestaltungsversuche
Manche aber stechen in kühner Konkurrenz heraus. Eines etwa erinnerte mich, ob geplant oder unbewusst inspiriert, an ein mit rotem Siegellack getropftes Herz – so eines hätte gut ein Billett des hoffnungslos verliebten jungen Heinrich Heine an seine angeschmachtete Hamburger Cousine Amalie verziert und verschlossen haben können. Oder ein Briefchen von Robert Schumanns Hand an seine Clara, als er sie noch nicht freien zu dürfen zu hoffen wagte, aber bereits inbrünstig Heines "Buch der Lieder" zu seiner romantischen „Dichterliebe“ vertonte. Welch zarte, vielleicht auch hier noch unerhörte Poesie!
Heinrich an Amalia, Robert an Clara?

Wenn ich nun dennoch einem extensiven Montieren von Kaugummi-Automaten an Kirchenportalen  ganz und gar nicht das Wort reden möchte, so hat dies eher kleinliche, egoistische und höchst zeitgenössische Ursachen. Ich habe am vergangenen Samstag ca. drei Stunden liegend, robbend, schlängelnd, klopfend und schabend unter und zwischen unseren Kirchbänken zugebracht, habe penibel all‘ die hübschen Artefakte der Schwerkraft anheimgestellt und damit per eifernder Arbeit in niedriger Gangart die aktuelle Renovierung unserer ca. 800 Jahre alten Kirche ergänzt - durch ein höchstens fühlbares, nicht aber sichtbares Detail. Ein wenig aus dieser sehr speziellen Erfahrung möchte ich hier zum Besten geben – in der Hoffnung auf etwas präventive Wirkung oder als Anstoß, den Dekalog um ein weiteres Gebot zu ergänzen: 
„XI. Du sollst keinen Kaugummi unter Kirchenbänke pappen; verschluck‘ ihn lieber!“
Für etwaige Folgeprojekte andernorts oder zu anderen Zeiten: Stellt man sich der oben beschriebenen Herausforderung, so sei man tapfer auf drei grundlegende Phänotypen des Kaugummis gefasst.

1.       Der Gummi mit geschätztem Alter im einstelligen Wochenbereich: Noch jung und biegsam, zieht ggfs. Fäden, gibt je nach Grad des früheren Durchkauens und Geschmacksrichtung auch noch feine Duftnoten preis – und muss mit einigem Zeitaufwand abgeschabt werden.
Typus 1: jung und biegsam

2.       Die praktisch schon kristalline oder mumifizierte Gummi-Leiche mit einem vermutlichen Alter im ein- bis mehrstelligen Jahresbereich – hart, löst sich nur in Brocken, als Sand oder gar als Feinstaub, kostet ebenfalls Kraft und Zeit. Obacht: Hier gilt es noch einen sehr flachen, Flatschen-artigen Subtyp zu klassifizieren, den ich in Anlehnung an die Hawaiianischen Schildvulkane aus flachverlaufender, dünnflüssiger Lava als „Mauna-Loa“-Gummi benenne. Er ist halt besonders dünnschichtig, granitartig durchgesintert und biestig hartnäckig...
Typus 2, Subtyp "Mauna Loa"



3.       Und dann ist da noch der metamorphe Zwischentyp mitten zwischen den bereits beschriebenen Grundformen, fast mein Freund. Ich nenne ihn den „one-stroke-and-laugh“-chewing-gum. Denn er hat ein geschätztes Alter im ein- bis niedrigen zweistelligen Monatsbereich, ist äußerlich – gerade an der Grenzschicht zum Holz – zwar schon gefestigt, ist aber drinnen noch zusammenhängend, gleicht also einem Käfer mit seinem stabilen Außenskelett. Er lässt sich mit einem eleganten Spachtelstoß leicht vom Holz heben und fällt sodann als Ganzes zu Boden, wiegt sich auf seinem konvexen Rücken dort vielleicht noch ein paar Mal hin und her. Dann schon Ende im Gelände. Fast ein Genuss, wenn man die Alternativen kennt.
Typus 3: der Käfer-artige

