Sonntag, 7. Juni 2009

Tippeltour IV (Bornheim, Lämgesmühle, Ösinghausen, Handerfeld); 7Art, Rheinland-Taler und ein radfahrender Legionär

Der vierte Teil meiner Tippeltour (Mai bis Anfang Juni, nach Bornheim, Ösinghausen, Handerfeld) hat mich auf mehr als 200 Unterschriften gebracht und ich habe selbst dort dazugelernt, wo ich keinen Erfolg hatte: „Wieso parteilos? Mein Vater hat mir mit 21 Jahren gesagt, ich soll CDU wählen. Und damit bin ich immer gut gefahren.“ Sagt mir eine Frau etwa Mitte siebzig gestern abends. Tja: Überreden möchte ich wirklich niemanden. Aber bis heute habe mir niemand überzeugend begründen können, welches kommunale Problem mit Weltanschauung richtiger gelöst werden kann. Weder gibt es eine christdemokratische Abwassersatzung noch einen liberalen Kreisverkehr.














In Bornheim zeigt mir ein langjähriger Ausbilder bei Götze eine schwere Eisentafel mit Meister und Schüler darauf. „Meine Stimme bekommt, wer am überzeugendsten für die Berufsausbildung eintritt!“


An der Lämgesmühle fällt ein längerer Austausch an – einer von der Sorte „gutes Gespräch“, die der besondere Ertrag einer solchen Tippeltour ist. Aber die Unterschrift bekomme ich erst, als ich mich als der Einradfahrer oute, der sich samstags häufiger mit der Brötchentüte den K2-Berg zur B 232 herauförgelt. Die K2 hat ein Problem, das auch von weiteren Anwohnern ganz ohne mein Zutun angesprochen wird: Keine Tempobegrenzung + Unübersichtlichkeit + teils schlechte Bodenhaftung = erhebliche Unfallgefahr. Anm.: Ich selbst weiß persönlich von einem Unfall mit einem Toten und einer Schwerverletzten in der Kurve an den Fischteichen. In Ösinghausen klagt ein junger Mann über die extrem langsame Netzanbindung dort (der nächste größere Verteilerknoten ist zu weit entfernt, die Daten tröpfeln nur aus der Leitung). Ein Bürger belohnt mich unerwartet: „Sie sind doch der Voss, der immer diese Leserbriefe schreibt!“ Auf Nachfrage: Überzeugende, abgewogene Meinungen. Eine Bürgerin beklagt: „Auf lokaler Ebene wird viel zu wenig über Themen debattiert, die uns alle betreffen, z.B. Wiedervereinigung und ihre Spielregeln, Finanzpolitik, Sicherheitspolitik. Da stimme ich zu und verspreche, das Angebot als Bürgermeister nach Kräften zu erweitern, ein aktuelles Thema wäre z.B. das ertragreiche Zusammenleben von Menschen christlichen, jüdischen und muslimischen Glaubens (s. die unsägliche Geschichte um den hessischen Kulturpreis 2009).


Zwischendurch eine beeindruckende Werkschau Burscheider Künstler – der Gruppe 7Art – in sehr inspirierender Umgebung, in der Lambertsmühle. Eine unerwartete Zugabe: ein Musiker aus Dünnwald mit einem erstaunlichen Instrument, einer „Trichterflöte“. Armin Busch (unten links) ist ein lokales Kraftwerk: Seit langen Jahren leitet er zielstrebig und sehr erfolgreich den Förderverein der Lambertsmühle. Und mit seiner Dierather „Kulturscheune“ organisiert er frei von staatlicher Förderung ein ganz eigenes Kulturprogramm. Völlig zu Recht hat man es ihm gerade mit dem Rheinland-Taler des Landschaftsverbandes Rheinland vergolten, hier Berichte aus dem Bergischen Volksboten und dem Kölner Stadt-Anzeiger.







Dann noch zum radelnden Römer, in Haltern abgelichtet.


Der Bergische Geschichtsverein hatte eine Fahrt nach Haltern angeboten, einem der drei Ausstellungsorte im Varus-Jahr 2009 neben Kalkriese (derzeit wahrscheinlichster Ort der Hauptschlacht; Thema: Konflikt) und Detmold (Ort der Hermanns-Verehrung; Thema: Mythos). Haltern war ein großer römischer Vorposten auf dem Weg zur Kolonisierung des rechtsrheinischen Germaniens mit einer ständigen Besatzung von ca. 5.000 Soldaten.









