Dienstag, 9. Juni 2009

Moschee mit offenen Türen

Am Samstag und Sonntag öffnet sich das türkisch-islamische Kulturzentrum in Burscheid, das etwas zurück von der B 232 zwischen Volkswagen und Lidl liegt. “Öffnet sich” ist nicht ganz richtig. Im Grunde steht es meistens offen und die Menschen sind es auch - sehr gastfreundlich dazu. Und es ist ihnen wichtig zu vermitteln, wie viele Übereinstimmungen es innerhalb der Buchreligionen gibt. Und dass jeder mit seiner Form des Glaubens mit Respekt behandelt werden muss. Eine junge Türkin - Krankenschwester - sagt: Glaube ist das, was den Menschen auch in der größten Verlassenheit bleibt. Respekt - oder: jemandem das Gesicht geben - hört man hier immer wieder; und Respekt war auch einer der Kernpunkte von Obamas inspirierender Rede in Kairo, ebenso wie Einfühlsamkeit (hier Text / Videos).

Interessant ist der Gebetssaal, den man mit viel Liebe in der ersten Etage des früheren Betriebsgebäudes eingerichtet hat. Typisch - mag man auf den ersten Blick sagen - es gibt einen getrennten Raum für Frauen. Aber dem liegt ja nur der gleiche Gedanke wie dem Zölibat zugrunde: Keine Ablenkung bei der Befassung mit Gott. Wie überhaupt vieles in den Gebräuchen und Vorstellungen islamischer Familien frappierend an die Werte deutscher Familien noch vor noch 100 oder gar 50 Jahren erinnert, vor allem im ländlichen Bereich. Etwas Pech war das Wetter: Am Samstag regnet es durchgehend Bindfäden, am Sonntag (nur) zeitweise; der Stimmung der Besucher tat es keinen Abbruch.

Auf der ersten Etage ist auch ein Fest- oder Disco-Raum, mit ziemlich lauter, gerade etwas scheppernder Musik. Am Fenster eine Anordnung aus drei großen Fahnen - der deutschen, der europäischen und der türkischen. Okay, sagt man sich, ist ja nicht ganz richtig - in der Mitte steht ja eigentlich nicht die EU-Flagge, sondern wenn überhaupt, dann die der NATO. Aber genau das zeigt die verzerrte Situation: Türken müssten im Zweifel Europa verteidigen - aber europäische Bürger sollen sie nicht sein bzw. werden? Wer kämpfen darf - und Steuern zahlen - der sollte auch seine Vertreter mit wählen können und sich selbst zu Wahl stellen. Alter, bewährter Grundsatz: No taxation without representation oder: Wer zahlt, wählt auch die Musik.

Zufällig sah ich etwas, was mir schon Armin Busch in der Lambertsmühle gezeigt hatte: Eine Münze, die in genialer Weise die drei Religionen, die auf Abraham zurückgehen, zu einem Ring oder Kreis zusammenfasst, mit einem Halbmond, einem Stern Davids und einem Kreuz, jeweils in Ausschnitten. Alles zusammen kann man auch als einen Engel sehen - und uns selbst mitten drin.

Zum Schluss würde ich gerne eine kompakte und sehr verständnisvolle Einführung in den Kontext Islam und Politik empfehlen: Peter Antes, Der Islam als politischer Faktor. Das Buch war kostenlos zu beziehen über die Bundeszentrale für politische Bildung, ist allerdings derzeit leider vergriffen (ich habe mit Nachdruck dort den baldigen Nachdruck empfohlen). Antes ist ein ausgewiesener Religionswissenschaftler und beschreibt sehr kenntnisreich und einfühlsam die wesentlichen Inhalte (die “Säulen”), die Grundlagen der Wirtschafts- und Gesellschaftsordnung, die Geschichte und Differenziertheit des heutigen Islam und die Reibungspunkte mit unserer zeitgenössischen Lebens- und Wirtschaftsordnung. Und manchmal erinnertman sich daran, dass das Morgenland bei uns ja nicht immer negativ angeschrieben war, dass einmal geheimnisvolle Geschichten von Sindbad, Kalif Storch und Kara ben Nemsi vorgelesen und gelesen wurden, sogar mit großem Erfolg verfilmt - selbst von Walt Disney. Mein Großvater sagte häufiger “ex oriente lux”, also “aus dem Osten kommt das Licht”. Damit meinte er augenzwinkernd zwar auch, dass er - bei Eisenach geboren - in den Zwanziger Jahren eine Wuppertalerin geheiratet hatte. Aber meinte, dass der Osten dem Westen weit mehr gegeben hat und geben kann - und damit wusste er sich in bester Tradition der deutschen Klassiker.

Über eines näher nachdenken lohnt sich ganz aktuell: über den vorbildlichen Eigentumsbegriff des Islam. Der Islam ist in einer recht trockenen = semi-ariden Landschaft entstanden, wo den Menschen nicht die gebratenen Tauben in den Mund fliegen, sondern sie die Früchte dem Boden zumeist mühsam abringen. Der Islam hat daher früh den Wert von Nachhaltigkeit schätzen gelernt und bewahrt ihn noch heute. Konsequent berechtigt nach islamischer Tradition das Eigentum nicht zu dessen freiem Verbrauch bis hin zur Zerstörung, sondern verpflichtet zum sorgsamen Gebrauch, zum Nutzen der Gemeinschaft und der nachfolgenden Generationen. Das können und sollten wir in der gegenwärtigen Situation der globalen Ressourcen - und angesichts der tagtäglich daraus folgenden Konflikte - unmittelbar unterschreiben.

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