Noch ein paar handwerkliche Tipps: Nehmen Sie einen recht neuen Spachtel, ganz konventionell mit Holzgriff; er sollte sich elastisch biegen lassen und seine Kanten sollten noch scharf, nicht etwa rundgewetzt sein. Mehr als ca. 4 cm Breite ist nicht erforderlich. Mit der vorderen Kante des Spachtelblatts kommen Sie zwar mit dem oben beschriebenen, kooperativen Typus 3 ("one-stroke-...") klar; bei den noch hochviskosen oder den bereits kristallinen, speziell "Mauna Loa" brauchen Sie aber zumeist die seitlichen Flanken: Dazu nehmen Sie den Spachtel beidhändig, biegen ihn leicht durch und führen die so entstehende Kehle flach schabend über das Holz. Arbeiten Sie immer in Richtung der Holzfasern, sonst beschädigen Sie die Oberfläche. Dies selbst an den Eichenbänken, die man mit den vor Jahren noch lustig sprudelnden Kirchensteuern einbauen konnte. Bei den durchgetrockneten Früchtchen (Typus 2) arbeiten Sie besser von sich weg - sonst sind Sie nach Ihrem guten Werk wie gepudert. Eine für dauerhafte Sicht gut belüftete Schutzbrille kann nie schaden.

Es war noch kurz erwogen worden: Man könnte schnell ein paar Jung-Christen beauftragen, die Bänke clean zu kratzen. Ich habe abgewinkt. Es wäre doch auch etwas schräg, den Nachwuchs ein Problem aufarbeiten zu lassen, was in seinen Ausprägungen locker älter sein möchte als er selbst. Und eigentlich werden wir der Jugend noch genug ungelöste bzw. selbst verbockte Problemlagen zurücklassen müssen. Presbyter und deren Altersgruppe liegen da schon näher (siehe auch den Befund zur lokalen Verteilung oben) - und, wie schon Kant in seiner gar nicht oft genug zu zitierenden Schrift "Zum ewigen Frieden" deutlich macht: Rückkopplung durch das vitale, fühlbare Verknüpfen von Handeln und Folgen ist ein besonders effizientes Instrument zum Steuern von Gemeinschaften, siehe dort insbesondere den "ersten Definitivartikel zum ewigen Frieden", Reclam-Ausgabe S. 12f:

'Wenn ... die Beystimmung der Staatsbürger dazu erfordert wird, um zu beschließen, ob Krieg seyn solle, oder nicht, so ist nichts natürlicher, als daß, da sie alle Drangsale des Krieges über sich selbst beschließen müßten [als da sind: selbst zu fechten; die Kosten des Krieges aus ihrer eigenen Haabe herzugeben; die Verwüstung, die er hinter sich läßt, kümmerlich zu verbessern; zum Uebermaße des Uebels endlich noch eine, den Frieden selbst verbitternde, wegen naher immer neuer Kriege nie zu tilgende Schuldenlast selbst zu übernehmen], sie sich sehr bedenken werden, ein so schlimmes Spiel anzufangen.'

Ich weiß natürlich: Nach dem Gummi ist vor dem Gummi. Die Kirche wird so nicht bleiben. Drum meine inständige Bitte an all' die Gläubigen und die Ernsthaften in Nah und Fern: Lasst den Gummi draußen, und zwar an entsorgungsfreundlicher Stelle. Habt Ihr’s mal vergessen und droht der Gummi bei den Manifestationen des Glaubens aufzufallen oder zu stören: Schluckt ihn mannhaft herunter! Vergesst die Ammenmärchen über verklebte Mägen oder Darmtrakte; das sind für die allermeisten Fallgestaltungen reine urban legends. Oder führt in der Kirche ein Beißholz mit, wie es den Archäologen zufolge in Europa schon mehrtausendjährige Tradition hat.

Merke: An der Griffkante mit Kaugummi verklebte Kirchenbänke sind sehr real – und nach weit überwiegender Auffassung ekelhaft.

