Montag, 22. Mai 2017

Leitkultur, Feinstaub und des Ministers Bauerntölpel



Karl Ernst Thomas de Maizière – das ist der frühere und heutige Innenminister, frühere Verteidigungsminister, auch mal Chef des Kanzleramts – der hat Ende April seine Thesen zur deutschen Leitkultur veröffentlicht und wollte damit eine gesellschaftliche Debatte anstoßen, vielleicht auch punkten bei allen denjenigen, die ohnehin meinen, die Fremden oder das Fremde bei uns werde längst zu frech, sei auch Ursache der meisten Übel und Konflikte.
Was ist nun eigentlich eine (deutsche) Leitkultur bzw. was könnte dazu gehören? Oder auch: Wer könnte wie an ihr teilhaben? Protestanten eher in Hamburg als in Bayern? Flüchtlinge nach gehörigen Tests und nur, wenn wir sie konkret brauchen – also Migranten-Nützlinge, eher nach Vollendung akzeptierter Berufswege, weniger die Jugendlichen? Gehören Bauten eher mit einem Kreuz darauf dazu wie bei dem gerade wieder auferstehenden Berliner Stadtschloss?
Der ursprünglich von dem Politologen Bassam Tibi eingeführteBegriff „(europäische) Leitkultur“ hat eine wechselvolle Geschichte, de Maizières nunmehriger Vorstoß knüpft – auch hinsichtlich seiner Durchschlagskraft – an diverse Vorläufer an. Wenn Leitkultur eine Essenz dessen ist, was die Eliten einer Gesellschaft ihren Schutzbefohlenen zum besseren Zusammenhalt, zur gehobenen Stimmung oder zur leichteren Abgrenzung verschreiben, dann müsste auch Feinstaub – oder dessen klagloses Ertragen – dazu zählen. Denn Feinstaub gehört offenbar bis auf Weiteres in die Mitte unserer Städte und Lungen. Ein Fahrverbot für Dieselantriebe in Fahrzeugen jeder Art – undenkbar! Exkurs: Dass Dieselruß insbesondere in Ballungsräumen Gesundheitsrisiken verursachen kann, ist seit Jahrzehnten bekannt. Dennoch gab es über die Jahre immer wieder staatliche Kaufanreize wie Steuervergünstigungen. Ich bekenne, selbst mal einen auch wunderbar sparsamen und langlebigen Citroen AX besessen zu haben (50 PS bei unter 800 kg Gewicht, Verbrauch ca. 4 Liter!!!); er war wegen seines Oxydations-Katalysators tatsächlich zeitweise steuerbefreit. Meine damalige Begeisterung, aber auch mein wegen des Dieselruß angestrengtes Gewissen kann man hier noch etwas nachleben. Weiterer Exkurs: Auf einer Umweltmesse hatte ich damals Verantwortliche für die Motorenentwicklung von Volkswagen gesprochen und mich insbesondere nach Fortschritten bei der Abgasreinigung erkundigt. Nein, Filtertechniken wie die damals von Peugeot zur Serienreife entwickelte F.A.P.- Technologie verfolge man nicht – man setze auf optimierte Motorensteuerung, die die Menge und Größe ausgestoßenen Rußes unter das messbare Maß vermindere. Anm.: Bereits damals war die Problematik dann lungengängiger, sehr feiner Stäube – Ultrafeinstaub – durchaus bekannt.
Aber nun im Ernst: Feinstaub-Toleranz gehört natürlich nach keiner Definition zur Leitkultur, allerhöchstens indirekt, wenn man annimmt, das jedenfalls eine technokratische Grundausrichtung Teil der Leitkultur ist, die wiederum die Risiken einer kompetitiven technologischen Entwicklung bereits als naturgegeben ansieht und als in diesem System alternativlos in unser Leben eingepreist hat. So wie über Jahre das Passivrauchen als eine Art gesellschaftlicher Pflicht gelehrt wurde: Während meines Studiums in den Siebziger Jahren bekam ich von der Universitätsbücherei meine Ausleihen regelmäßig und geschmeidig in eine Plastiktüte gelegt, in der sich schon eine kleine Broschüre des Verbandes der Cigarettenindustrie befand, und nach deren einschmeichelndem Inhalt waren die Risiken des Passivrauchens nichts als völlig unbewiesene, böswillige Unterstellungen.
