Samstag, 18. November 2017

Philips 4307: bejahrt, aber richtig schön



Eine gute Bekannte weiß: Ich bastle und repariere gerne. Sie trägt mir ein Tonbandgerät aus den späten Sechzigern an; das gibt leider schon lange keinen Mucks mehr von sich. Und sie hat noch diverse Bänder aus der wilden Zeit, als alles auch noch nicht so chic – und manchmal steril – digital klang. Mal sehen:
1. Die Familien-Anamnese:
Die in den frühen Sechzigern von Philips gebauten Geräte waren noch weit entfernt von den späteren „High Fidelity“-Bandmaschinen. Das Modell 4307 hat zwar schon einen Viertelspurkopf, kann aber kein Stereo (eine Verstärkerstufe gespart), es hat keinen Bandzugskomparator (eines der Zauberworte, mit denen sich junge Männer dieser Ära beim small talk als Wissende ausgaben), hat auch keine Endabschaltung und das Band läuft immer mit der gleichen Geschwindigkeit, nämlich 9,5 cm/sec. Ein und der gleiche Motor ist darin allzuständig – für den Capstan-Antrieb (die schmale Achse über einem relativ großen Schwungrad, an die eine Andruckrolle das Band presst und damit unabhängig vom Aufwicklungsradius der aufnehmenden Bandspule mit gewissem Gleichlauf transportiert), für das Vor- und Zurückspulen und auch für den zusätzlichen Zug der aufnehmenden Bandspule (für ein kontrolliert festes Aufwickeln), wobei eine Rutschkupplung die jeweils je nach Spulenfüllung wechselnden Geschwindigkeitsdifferenzen aufnimmt. Der bürstenlose Motor hält typischerweise ewig, auch die erstaunlich einfache Elektronik


wird selten ein Problem werden; allenfalls die Elektrolytkondensatoren könnten chemisch bedingte Alterungserscheinungen zeigen – das kann man dann aber zumeist äußerlich identifizieren und gezielt beheben. Eine weitere Schwachstelle sind durch Zeitablauf und/oder durch widrige Lagerbedingungen oxidierte Reibflächen der Dehwiderstände aka Potentiometer, insbesondere des für die Lautstärke zuständigen Potis. In sehr vielen Fällen behebt sich dieses Problem fast von selbst, wenn man während des Betriebs des Tonbandgeräts die Potis mehrfach herauf- und herunterregelt, ggf. dabei auch ein wenig achsialen Zug und Druck appliziert (sensibel, nicht mit dem Hammer!). Teils ist die Funktion nachher wieder stabil, teils bleibt ein etwas labiler Zustand, dem man hin und wieder nachhelfen (neudeutsch: nudgen) muss, ggfs. muss man sich auch mit leicht krächzenden Tonstörungen anfreunden. Vintage halt. Wie wir.


Die recht robuste Mechanik dieses Geräts – und einiger folgender Baumuster wie des RK25 und RK37 etc. – hat allerdings ein sehr, sehr unschönes Problem eingebaut: Elastische Komponenten wie insbesondere Treibriemen und Bremsgummis, auch in den o.g. Rutschkupplungen, können sich nach einigen zehn Jahren zu einer zähflüssigen Creme


