Sonntag, 26. Mai 2013

lousy saturday afternoon



Am Samstag wage ich den ersten Ausfall aus den Burscheider Stadtmauern, nach Odenthal. Eine ruhige Wohnstraße, Häuser, in denen vermutlich überwiegend Menschen meines Alters leben (z.B.: die noch die Small Faces kennen) und etwa meiner Bevölkerungsschicht. Jedenfalls sind das diejenigen Bürger/innen, die ich bis zu einem massiven Wolkenbruch kennen lerne. 
Als Essenz wird mir klar: Ich muss meine Strategie und/oder mein Auftreten massiv verbessern, wenn ich das 200er Quorum überhaupt nur in Sicht bekommen will. Im Einzelnen:
Beim ersten Klingeln mache ich Bekanntschaft mit einen extrem Politik-mürrischen Mann von geschätzt 65-70 Jahren. Nein, mit der Wahl will er gar nicht zu tun haben. Die in Berlin würden ja eh’ nur für sich selbst sorgen wollen und sich Einkünfte und Pensionen von hunderten Tausend Euros verschaffen, steuerfrei natürlich. Ginge es dagegen um die Ansprüche der Bürger, dann seien denen schon 10 Euro zu viel. Und jeder, der sich zu Wahl stelle, habe ebenso egoistische Beweggründe. Ich komme kaum dazu zu erläutern, dass ich keiner Partei angehöre oder je angehört habe und dass gerade der Wahlkampf der richtige Ort sei, Fragen und Forderungen an die Politik zu richten. Nein, er habe sich ein Leben lang für Politik interessiert, die Politik aber nicht für ihn, jetzt sei er es Leid und er weist auch meine Visitenkarte und mein „Programm“ zurück. Seiner Tochter, die dazu kam, habe ich noch zu erklären versucht, dass ich keine ökonomischen Interessen verfolge, da meine Bezüge auskömmlich seien und meine Pension bereits erarbeitet. "Aber meine nicht!", quittierte sie das und so blieb mir nur der beiderseits frustrierende Abgang.
Das nächste Haus muss ich noch nicht ganz verloren geben. Nach einigem Misstrauen gibts dann doch noch ein gutes Gespräch über die Entwicklung der Gesellschaft. Aber unterschreiben wollen Mann & Frau den Unterstützungs-Vordruck gleichwohl noch nicht, sie wollen sich meinen Internet-Auftritt noch einmal eingehend ansehen. Ob sie mir dann die ausgefüllten Vordrucke zusenden könnten, frage ich. Nicht so gerne, ob ich denn nicht noch einmal vorbeikommen könnte, um sie einzusammeln? Ich versuche klar zu machen, dass ich auch bei nur einem Besuch rein rechnerisch nicht einmal die Zeit haben werde, alle Straßen des Rheinisch-Bergischen Kreises aufzusuchen. Anm.: Der Mann lässt virtuos einen kleinen Flugroboter mit vier Rotoren steigen und sagt auf meine Frage, dass ein solches Modell grundsätzlich wohl mit einer Optik ausgestattet werden könne; der Roboter würde auch deutlich günstiger sein als die Drohnen, deren Beschaffung gerade mit einem Verlust „von einigen hundert Milliarden Euro“ gestoppt worden sei. Ich meine, es habe sich um ca. 600 Mio.€ gehandelt (was noch immer ein Riesenbetrag und ein entsprechender Skandal ist). Anm.: Ich halte darüber hinaus diese Waffe, die in den letzte Jahren geradezu zum letzten Schrei moderner Kriegführung hochgejubelt wurde, für in keiner Weise konfliktlösend, sondern für konfliktsteigernd, und wenn ich Obamas einschlägige Rede aus der vergangenen Woche richtig deute, dann ist selbst ihm – der den Einsatz stark eskaliert hatte – diese Waffe unheimlich geworden. Zu den Drohnen nehme ich mir einen gesonderten Post vor.