Weiterführende Hinweise:

https://de.wikipedia.org/wiki/Kaugummi, auch zu den mittel- und nordamerikanischen Ursprüngen des heute vorherrschenden Produkts, zur kommerziellen Entwicklung und zu den physiologischen Wirkungen

https://de.wikipedia.org/wiki/Mauna_Loa, zum Subtyp der o.g. Nr. 2

http://uliswahlblog.blogspot.com/2014/12/herschels-haufen-weihnachtsbaum-vs.html, falls es beim Lesen gerade Vorweihnachtszeit ist und wenn Sie Näheres zum Weihnachtsbaum, zur Astronomie und zur morgenländischen Wiege der modernen Wissenschaften interessiert. 




Montag, 3. Juni 2019

Radeln, anstreichen und verkaufen


Der Arbeitskreis Handel in der Wirtschafts- und Werbegemeinschaft „Wir für Burscheid / WfB“ begrüßt die Umbau- und Modernisierungsmaßnahmen im Rahmen des „Integrierten Entwicklungs- und Handlungskonzepts / IEHK Burscheid 2025“ ganz ausdrücklich, so etwa im Kölner Stadt-Anzeiger“ vom 1./2.6.2019 (Jan Sting „Händler: Burscheid im Aufwind. Werbegemeinschaft begrüßt Umbau der Hauptstraße“). 
Das kann man doch sehr gut nachvollziehen: Wenn die Burscheider Hauptstraße wieder attraktiver = anziehender wird, wenn die Fassaden frisch herausgeputzt sind, wenn Leerstände gefüllt sind, wenn die Wege für Fußgänger, Radfahrer und PKW’s gut gebahnt sind – einschließlich guter Parkmöglichkeiten und abwechslungsreicher Verköstigung – dann machen Kaufen wie Verkaufen und machen auch Dienstleistungen deutlich mehr Spaß. Und es bleibt auch mehr hängen. Ein wenig mehrdeutig wird’s dann bei der Zusammenfassung durch die Pressesprecherin und die Sprecherin des Arbeitskreises Handel der WfB-Gemeinschaft: 
„Wir haben schöne inhabergeführte, florierende Geschäfte, gute Erreichbarkeit, ausreichenden kostenlosen Parkraum und eine attraktive Innenstadt nach den Umbaumaßnahmen – mit neuem Wohnraum, mit breiten barrierefreien Bürgersteigen und Platz für Radfahrer, mit Bäumen und Bänken, neu gestalteten Parks und einem Zugang von der Radtrasse direkt in die mittlere Hauptstraße“.
Gerade das Letztere ist schwer nachvollziehbar: Tatsächlich gibt es ja bereits vor den anstehenden Baumaßnahmen „einen Zugang direkt in die mittlere Hauptstraße“ und sogar barrierefrei, ohne Rampe: Man zweigt an der Dammstraße vom Radweg ab, fährt dann am Markt entlang direkt in die mittlere Hauptstraße. Kommt man aus Richtung Hilgen, geht’s sogar noch schneller und ohne jegliche Steigung – einfach auf die Montanusstraße abbiegen und an der Volksbank rechts (oder auch links) herein. Schon da, mitten im Geschehen!
Gut, was man noch verbessern dürfte: Kosmetik bzw. Deo. Wenn man etwa am Abzweig Dammstraße den auch schon arg verbeulten großmäuligen Mülleimer öfter leeren würde, wenn dieser auch nicht mehr wochenendelang inkontinent zum Himmel stinken würde – dann würden wir wohl noch viel mehr Touristen anlocken, in die Innenstadt, wie es dort ja auch schon ausgeschildert steht. 
Aber das ginge wie gesagt weitgehend aus dem Eingemachten, vielleicht mit einem aufmunternden Anruf des Bürgermeisters bei seinen Technischen Werken / TWB; wir müssten dazu nicht etwa neue steile Rampen aufschütten oder nutzlose Skywalks an Brücken anflanschen. Übrigens genau so sehen es auch viele Radfahrer, wenn man gerne hinhören möchte: Der Allgemeine Deutscher Fahrrad-Club RheinBerg-Oberberg e.V. / ADFC, Oberheidkamper Straße 52 in 51469 Bergisch Gladbach sagt in einer aktuellen, nüchternen Bewertung der geplanten Rampe von der Balkantrasse zur Hauptstraße: „Burscheid braucht keine Visionen, sondern Rad-Infrastruktur!“ und gibt insbesondere dreierlei zu bedenken:
(1)  Burscheid hat bereits zwei lästige Rampen (statt Tunnel-Lösungen) im Verlauf des Panorama-Radwegs Balkantrasse auf seinem Stadtgebiet.
(2)  Es ist unwahrscheinlich, dass Radfahrende in Richtung LEV-Opladen - bergab fahrend - eine Kehrtwende beschreiben, umständlich eine Rampe hinauf radeln/schieben, um in die Hauptstraße zu gelangen.
(3)  Es fehlt eine lückenlose Radinfrastruktur.
Dem ist wenig hinzuzufügen, außer: Den letzten Punkt bei den weiteren Planungen wirklich ernst nehmen, eine für Radfahrer nun tatsächlich kooperative Spange durch die Innenstadt legen und nicht um des Prinzips willen eine lebensfremde Planungs-Arabeske für teures Geld verewigen. 
Was mich an der Stellungnahme des WfB noch ein wenig verwundert: Eigentlich hat man mit den trost- und nutzlosen Blechbäumen am Markt ein unschlagbares Beispiel verfehlter Entwicklungs-Planung schon jahrelang vor Augen. Braucht Burscheid denn wirklich "Mehr desselben", wie Paul Watzlawick in seiner skurril-lebensnahen "Anleitung zum Unglücklichsein" herausgearbeitet hat?

