Donnerstag, 16. November 2017

Zwei bricked tablets im Tri-Café



Am 29. März 2012 kaufe ich bei unserem Haus- und Hof-Discounter – dem mit den vier Buchstaben, deren erster nicht „L“ ist – für meine Einzige und Beste das erste tablet unseres Familienlebens, für einen Euro weniger als 400 €, von dem tatsächlich guten chinesischen Zulieferer Lenovo, hier aber unter der Haus- und Hofmarke MEDION vertrieben. LIFETAB heißt das schöne Teil mit dem MEDION-Produktcode MD99100 entsprechend dem Lenovo-Modell P9516. „LIFETAB“ soll wohl so etwas verheißen wie „Tablet für’s Leben“, vielleicht auch „lebendiges tablet“. MEDION, so steht es proudly presenting vorne auf der adretten Verpackung, hatte gerade erst, nämlich für das Jahr 2011, den „Plus X Award“ erobert. Dieser Preis wird für die „innovativste Marke im Bereich IT und Gaming-Hardware“ ausgelobt. Na toll!
Tja – den Schriftzug „MEDION“ anzeigen, das ist seit zwei Jahren allerdings genau das Einige, was dieses schicke tablet noch beherrscht: Es startet noch, und zwar genau bis zu diesen Großbuchstaben, und dabei friert es ein, ist „bricked“, wie es im Jargon der einschlägigen Foren von Leidensgenossen heißt. Will sagen „ist genau so aktiv ...“ oder „ist genau so viel wert … wie halt ein Ziegelstein“ - another brick in the wall des gigantisch aufwachsenden und rund um die Erde verteilten globalen Techno-Schrotts. Denn leider verfügt dieses tablet nicht über das gute alte Stecknadel-Loch für einen hardware-reset, mit dem man ein verwirrtes Gerät typischerweise in den Werksauslieferungszustand zurück versetzen konnte. Jegliche Umgebungsreize wie auch verschiedene im Internet angepriesenen Klammergriffe, z.B. gleichzeitiges Drücken der Einschalt- und anderer Tasten, oder Geheimtipps wie das Trennen von der Stromversorgung und Neuaufladen bei Vollmond (war jetzt ein bekümmerter Scherz) führen keinen Zehntelmillimeter weiter. In einem der Opfer-Foren lerne ich: Selbst verzweifelte Handlungen wie das mehr oder weniger gewaltsame Öffnen des tablet, gefolgt vom physischen Trennen und Wieder-Anschluss des Akkus bringen genau gar nichts, zeitigen insbesondere kein Stein-Erweichen. Es soll wohl bis zur nächsten Steinzeit bei dem werbenden Schriftzug „MEDION“ bleiben – aus verbraucherpsychologischer Sicht ein Tiefpunkt des Marketing. Da ist das tablet übrigens auch sehr verlässlich und entspricht mustergültig dem Verpackungsversprechen "Lange Akku-Laufzeit", denn es präsentiert die frohe MEDION-Kunde auch noch nach Monaten, ohne Nachladen. Meine Anmerkung für den Hersteller: Kunden-tröstlicher wäre an dieser Stelle eine wie folgt leicht ergänzte Anzeige:
It’s no miracle – it’s a
MEDION
“ ;-)
Zur Zeit des Durchsinterns unseres smarten Flach-Computers sind die Gewährleistungs- und Garantiezeiten naturgemäß schon ein paar gute Monate lang abgelaufen. Drum frage ich beim MEDION-Service unter genauer Beschreibung des Sachverhalts arglos an: „Was würde denn in den MEDION-Fachwerkstätten ein reset kosten?“ MEDION vergibt sofort eine Anfrage-Nummer, meldet sich in der Folge aber erstmal nicht. Auf meine Nachfrage schreibt MEDION dann fröhlich, man sei glücklich, dass das Problem gelöst werden konnte – ich wusste jetzt nicht, welches Problem, denn meines jedenfalls war es meines Wissen nicht. Auf weiteres Nachhaken freute man sich treuherzig, mir ein brandneues tablet zu einem schönen Preis anbieten zu können.