zersetzen, mit einer Viskosität zwischen Nutella und Marmelade und einem Lichtschutzfaktor, der selbst den beliebten Schoko-Brotaufstrich noch um das Tausendfache schlägt.
2. Erstuntersuchung dieses Geräts
-        Bei Einschalten normales Motorgeräusch und
-        der rechte Bandteller läuft (ohne Drücken von „Abspielen“) kontinuierlich mit, bei allerdings nur geringem Drehmoment.
-        Der linke Bandteller ist ungebremst bzw. frei beweglich; wenn man ihn dreht, läuft das Bandzählwerk mit (was es soll).
-        Die Capstan-Welle steht still (sie sollte kontinuierlich vom Einschalten bis zum Ausschalten des Geräts rotieren); Tasten „Schneller Vorlauf“ und „Schneller Rücklauf“ zeigen keinerlei Reaktion bei den beiden Bandtellern. Taste „Abspielen“ führt immerhin die Andruckrolle unter Druck an die Capstan-Welle.
-        Nach dem Einlegen eines Bandes und Drücken der Taste „Abspielen“ zunächst keine Wirkung, nach mehrfachem Vor- und Zurückdrehen des Lautstärke-Drehreglers erste Töne und bei langsamem Durchziehen eines Bandes auch Jaul-Töne aus dem Lautsprecher (mehr als Jaulen ist bei diesem irregulären Bandtransport auch nicht zu erwarten ;-)
-        Auf dem Tonkopf keine sichtbaren Anlagerungen und auch keine (durch jahrelangen Dauer-Gebrauch eingeschliffenen) Riefen; Löschkopf leicht verdreckt, im Übrigen eher geringe Verschmutzung.
-        Von den eloxierten Aluminiumflächen, mit denen das Kunststoff-Gehäuse (durchaus hochwertig anmutend) beplankt ist, haben sich einige teils gelöst, dito auf den Bandtellern. Das Gehäuse ist etwas verschmutzt, Holzflächen (seitliche Flanken) sind ein wenig stumpf; die chromfarbene Blende um die Bedienungstasten ist locker.
Erste Diagnose
-        Elektronik/Elektrik/Mechanik sind im Wesentlichen in Ordnung.
-        Von den mehreren Riemen des Geräts ist wohl nur (oder: ausgerechnet) der Hauptreibriemen defekt sowie die Kupplungen in den Bandtellern
3. Befund nach Öffnen, Therapie
Haupttreibriemen
Der Hauptreibriemen hat sich hier tatsächlich zu einer trägen Masse verflüssigt und hat sich auf der Oberseite des Metallchassis zur ewigen Ruhe gebettet. Man kann es noch ein wenig nachvollziehen bei der kleinen Bürste, durch die der Riemen kontinuierlich läuft: Von der Bürste getragen sind die Reste des Riemens noch auf luftigem Niveau – und links und rechts davon ist er müde abgesackt, hält sich ansonsten nur noch elend in der Nut der weißen Umlenkrolle, die man im folgenden Foto am oberen Bildrand sieht.

Das heißt nun: Alle Reste sorgsam mit einem geeigneten Werkzeug (z.B. mit einem schmalen Federmesser, gut geeignet ist auch ein Stukkateur-Spachtel mit abgewinkeltem Griff und einer flachen sowie einer spitz zulaufenden Klinge) mechanisch abtragen, insbesondere natürlich aus den Nuten beider Umlenkrollen und aus den Nuten des Schwungrades und des Antriebsmotors; sodann die Reste mit geeignetem Lösungsmittel entfernen (ich benutze Isopropyl-Alkohol, gibt’s in Apotheken, z.B. zur Desinfektion und zum Bereiten von kühlenden Umschlägen),

insbesondere aus den Nuten so gut wie es geht. Bei den Nuten hilft bisweilen auch eine in Alkohol getauchte Schlinge aus ca. 3 mm starkem Bindfaden, unter der man etwa die Umlenkrollen durchdrehen kann.  (Einmal-)Handschuhe sind dabei immer eine gute Idee, denn der verweichlichte Gummi haftet wie der Teufel. Man kann sich die Arbeit etwas erleichtern, wenn man die befallenen Teile kühlt und damit die Viskosität des zähen Pech-Schleims wieder ein wenig heraufsetzt, etwa mit Vereisungsspray oder durch Herunterkühlen (wohl meist kleinerer Teile) im Kühlfach oder in der Kühltruhe. Zum abschließenden Reinigen der Hände etc. eignet sich ein starkes Spülmittel und (recht) heißes Wasser; nach meiner Erfahrung seltsamerweise hilft das aber weniger auf den o.g. Geräteteilen.
Ersatzriemen gibt es von verschiedenen Anbietern im Internet; die Preise sind jeweils ähnlich (Größenordnung 20 €). Wichtig nur: jedenfalls für den Haupttreibriemen einen Vierkant-Querschnitt wählen, nicht einen (billiger angebotenen) kreisförmigen Querschnitt – denn nur das quadratische Profil fügt sich vollflächig in die Philips-Nuten ein und garantiert die definierte Kraftübertragung. Anm.: Wenn das Gerät schon einmal geöffnet ist, dann sollte man zur Sicherheit auch alle Riemen tauschen – in meinem Fall eben auch diejenigen für das Bandzählwerk und für den Vorlauf des rechten Bandtellers; sie waren grundsätzlich noch intakt, allerdings leicht erschlafft.
Kupplungen in den Bandtellern
Die Bandteller liegen mit einer definiert gleitenden Filzfläche (wenn man so will: mit einer ersten Kupplung) auf einer (zweiten) Kupplung aus zwei ineinander ruhenden flachen Kunststoff-Schalen auf. Zwischen diesen zwei Schalen liegen vier kleine Gummi-Zungen; diese Zungen sperren die beiden Schalen in jeweils einer Drehrichtung gegeneinander, in der anderen Richtung sollen die Schalen (weitgehend) frei gegen einander rotieren können, insbesondere beim schnellen Vor- und Rücklauf. Oder auch: Die Kupplungen sind so etwas wie mechanische Dioden.
Leider teilen die o.g. Zungen häufig das Schicksal des Haupttreibriemens – sie zersetzen sich zu zähflüssigem Lakritz.