Exkurs: Watzlawick beschreibt in seiner genialen Handreichung eine Beharrlichkeit, die in immer weitere Verstrickung führt, treffend als Syndrom einer doppelten Blindheit: "Erstens dafür, dass die betreffende Anpassung (eine früher sinnvolle Überlebensstrategie) eben nicht mehr die bestmögliche ist, und zweitens dafür, dass es neben ihr schon immer eine Reihe anderer Lösungen gegeben hat, zumindest nun gibt. Diese doppelte Blindheit hat zwei Folgen: Erstens macht sie die Patentlösung immer erfolgloser und die Lage immer schwieriger, und zweitens führt der damit steigende Leidensdruck zur scheinbar einzig logischen Schlussfolgerung, noch nicht genug zur Lösung getan zu haben. Man wendet also mehr derselben 'Lösung' an und erreicht damit genau mehr desselben Elends." (Paul Watzlawick, Anleitung zum Unglücklichsein, Piper, 16. Aufl. 1997, S. 28f). Exkurs Ende.



Aber vielleicht könnte man ja den unheilvollen Kreislauf hier unterbrechen und gerade die Blechbäume bei der neuen Planung schadensmindernd recyceln. Also: Wenn jetzt wirklich der schräge Skywalk an der Hauptstraßenbrücke angeflanscht wird und wenn – wie der Bürgermeister unerwartet verzagt vermeldet – eine Außengastronomie mit Schirmen etc. darauf allerhöchstens mittelfristig zu erwarten steht: Warum verpflanzen wir dann nicht einfach die Bäume (oder doch einen oder zwei davon) auf den neuen Skywalk? Sie wachsen dort sicher fest an und könnten wind- und standsicher vor Regen schützen – und unten würden sich die Balkantrassen-Touristen verwundert die Augen reiben, würden sich in ganzen Seilschaften neugierig die Rampe heraufhangeln und würden eigenäugig nachsehen wollen, was denn in Burscheid für listige Lurche am Werke sind, um uns in Szene zu setzen und aus dem städtebaulichen Einerlei herauszuheben.
G O T C H A !!!!


Weiterführende Informationen:
Post zur aktuellen Informationsveranstaltung von Stadt Burscheid & Planungsbüro zu Rampe und Skywalk = 

http://uliswahlblog.blogspot.com/2019/05/burscheid-spange-statt-skywalk-und-rampe.html

Sonntag, 2. Juni 2019

Saugen, nicht heulen

Aus der immer wichtigeren Reihe "Rettet die Hardware!" ein weiterer Beitrag: Wie vermeide ich, einen heuligen Sauger zum Elektroschrott zu karren?