Die Ausstellung in Haltern (Thema: Imperium) zeigt den beeindruckenden zivilisatorischen Stand römischer Kultur um die Zeitenwende. Rechts ein wunderbar geschnitztes und nach IKEA-Art demontierbares Tischbein (Anm.: einen vollständigen Tisch dieser Art sieht man übrigens sehr schön auf der untenstehenden Wiki-Seite zur römischen Esskultur mit einem Wandbild aus Herculaneum - was nebenbei die vitalen Handelsströme des damaligen Imperiums zeigt)

– und drei volle Playmobil-Legionen in Marschformation.









Der Radfahrer war von den Modellbauern in ein Diorama des Lagers hineingeschmuggelt worden – so etwas ist offenbar guter Brauch und fordert die Aufmerksamkeit der Besucher heraus.


Die versierte Führerin verschaffte uns plastische Einblicke in das damalige Leben - etwa:
  • Allein für die Soldaten im großen Stützpunkt Haltern musste man im Minimum 5.000 kg Getreide pro Tag auf dem Wasserweg heranschaffen, und zwar die Lippe herauf, vermutlich getreidelt, Herkunftsort z.B. Ägypten oder Tunesien! In Haltern wurden sie auch für die weiteren militärischen Unternehmungen in großen Lagerhäusern vorgehalten.
  • Die Lastkähne für den Flusstransport waren über 20 m lang, mit einer festen Kombüse für den Schiffer, der nebenbei schreinerte, handelte und dafür offenbar auch gut lesen, schreiben und rechnen konnte. Anm.: Lesen/Schreiben war in der römischen Gesellschaft die Ausnahme, aber im Handel und jedenfalls in der Elite, damit auch bei den Offizieren verbreitet.
  • Auf dem Marsch schleppte der brave Legionär bis zu 45 kg Gepäck, u.a. Bewaffnung, Regenschutz aus gewachster Wolle (im regenreichen Germanien aber von eher kurzer Freude), Feldflasche aus Messing, Getreide für drei Tage und einen Kochtopf, gleichzeitig Waffe für den Notfall. In Haltern konnte man mal ein kleines Marschgepäck von ca. 20 kg au den Ast nehmen - es reichte schon völlig.
  • Ein halber Liter Wein war in Haltern etwa so teuer, wie die Gesellschaft einer leichten Dame in Pompeji gekostet hätte - eine mäßig schönen Dame, wie die Führerin anmerkte. Zum römischen Währungssystem der Kaiserzeit (1 Gold-Aureus = 25 Silber-Denare = 100 Messing-Sesterzen = 1.600 Bronze-Asse; ein Laib Brot = 1 Assus; Monatslohn eines Legionärs = 25 Denare, entsprechend dem eines römischen Arbeiters) und weitere Beispiele zur Kaufkraft siehe: hier.
  • Das Maggi der Römer war garum, eine Zubereitung aus Fischresten, deren Herstellung bestialisch gestunken haben muss und deshalb innerhalb der Städte verboten war (die Regelung war ein interessanter Vorläufer unseres Gewerbe- und Umweltsrechts). Näheres zu den Ess- und Trinkgewohnheiten der alten Römer? Siehe diesen sehr guten Wiki-Beitrag. Ach ja, die garum-Amphoren wurden ebenso wie die von Öl und Wein nur one way eingesetzt, aus gutem Grund.
  • Römische Soldaten hatten bis zum Ruhestand - nach 20 Dienstjahren - eigentlich im Zölibat zu leben. Tatsächlich gab es aber außerhalb der Lager regelmäßig Familien, die mit den Soldaten zogen und auf eine spätere rechtliche Anerkennung hofften und warteten (im römischen Recht gab es bereits das Rechtsinstitut der legitimatio per subsequens matrimonium bzw. der Anerkennung durch nachfolgende Ehe, das den Kindern auch das römische Bürgerrecht verschaffte). Veteranen wurden häufig nach Dienstende mit Liegenschaften in den eroberten Gebieten abgefunden und zementierten so die römischen Kolonien, etwa in Spanien, Frankreich, Nordafrika und im linksrheinischen Germanien. Ein paar ergänzende Informationen zum Soldatenleben? Hier. Eine gute Übersicht mit aussagekräftigen historischen und strukturellen Daten zur Varusschlacht? Hier.
Herzlichen Dank an den Bergischen Geschichtsverein!

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