Also auch hier: Säubern und ersetzen. Dazu müssen die beiden Wellen der Bandteller von unten gelöst werden; beim linken Teller ist unten zusätzlich die Rolle für den Antrieb des Zählwerkes abzuziehen; beim rechten Teller kommt man leider erst nach Demontage des Motors an den Sicherungsring der Welle (alles das ist aber mit etwas Geduld und normaler Werkzeugausstattung zu stemmen ;-). Ich habe die neuen Zungen dann aus Sohlen-Gummi zugeschnitten und eingepasst – das geht, weil die Kupplung kein spezifisches Drehmoment liefern muss, sondern nur quasi digital „Sperren“ und „Durchrutschen“, das kann man recht gut von Hand überprüfen (auf dem folgenden Bild sehen Sie unten unten die Kupplung des linken Bandtellers von unten gesehen; hier zeigen die Zungen nach rechts; bei der Kupplung des rechten Bandtellers sind sie von unten gesehen nach links ausgerichtet, sperren also in die andere Drehrichtung - im Bild fehlen auch noch zwei der vier Zungen).

Es muss nicht das Sohlen-Gummi sein, das ich gerade bei der Hand hatte. Mindestens ebensogut, wenn nicht besser taugt die (meinetwegen auch gebrauchte) Gummilippe eines Scheibenreinigers oder etwas Ähnliches. Auf Youtube gibt es aber noch eine geniale andere Lösung zu bestaunen (https://www.youtube.com/watch?v=AndVoOon-xY): Dort ist jemand auf die Idee gekommen, statt der Zungen vier standardmäßige Gummi-O-Ringe in die vorgesehenen Aufnahmen hinein zu drücken (als Dimension ist dort genannt: „¾ diameter“, wohl in Zoll); auch das scheint gut zu funktionieren.
Pausenbremse, Reinigungsbürste
Zersetzt war ebenfalls die kleine Gummifahne, die bei Betätigen der „Pause“-Taste auf den linken Bandteller zu-rückt und diesen „in Pause“ fixiert. Ersatz wie bei den o.g. Kupplungen = Selbstzuschnitt aus Sohlengummi, es kommt hier nicht auf den Zehntelmillimeter an. Für die Rekonstruktion der völlig verklebten Reinigungsbürste, durch die Haupttreibriemen läuft, musste ein flacher Borstenpinsel mittlerer Größe dran glauben - die Bosten prophylaktisch mit einem Gummiring zusammenhalten und dann in der Falz der alten Bürste mit der Zange einquetschen.
Lockere Chromblende
Möglicherweise bei einer früheren Wartung sind die beiden Muttern/Gegenhalte der zwei Schrauben verschwunden, die die Chromblende fixieren. Lösung: zwei kleine Streifen aus 0,8 mm Alu-Blech mit passender Bohrung versehen und hinter den entsprechenden Gehäuse-Öffnungen leicht verkanten, Schrauben vorab in die Alustreifen eindrehen - zum Ausbilden d. Gewindes - und bei der Gesamtmontage von außen vorsichtig anziehen (im folgenden Bild: Bildmitte, ca. im oberen Drittel). Noch ein kleiner Nachtrag: Die Philips-Konstrukteure haben hier einen kleinen Scherz oder auch eine Art Falltüre eingebaut. Wer das Gerät als Laie zu öffnen versucht, dreht typischerweise auch mal an den beiden kleinen Schräubchen, die die Zierblende fixieren. Die Folge: Es verabschiedet sich mit kaum merklichem Klacken - Albtraum jedes Heimwerkers - der Gegenhalt = zwei kleine Vierkant-, manchmal auch Sechskantmuttern geradewegs nach innen/unten; die Schräubchen führen danach b.a.w. ein sehr freies Leben. Tatsächlich aber lässt sich die Deckplatte des Gehäuses völlig ohne Arbeit an diesen Schräubchen problemlos aus- und wieder einbauen. Man muss nur gleichzeitig die Aufnahme- und die Pausentaste bis zum Einrasten drücken - sofort ergibt sich ausreichender Raum zum Abheben des Deckels. Wer weiß denn sowas? Und die kleinen Muttern findet man dann, wenn's gut geht, im Gerät wieder, locker angeheftet an den Lautsprecher-Magneten ;-)