Die Vorgeschichte: Ich hatte unseren etwas betagten Bosch-Staubsauger, dem ich vor Jahren schon mal die brüchigen Plastik-Füßchen durch Prothesen aus stabileren Holz-Rollen kuriert hatte,
für ein Neubau-Projekt ausgeliehen; dort nahm er wacker den Sägestaub von ca. 100 qm Laminat-Zuschnitt auf. Das Problem enstand, als der bald prall und sehr kompakt gefüllte Beutel dem Gehäuse entzogen wurde - dabei wurde es eng und einer der beiden Plastik-Bolzen brach ab, mit denen die Aufnahme des Beutels dreh- bzw. schwenkbar bar zum Gehäuse verbunden ist.
Das heißt, eigentlich begann das Drama, weil sich jener Noppen irgendwie unbemerkt durch die Fichten getan hatte, sodann der nächste & leere Beutel nicht mehr in die rechte Flucht mit dem flexiblen Teil des Saugrohres kam, der bald im Mengen folgende Staub/Dreck den Beutel mied und per Bypass direkt durch den Motor flutete und dieser Motor wiederum nach einer gewissen Zeit anfing, schräge Lieder zum Vortrage zu bringen.

Exkurs: Plastik. Es gibt eine geradezu seherische Szene in dem unvergesslichen Film "The Graduate" / "Die Reifeprüfung". Ein aufgeblasener Freund von Benjamin Braddocks Eltern nimmt den um seine Zukunft besorgten College-Absolventen bei der Abschlussfeier beiseite und raunt ihm in nachrichtendienstlicher Sherlock-Hemlock-Manier zu: "One word." Als Benjamin  verständnislos dreinschaut, setzt er hinzu: "Plastics." Und wiederum einen Moment später: "Shhh! Nuff (= Enough) said..." Tja, manchmal sollte man Plastik wirklich vergessen - wenn es schon ein paar Jahre auf dem Buckel hat und seine Beweglichkeit und Anschmiegsamkeit dahin sind. Exkurs Ende.

Nun gut: Schnell eine weitere Prothese zubereitet, die den abgebrochenen Bolzen willig ersetzt (hatte zufällig noch eine längere Fiberglaswelle aufgehoben, sie passte im Durchmesser befriedigend genau). Das nächste - oder unbemerkt verbliebene - Problem: Der Beutel sitzt jetzt zwar so, wie er soll, und der Bypass ist kuriert, aber der Sauger heult nun selbst bei geringeren Touren wie eine ausgewachsene ABC-Sirene. "Absolut unzumutbar!" befindet meine bessere Hälfte. Bleibt nichts, als das Schätzchen nun völlig zu desintegrieren und zu reinigen. Zum Öffnen des Gehäuses braucht's zunächst mal einen langstieligen Torx-Schraubenzieher. Mit einer normalen Bit-Aufnahme und dem (grundsätzlich) passenden Bit kommt man nun nicht weiter; denn zwei der drei Schrauben sitzen tief in engen Röhren mit max. 10 mm Durchmesser verborgen. Und weiter ist Vorsicht angebracht: Neben den drei Torx sind noch weitgehend verdeckt zwei Plastik- (s.o.!!!) Spangen zu lösen; an diese kommt man nur durch eine kleine Gehäuse-Öffnung neben dem linken Hinterrad und unter (!) dem rechten Hinterrad.

Dann allerdings kann man den Deckel über dem Motor (langsam & sensibel!) nach oben abheben. Wie vermutet: Darunter und insbesondere im Lüfterrad des Motors, das die gesamte Luft bewegt, ist alles mit Staub/Dreck verstopft. Selbst der Innenluftfilter, der die angesaugte Luft vor der Abgabe ins Zimmer nochmals etwas reinigen soll, ist von innen wie zugespachtelt.