Genau das will ich aber gerade nicht: Ich sehe überhaupt nicht ein, eine prinzipiell gesunde hardware mit einem ökologischen Rucksack von ca. 200 kg einfach in die Elektronik-Schrott-Tonne zu treten. Um es ein wenig begreif-lich zu machen: Ich müsste dabei ca. 200 kg heben oder treten – denn etwa soviel wiegt der „ökologische Rucksack“ eines tablet. Der ökologische Rucksack drückt aus, wie stark die Herstellung, Nutzung und Entsorgung eines Produkts die Umwelt belasten. Um ihn zu füllen, zählt man alle der Umwelt entnommenen Materialien zusammen, die im gesamten Lebenszyklus des Produkts bewegt werden (siehe nähere Erläuterungen http://www.bne-bw.de/fileadmin/resources/service/publikationen/themenhefte/Themenheft_Ressourcen.pdf, siehe ferner zu Energiebedarf und CO2-Intensität der smartphone-Produktion https://www.greenpeace.de/sites/www.greenpeace.de/files/publications/s01981_greenpeace_report_10_jahre_smartphone.pdf). Für ein Handy nimmt man gemeinhin ein (durchschnittliches) Rucksackgewicht von ca. 75 kg an, für ein Notebook schon etwa 430 kg – unser tablet dürfen wir dann mit den oben genannten ca. 200 kg m.E. halbwegs verlässlich extrapolieren.
Weiter im Text: Alle meine kleinen Verbraucher-Vorstöße konnten MEDION auch in der Folge nicht dazu verführen, mal nur eine Preisschätzung für die erforderliche Reparatur zu nennen. Sehr verwunderlich, denke ich, denn es hätte hier ja nur eine rein Software-bezogene Behandlung sein müssen und das hätte nicht einmal das Öffnen des tablet erfordert. Die Problemlage müsste MEDION auch ausweislich einer breiten, sogar globalen Internet-Präsenz des bricked MD99100 bestens vertraut sein.
Vor ein paar Tagen ziehe ich nun mit unserem von allen Geistern verlassenen tablet in das Reparatur-Café Burscheid. Das ist eine sehr geniale Initiative, die abwechselnd im Tri-Café an der Burscheider Bürgermeister-Schmidt-Straße und im Hilgener Alten Bahnhof aktiv ist: In regelmäßigen Abständen kann man von erfahrenen Hand- und/oder Heimwerkern Hilfe zur Reparatur der verschiedensten Alltags-Gegenstände bekommen, seit Neustem auch für Elektronik. Dazu gibt’s noch nach Wunsch Herzhaftes, Süßes und/oder Getränke – alles auf Spendenbasis. Es kommen wohl auch einige dankbare Spenden zusammen. Denn schon zur Mittagszeit ist das dezent bereit gestellte Sparschwein von Geldscheinen glücklicher Besucher so gespickt und gemästet, dass man ihm Weiteres nicht mehr von oben, sondern nur noch von unten zuführen kann, rektal sozusagen.
Ich rücke mit drei Sorgen/Fragen an – mit besagtem tablet, sodann mit einem per Überspannung gehimmelten Kinder-Kassetten-Recorder meiner Enkel und schließlich mit einem Hobel, den ich für einen do-it-yourself geschreinerten Waschtisch-Unterschrank brauche, den ich aber noch nicht recht anzuwenden weiß. Andere kommen mit einem Plattenspieler, der partout seinen Teller nicht mehr drehen will, mit einer etwa metergroßen Kaffeemühle (wie man sie z.B. aus der Dallmayr-Kaffeehaus-Werbung kennt), die zunächst überhaupt nichts tut, dann mit behutsamer Hilfe zum Leben erwacht, aber zunächst noch im 10-Sekunden-Takt Siesta macht, mit defekten alten Fahrrädern und mit vielen anderen Geräten, bei denen der moderne Menschenverstand sagen würde: „Vergiss es!“ Oder bei denen ein Händler oder auch ein Handwerker ohne weitere Prüfung Neuware einschmeichelnd empfehlen würde. „Wäre doch billiger. Selbst das Nachsehen kostet auf jeden Fall mehr. Und Sie haben Garantie!