Aluminiumflächen
Neu verklebt. Geeignet ist u.a. ein Spezialkleber, mit dem man auch Marley-Kunststoff-Dachrinnen stabil verbinden kann. Kleber vorsichtig mit Federmesser auf die leicht angehobene Metall-Seite auftragen, einmal zusammendrücken, wieder lösen und nach 30 sec. endgültig zusammenpressen. UHU oder dergleichen tun’s vermutlich ähnlich gut.
Zusätzlich: Gummidämpfer
Beim Herausheben des Metallchassis aus dem Kunststoffgehäuse zeigt sich der Zahn der Zeit leider noch andernorts: Das Chassis ruht vibrationsgedämpft in vier normalerweise elastischen Gummitüllen, die einerseits auf vier aus dem Boden ragenden Stegen aufliegen und nach oben vom Gehäusedeckel begrenzt werden, durch den hindurch die vier con oben sichtbaren Chromschrauben alles zusammenhalten. Diese Tüllen zerbröselten teils bereits bei der Demontage, der Rest sah jedenfalls traurig und sehr unflexibel aus (siehe voriges Bild: oben rechts). Diese Tüllen haben von der Seite her betrachtet die Gestalt eines liegenden „H“. Originalen Ersatz habe ich nicht gefunden, auch nichts Ähnliches im Internet. Ich habe mir dann so geholfen: Auf die aus dem Boden ragenden Stege (oder, wenn Sie so wollen: Stalagmiten) bzw. auf die an deren oberen Ende daraus herausragenden Messingröhrchen mit Innengewinde habe ich jeweils eine Scheibe aus Sohlengummi mit passender Bohrung aufgesteckt, desgleichen nach Einlegen des Metallchassis noch über diesem, insgesamt also acht solcher Scheiben. Wichtig aber noch: Noch vor dem Auflegen der oberen Gummischeiben habe ich – das wurde dann der Querstrich in dem liegenden „H“ – noch aus einem passenden Gummischlauch aus einem alten Kosmoskasten jeweils 2 mm hohe Gummiringe geschnitten (voriges Bild: Mitte rechts, rot) und in die ringförmige Aussparung zwischen Metallchassis und Messingröhrchen eingelegt – damit entsteht ein definierter Seitenhalt und das Metallchassis kann sich auch bei senkrechter Lagerung des Tonbandgerätes nicht gegenüber dem Gehäuse verschieben. Klingt jetzt vielleicht etwas kompliziert, soll es aber nur erleichtern, falls Sie wegen des gleichen Problems wie ich improvisieren müssen – und dann das Unvorhergesehene bewältigen ;-)

Noch ein Bild kurz vor dem finalen Zusammenschrauben:

Ergebnis nach allem:
Das Tonband lebt wieder, höre etwa das Beispiel ganz am Ende. Es hat auch einen eleganten, fast wieder jugendlichen Charme. Es singt vielleicht direkt nicht in der „high fidelity“ einer Bandmaschine oder gar eines modernen MP3-Players, aber doch noch immer ganz attraktiv – damals kannte man es auch nicht anders und liebte es so; manche beten diesen Sound noch heute an. Nebenbei ist das Gerät eine richtige optische Schönheit, mit seinen seitlichen Flanken mit echtem Holzfurnier, das noch dazu nach guter alter Schreinerart in einander spiegelndem Mustern aufgebracht ist (habe mit Antikwachs aufgefrischt),

und mit seinen dezent abgetönt eloxierten Alu-Oberflächen on top (Reinigung einfach mit intensivem Spülmittel, ohne Schleifmittel-Anteile). Philips hatte damals einiges für’s Styling getan – und war bei der Technik zumindest Preisklassen-Durchschnitt.
Nach dem Reinheitsgebot einer wachstumsorientierten Marktwirtschaft mag es ja vielen völlig hirnrissig erscheinen, ein so altes und in jeder Hinsicht verstaubtes Gerät zu reanimieren. Nur – mir macht es Spaß, technische Rätsel und Problemstellungen aufzulösen, so wie anderen ein Sudoku oder dergleichen Entspannung verschafft. Und ich finde es jammerschade, ein Artefakt, wie es nun einmal auch ein betagtes Tonbandgerät ist, mit all seinen verbauten Teilen und Stoffen und mit all seinen spezialisierten Potenzialen – hier: besondere Datenträger auszulesen – in die Tonne zu treten. Ich denke, das ergibt auch ein wenig Nachhaltigkeit, technische Geschichtspflege und Entschleunigung.
Und: Wenn wir uns gesellschaftlich über maintainance mehr Gedanken machen würden, hätten wir vermutlich auch kein Problem wie das der Leverkusener Rheinbrücke – und mit viel anderer Infrastruktur, die trotz oder wegen schwarzer Nullen unbemerkt vor die Hunde geht. In einem folgenden Post stelle ich weitere Beispiele glücklicher Wiederbelebungen vor - vielleicht macht es Mut und/oder Spaß ;-)

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