Dann ein Gespräch von der Straße aus über einen Gartenzaun hinweg, mit einem Mann etwa meines Alters. Er ist zunächst durchaus aufgeschlossen, sein Gesicht versteinert allerdings geradezu, als er meinen Programmpunkt zu erleichterten doppelten Staatsangehörigkeit liest. Nein, das könne er ganz und gar nicht unterstützen und mich dann ebenso wenig. Er habe beruflich häufig mit Fällen mit Auslandsberührung zu tun gehabt und wenn er sich vorstelle, wir müssten z.B. konsularisch intervenieren, wenn irgendein Junge türkischer Herkunft irgendwo etwas ausgefressen habe! Okay, sage ich, und erläutere, dass ich ebenfalls berufliche Erfahrung mit vielen international vernetzten Fällen hätte und dabei den Besitz oder den Nichtbesitz einer Staatsangehörigkeit als eine sehr zufällige Eigenschaft kennen gelernt hätte, dass es rechtlich deutlich sinnvollere Anknüpfungspunkte gebe, wie etwa den gewöhnlichen Aufenthalt / die so genannte residence und dass eine erleichterte Einbürgerung vermutlich überwiegenden Nutzen stiften würde (siehe auch die Debatte im ARD-Pressclub am folgenden Sonntag: Deutschland einig Einwandererland - Sind wir bereit für mehr Zuwanderung?). Möglicherweise könne man sich für den Wahlkampf konkret dazu austauschen. Nein, daran habe er kein Interesse, aber er wünsche meinem Projekt = der Kandidatur selbst viel Erfolg, und das letztere mag tatsächlich genauso gemeint gewesen sein.
Als viertes spreche ich eine Frau bei der Gartenarbeit an, trage meine Idee vor – und sie winkt gleich ab. Sie sei gar keine Deutsche, habe von ihrem Vater eine andere europäische Staatsangehörigkeit vermittelt bekommen. Ich bin etwas verdutzt, weil rein gar nichts an ihrer Sprache darauf hindeutet. Klar, sie sei auch hier geboren und aufgewachsen. Ich versuche noch auszuführen, dass gerade mehrfache Staatsangehörigkeit ein m.E. relevantes Thema ist. Anm.: Für den 5.6.2013 - in der 242. Sitzung des Bundestages - stehen unter TOP 1 mehrere Oppositionsanträge zur Reform des Staatsangehörigkeitsrechts auf der Tagesordung, u.a. zur Streichung des Optionszwanges bzw. zur Zulassung mehrfacher Staatsangehörigkeit, siehe Anträge der Bündnis-Grünen v. 27.1.2010 (Drs. 17/542), der SPD v. 9.11.2011 (Drs. 17/7654) und der LINKEN v. 29.1.2013 (Drs. 17/12185). Erfolgsaussichten haben sie nach der Mechanik des Parlaments kaum; der federführende Innenausschuss hat unter dem 25.4.2013 bereits das vollständige Ablehnen dieser Anträge empfohlen, s. Drs. 17/13312). Ich werde darüber berichten, auch über das voraussichtlich gleiche Schicksal des neueren Antrags der Bündnis-Grünen v. 15.5.2013 (Drs. 17/13488), der auf die signifikanten Folgen des Optionszwanges für die Zahl erwünschter Einbürgerungsanträge hinweist.
Dann öffnen sich die Himmelspforten über Odenthal und es spült mich geradezu zurück nach Burscheid - das zeigt halt ein strukturelles Problem: Klinkenputzen ist ein wenig wie Straßenkarneval oder das Leben auf der Straße = man hat besser gutes Wetter oder muss sich unter einer Brücke verkriechen. Irgendwie hatte mich da aber auch emotional nicht mehr besonders viel in dieser Straße gehalten. Relativ wenig good vibrations und das Gefühl, dass auf diese Weise keine 200 Unterschriften zusammen kommen können, nicht mal annähernd. Es muss sich etwas ändern – sonst wird das eine sehr triste Veranstaltung, etwas eher für Masochisten oder überzeugte Melancholiker. Nicht nur wegen dieses Wetters.
Abends wenigstens eine kleine Aufhellung: Bekannte zu Besuch, die nicht nur aus Freundschaft, sondern aus Engagement einen Anteil gezeichnet haben und auch noch ein paar Blätter weiter geben werden.

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