Wenn schon nicht der Feinstaub und auch nicht mehr das Passivrauchen, was könnte denn wirklich im aktuellen Warenkorb der „Leitkultur“ liegen? Lothar de Maizière hat ja schon eine Menge content definiert: Namen nennen, Hand geben, Allgemeinbildung haben, Leistung bejahen, nationale Geschichte zugeben, klassische Kultur pflegen, religiöse Toleranz staatlich fördern, gewaltfrei leben, das eigene Land lieben, ohne dafür andere zu hassen, im Zweifel nach Westen blicken, gemeinsame Erinnerungen, Stätten und Brauchtum wie Brandenburger Tor, den Brand der Synagogen, die Fußballweltmeisterschaft und den Karneval bewahren. Aber da gehört sicher noch mehr und anderes in die nähere Wahl: Gehört Barmherzigkeit dazu, das gegenseitige Grüßen, ein Atlantik voller Cola oder überhaupt der omnipräsente Konsum, Export und das Wirtschaftswachstum der Industrienationen? Zählt die responsibility to protect (R2P) darunter oder weitergehend der militärische Eingriff zur Wahrung wohlverstandener Interessen, etwa auch zum Schutz der Rohstoff- und Absatzwege? Ggf. eine globale Politik der offenen Türe – mit der wir uns schon mal den ewigen Spitznamen „Hunnen“ verdient hatten? Über alles das und noch viel mehr kann man trefflich und endlos streiten. Im Grunde geht es wie beim MHC eben einfach darum: Was gehört dazu und was nicht? Oder in unserem Fall genauer: Was und wer soll aus der Sicht des jeweiligen Diskutanten dazugehören? In Zeiten der selbst postulierten Globalisierung wird diese Frage sinnloser und sinnloser – es sei denn, man nutzt sie, um ein wenig scheinheilig Fremdenfurcht zu transportieren.
Nachtrag: Aus einem gewissen Blickwinkel hat Thomas de Maizière allerdings eine besondere Expertise für die aufgeworfene Fragestellung. Ist er doch ein ausgewiesener Kenner auch fremder Kulturen, die er noch als Verteidigungsminister in ihren angestammten Lebensräumen besuchte. So am Sonntag, dem 6. Oktober 2013, als er feierlich den Afghanen den Schlüssel für das Feldlager Kundus übergab. In seine Rede, die unter dem o.g. Link auch noch heute auf Englisch, Dari und Paschtu verbreitet wird, hatte er feinsinnig afghanisches Erzählgut eingewirkt; ganz sicher war dies das Ergebnis seiner eingehenden Durchforschung der am Hindukusch obwaltenden Leitkultur. Es war die Erzählung vom schlauen alten Bäuerlein (oder vom klugen Herrn de Maizière), das seinen tumben Söhnen noch eine abschließende Lehre erteilen konnte.
Das alten Bäuerlein verbreitete die Mär, im bald zu vererbenden Acker wäre ein Schatz verborgen. Sogleich wühlten die sonst eher morgenländisch-fatalistischen Nachkommen in ungestümer Konkurrenz den Boden um. Sie fanden nichts und bemerkten erst später, dass der so umgegrabene und belüftete Acker nun höchst erfreuliche Früchte ihrer ungewollt gemeinschaftlichen Arbeit trug (Zusammenfassung des Blog-Autors).
Der damit zu transportierende pädagogische Sub- oder Meta-Text sollte wohl sein:
Trotz meiner unermüdlichen Bemühungen sieht es bei euch immer noch trostlos und gottverlassen aus. Aber wenn ihr euch hier nun mal endlich richtig reinhängt – und mir nicht etwa nach Deutschland nachreist – dann wird das schon was, ganz sicher!
Und flugs nahm er sein launig-lappiges tarngeflecktes Käppi ab, stieg in den Dienstflieger, wurde vom Krisenreaktions-Minister mal wieder zum Innen- und damit auch Wanderungs- und Aufenthaltsminister und konnte von Stund an noch besser regeln, wer oder was hierzulande dazugehört, hier, wo wir alle Krisen heldenhaft fernhalten.Weswegen wir die heute so allfälligen Krisen frühzeitig und möglichst fern von uns vor Ort im Keim ersticken.
Dass an den Orten, an denen Deutschland und/oder seine westlichen Bundesgenossen militärisch oder diplomatisch-destabilisierend eingegriffen haben, in der Folge nur sehr, sehr wenig Fruchtbares wuchs, insbesondere keine tragfähigen, krisenfreien Staatswesen, dass von dort gut vorhersagbare Fluchtbewegungen ausgehen, die man auch als heimkehrende collateral damages oder als Bumerang-Krisen verstehen darf, darüber hat Thomas de Maizière, soweit mir bekannt, bisher noch nicht öffentlich sinniert. Aber mit seiner hübschen These von der klassischen Bildung als einem wesentlichen Teil der Leitkultur könnte er ja auch z.B. Goethens Zauberlehrling mitgemeint haben, vielleicht sogar die kongeniale Adaption durch den guten alten Walt. Das wäre dann sogar die klassische Bildung, vermittelt durch Westbindung. Und eine wirklich wirkmächtige Leitkultur.

MfG
Dr. jur. Karl Ulrich Voss

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