Der Elektronik-Spezialist im Parterre hört sich geduldig meine tablet-Geschichte an, schaut auch im Internet nach und macht dann notgedrungen ein etwas gequältes Gesicht: „Tja, das dürfte wirklich ein Problem sein. Hardware-reset scheidet wohl tatsächlich aus. Bei diesem tablet ist das Booten ins Stock-Recovery geblockt; das kann man höchstens mit tiefen Android-Programmier-Kenntnissen was ausrichten.“ Das ist in etwa auch das, was in den einschlägigen Foren ausgetauscht wird – für mich allerdings, der höchstens noch ein bisschen BASIC-Programmierung drauf hat, ist es Lichtjahre zu hoch. Ich danke sehr und gehe mit meinem nächsten Problem – ausgebrannter Kassettenrecorder – in die erste Etage. An den Überspannungs-Folgen ist leider gar nichts mehr zu machen, der Verstärker ist tatsächlich geröstet und beim allerbesten Willen nicht wieder herzustellen. Vielleicht auf dem nächsten Flohmarkt einen ähnlichen Kinder-Recorder suchen und dann schlicht die Leiterplatte transplantieren, damit für die Enkel das vertraute look&feel erhalten? Werde ich versuchen. Aber der gleiche freundliche Hand- oder Heimwerker, der zufällig oder gar nicht zufällig aus einer Tischlerfamilie stammt, kann mir bei meinem Hobel-Problem wunderbar weiterhelfen – womit sich der Besuch des Reparatur-Cafés mehr als gelohnt hat.

Dann aber kommt noch das Verblüffende, eigentlich extrem Unwahrscheinliche. Oder aber im Gegenteil das überzeugende Indiz, dass hinter meinem tablet-Ärger doch so etwas wie System steckt oder jedenfalls eine strukturelle Problematik: Nach einer geglückten Reparatur des eingangs erwähnten Plattenspielers – der Besitzer strahlt nach 15 Minuten Bangen und Hoffen über alle Wangen – kommt an den gleichen Tisch ein ratsuchender Bürger mit einem tablet; der Elektronik-Spezialist von unten hat ihn als letzte Rettung hinauf zu den hier werkelnden älteren Kollegen geschickt. Sie dürfen jetzt raten. Es ist ein MEDION MD99100 und es ist seit einigen Wochen ebenso „bricked“ oder versteinert wie unseres.

Der einzige Unterschied: Statt meiner wie eingemeißelten Instant-Anzeige "MEDION" ist es dort ebenso zutreffend wie nutzlos halt mal der Schriftzug "LIFETAB", bei dem das tablet im Booten einfriert. Dieser unglückliche Besitzer hat schon einen ähnlichen Weg hinter sich wie ich, ist sogar schon einen Schritt weiter gegangen: Er hatte sein tablet geöffnet und versuchsweise den Akku abgeklemmt.

Wie wir das auch sonst häufig und erfolgreich zu tun gelernt haben – Netzstecker ziehen, etwas abwarten, wieder einschalten. Unser heimatlicher Fernseh-Receiver/Recorder oder auch unser WLAN-Router verlangen geradezu danach, wenn sie sich mal wieder aufgehängt haben. Wie oben beschrieben, ist bei genau diesem tablet aber auch dies leider keine indizierte Behandlungsmethode. Noch etwas mutloser geht der (andere) tablet-Besitzer von hinnen, sagt allerdings, dem Hörensagen nach gebe es in der Düsseldorfer Altstadt einen kleinen Laden, der sich auf die (Wunder-)Heilung solcher tablets spezialisiert habe. Den wolle er nun als Nächstes aufsuchen. Viel Glück!