Alles soweit zugänglich gereinigt; dann vorsichtshalber noch den recht riefigen Kollektor des Motors behelfsmäßig abgezogen. Das geht recht praktisch mit einem zweiten Staubsauger und etwas 1000er Nass-Schleifpapier: Das Rohr des Zweit-Saugers auf die Ansaugöffnung unseres Problemkindes aufgesetzt - der Luftstrom bringt dann das Lüfterrad und damit die Motorwelle passiv zur Rotation, das etwas befeuchtete Schleifpapier mit dem kleinen Finger leicht auf den Kollektor gedrückt - und schon nach kurzer Zeit strahlt er wie ein Baby-Popo.
Alles wieder sorgsam zusammengesetzt, Filter erneuert und eingeschaltet: Es faucht angemessen, aber es heult nicht mehr. Ich hoffe, damit sind ihm und uns noch ein paar familiäre Nutzungsjahre beschert ;-)

Da wären noch ein paar nette Reparatur-Projekte zu schildern - etwa unsere Kaffeemaschine, der erst auf einer Flugreise der Tassen-Balkon abgebrochen war und die dann später zu ersticken drohte, unser Toaster, der u.a. mal brennend aus dem Fenster gesegelt war, aber wieder hereingebeten wurde, eine kreuzlahme Sofa-Landschaft, deren brüchige Spanplatten-Statik durch eine veritable Fichten-Plombe geheilt wurde und ein Familien-Auto, dessen eine hintere Türe für mehrere Monate versperrt blieb. Und solange die Türe geschlossen ist, ist nun mal die Türverkleidung nicht zu lösen und wird das Schloss nicht zugänglich...

Bei Gelegenheit zu alldem mehr; wie gesagt: Rettet die Hardware! Meist kann man noch was tun und das macht dann sogar Spaß wie Kreuzworträtsel- oder Puzzle-Lösen... Und wenn's dann am Ende wieder richtig brummt...

Noch ein kleines Nachtrags-Reparatur-Projekt vom gleichen Wochenende, als ich mit Schwiegesohn und Enkelin auf dem Radweg unterwegs war: Das Hinterrad am Kinderfahrrad hatte mehr atü verlangt, aber die Pumpe wollte/konnte nix hineinpressen. Beim Auseinanderschrauben wird das Problem gleich sichtbar - es hatten sich innendrin der Schaft der Pumpe und der Plastikkopf (mit der Druckdichtung darauf) in Unfrieden getrennt, der Kopf klemmte verkantet am unteren Ende des Rohrs und drückte dort rein garnichts mehr, außer sich selbst.


Ich bin ja eigentlich gegen die Todesstafe; nur bei Ingenieuren zwickt es mich hier und da, für eine Ausnahme zu plädieren. Hier war der Defekt programmiert; denn besagter Plastikkopf klemmte in dem (seitlich noch dazu der Länge nach geschlitzten und damit eher labilen) Schaft, war nur durch ein paar nach innen gepresste kleine Blech-Beulen befestigt. Einige Zeit kraftvolles Pumpen muss diese Verbindung früher oder später lockern. Vorsorge/Abhilfe wäre dabei recht einfach und auch billig gewesen, entweder durch eine feste Wicklung von Textilband rund um das Schaft-Ende oder - das ist hier meine Wahl - eine kleine Bohrung quer durch das Schaftende inclusive eingesetztem Plastikkopf und das Einsetzen eines Sicherungsdrahtes - hier einfach einer passend gebogenen und gekürzten Büroklammer.


Geht doch - und wird nicht einfach mitten auf einer Tour versagen. Ansonsten wäre die Pumpe auch im Müll gelandet.

Die zweite - baugleiche - Pumpe am Fahrrad meiner Einzigen und Besten habe ich nach dem precautionary principle gleich mitbehandelt. Wie sagt dieser wichtige Grundsatz doch so richtig:

„Angesichts der Gefahr irreversibler Umweltschäden soll ein Mangel an vollständiger wissenschaftlicher Gewißheit nicht als Entschuldigung dafür dienen, Maßnahmen hinauszuzögern, die in sich selbst gerechtfertigt sind. Bei Maßnahmen, die sich auf komplexe Systeme beziehen, die noch nicht voll verstanden worden sind und bei denen die Folgewirkungen von Störungen noch nicht vorausgesagt werden können, könnte der Vorsorgeansatz als Ausgangsbasis dienen.“