Was mich im Grunde am meisten irritiert: Den Konsum- und Marktgesetzen folgend müsste MEDION – zumindest auf Druck des o.g. Haus- und Hoflieferanten – unseren Kundenfrust über so wenig Nachhaltigkeit scheuen, so wie der Teufel das Weihwasser. Wer schon nach wenigen Nutzerjahren so viel Geld abschreiben muss, nur weil ein reset nicht zustande kommt, wer vielleicht gar wichtige Daten / Fotos auf Nimmerwiedersehen verliert, der wird mit einiger Wahrscheinlichkeit beim Nachfolgemodell einen anderen Händler oder ein anderes Label aufsuchen. Was wir dann tatsächlich auch getan haben – übrigens nicht nur im Falle unseres tablet, sondern ebenso bei einem Fernseh-Receiver/Recorder der gleichen Marke. Der hatte sich nach (man möchte sagen: immerhin) vier Nutzungsjahren endgültig von seinen SAT-Antennen abgemeldet und ließ sich durch nichts, nicht einmal durch das Aufspielen neuer firmware dazu verleiten, wieder auf Empfang zu gehen.
Zurück zum noch brachliegenden tablet: Habe mir inzwischen ein Handbuch zur Java- bzw. Android-Programmierung besorgt. Denn ich sehe nach wie vor nicht ein, ohne Gegenwehr 400 Öcken abzuschreiben und das tablet in die Tonne zu treten. Wenn ich beim Reanimieren erste Lebenszeichen feststelle, werde ich es hier melden und ebenso an das famose o.g. Reparatur-Café. Denn das ist wirklich eine geniale Idee – die praktischen Erfahrungen vieler zum Erhalt objektiv wertvoller oder jedenfalls ans Herz gewachsener Artefakte zusammen zu schließen. Und das Reparatur-Café ist eine hervorragende Informations- und Kommunikationsbörse, gerade für vorgerückte Altersklassen. Am Kaffeetisch sprechen wir über die frappierend geringe Halbwertzeit von technischem know how. Dass etwa die USA bereits ca. sieben Jahre nach dem letzten Mondflug i. J. 1972 im Rahmen des Apollo-Programms nicht mehr in der Lage waren, eine SATURN VB zu bauen: Die Zulieferer-Firmen waren teils auseinandergefallen, Wissensträger waren nicht mehr verfügbar, Datenträger mit Konstruktions-, Bedienungs- und Test-Details waren nicht mehr auslesbar, teils auch mangels funktionsfähiger Bandlaufwerke. Es hätte eine vollständige Neu-Konstruktion verlangt. Und dafür war naturgemäß keine Staatsknete mehr verfügbar – das politisch aufgeladene Mond-Rennen war ja schon mit der erfolgreichen Mission Apollo 11 am 20./21.7.1969 gewonnen; man höre noch den legendären, nicht mal patriotischen („… mankind“) Spruch von Neil Armstrong. Der Rest war eigentlich nur noch Nachspiel, auch wissenschaftlich von begrenztem Wert.
Tja, sagt einer der Beteiligten, im Grunde wären die hilfreichen Hand- und Heimwerker des Reparatur-Café ja auch solche Typen wie das Urgestein aus dem Kinofilm „Space Cowboys“ – dort ging es um einen wild gewordenen waffenbestückten Satelliten, der nur von vier Leuten mit Erfahrung in alten Programmier- und Steuerungstechniken zur Räson gebracht werden konnte, von „Oldies but Goldies“. Das ist irgendwie sehr tröstlich. Und in den letzten Tagen habe ich, auch ermutigt durch das Reparatur-Café, mit großer Genugtuung ein Philips-Tonbandgerät N4307 aus den Sechzigern wieder zum Singen gebracht; es hatte unter der für diese Baujahre notorischen Gummi-Pest gelitten und keinen einzigen Ton mehr herausgebracht. Ca. vier Stunden Arbeit und teils recht schwarze Finger – und eine gute Bekannte kann nun die damaligen Songs wieder im angestammten Sound hören, von einem Gerät mit auch bemerkenswert aufwändigem Design, mit dezent unterschiedlich eloxierten Alu-Oberflächen und mit Gehäuseflanken in Echtholz! Einzelheiten in einem gesonderten Blog.

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