Donnerstag, 15. August 2013

Ochlokratie und Ochlophobie

Den ersten Begriff - Ochlokratie - gibt's tatsächlich, und schon seit Tausenden von Jahren; er bedeutet so viel wie "Pöbelherrschaft". Den zweiten - Ochlophobie oder Pöbelfurcht - habe ich selbst gebastelt, um eine in der repräsentativen Demokratie unter den Repräsentanten weit verbreitete Weltsicht zu charakterisieren.

Der Argwohn gegenüber dem Volk ist in Deutschland fest und lang verwurzelt - die Angst vor einer Pöbelherrschaft wirkt als historische Klammer. Sie reicht herüber aus der Kaiserzeit in eine Demokratie-kritische Haltung der ersten Republik, die spätestens Ende der Zwanziger Jahre wieder stolz und offen getragen wurde. Man kann auch in das damalige europäische Umfeld blicken: Das demokratisch-parlamentarische Prinzip galt in den Dreissiger und Vierziger Jahren auf dem europäischen Kontinent - mit Ausnahme der Benelux-Staaten und Skandinaviens - als endgültig gescheitert.
Hans Mommsen, Alternative zu Hitler, München 2000, S. 8

Der Argwohn gegen die Bürgermenge setzte sich fort in einer elitär-autoritären Tendenz selbst des deutschen Widerstandes. Die weitverbreitete Skepsis gegenüber dem liberal-demokratischen System speiste sich bei den Vertretern des konservativen Flügels (des deutschen Widerstandes) auch aus der Überzeugung, dass Hitler ein Produkt der "Massendemokratie" sei, wobei man das politische Gewicht der nationalsozialistischen Massenmobilisierung bei weitem überschätzte.
Mommsen, aaO S. 165.

Die Vorstellung, Hitler habe den angeblich legalen Durchbruch zur Macht einer "Überdemokratisierung" der Weimarer Reichsverfassung verdankt, brachen noch in den Beratungen des Parlamentarischen Rates durch.
Mommsen, aaO S. 165.

Die Angst vor der Volks-Gesetzgebung, vor Volksinitiative und Volksentscheid in der Hand von Deutschen rührte damit primär von deutschen Politikern und nährte sich aus intensiver Ochlophobie. Dafür kann ich wie im voran gegangenen Blogpost Heuss zitieren:
"Cave canem, ich warne davor, mit dieser Geschichte die künftige Demokratie zu belasten. (...) Das Volksbegehren, die Volksinitiative, in den übersehbaren Dingen mit einer staatsbürgerlichen Tradition wohltätig, ist in der Zeit der Vermassung und Entwurzelung, in der großräumigen Demokratie die Prämie jedes Demagogen."

Diese Einschätzung hat in der damaligen Situation und Gemütslage offensichtlich vorgeherrscht. Bei systematischer Prüfung stellt sich aber heraus: Die direkt-demokratischen Elemente der Weimarer Verfassung haben den Absturz in die Diktatur nicht ausgelöst, nicht einmal begünstigt.
Heußner/Jung [Hrsg.], Mehr Demokratie wagen, Olzog 1999, S. 41 - 57 mit ausführlichen Belegen

Wir dürfen die betont stabile, technokratische und bürgerferne Form des Grundgesetzes - unsere repräsentative Demokratie - getrost als Produkt eines andauernden Argwohns gegen die Bürger begreifen. Ein mutiger Neubeginn mit den Bürgern war es eindeutig nicht. Und dieses Ergebnis hat viel Zynismus. Die totalitäre deutsche Phase mit ihrer Verachtung aller bürgerlichen Rechte hat gerade die Bürger in dauerhaften politisch-moralischen Verruf gebracht - und ihnen die rote Karte bis auf weiteres eingetragen. Ein Gutteil der wirtschaftlichen, kulturellen und staatlichen Eliten dagegen wurde wieder gebraucht und wirkte weiter. Das gilt auch für den deutschen Ostteil. Das nationalsozialistische Kapitel hat damit die Kluft zwischen Bürgern und Staat mit Langzeitwirkung verfestigt.

Andere Länder dagegen haben sehr gute Erfahrungen mit unmittelbarer Einbindung der Bürger gemacht: Direkt-demokratische Strukturen sind auch in größeren Staaten ohne Zweifel erfolgreich und tragen merkbar zum Einklang zwischen Bürgern und Gemeinwesen bei.
vgl. Heußner/Jung, aaO S. 87 - 141, 159 - 236 zu den Erfahrungen in den USA, in der Schweiz und in Italien bzw. zur aktuellen Praxis in den deutschen Bundesländern

Das Misstrauen zwischen Politik und Volk war zweiseitig und damit besonders dauerhaft: Die Deutschen waren bis zum bitteren Ende des Krieges mehrheitlich auf eine politische Führungsschicht fixiert, die von dem meisten erst nach der Kapitulation als unmoralisch und verbrecherisch erkannt wurde (vorher hatte die Kriegführung der Alliierten, speziell das strategische Bombardement ziviler Ziele, eine selbstkritische Sicht zumindest erschwert). Nach dem Krieg und nach dem Öffnen der Konzentrationslager der massiven historischen Schuld Deutschlands konfrontiert wollten die allermeisten keine politische Verantwortung übernehmen, betrachteten Politik als ein "schmutziges Geschäft" und machten sich lieber an den physischen Wiederaufbau, einschließlich Fresswelle.

Ein repräsentatives Zeitzeugnis: Erinnerungen eines Schülers, der im Jahre 1951 Abitur gemacht hat:
"Politische Bildung erlebte ich nicht, wohl aber eine wertorientierte. Überhaupt fand eine Unterrichtung zur Demokratie nicht statt und war wohl auch nicht notwendig. Bis auf wenige Unbelehrbare waren vor allem junge Menschen angesichts des Desasters des verlorenen Krieges, des totalen Zusammenbruchs, der zu beklagenden Toten in fast jeder Familie und der Verwüstung unserer Städte über die heimtückische Verführung des Gröfaz (des größten Feldherrn aller Zeiten) und seiner Helfer derart enttäuscht, das sie nichts mehr davon hören mochten." (Zitat aus der Ausstellung Eine höhere Schulzeit in Opladen 1941 - 1951, Villa Römer, Leverkusen, Februar/März 2001)

Eine unpolitische Grundstimmung ist nicht untypisch im Gefolge von System- und Herrschaftswechseln - ein Pawlowscher Reflex, der nach der 1989er Wende im Osten auch die neuen Bundesbürger stark geprägt hat. Ein Ausschnitt, der aber genau unsere Zukunft betrifft: Die im März 2000 in Berlin vorgestellte 13. Shell Jugendstudie berichtete von "teils erdrutschartigen Vertrauensverlusten" der Politik bei der Jugend, und zwar verstärkt bei der Jugend im Osten:

"Das politische Interesse auf Seiten der Jugendlichen sinkt weiter. Das gilt für alle verschiedenen Untergruppen. Es hat zum einen damit zu tun, daß Jugendliche mit dem Begriff Politik die Landschaft von Parteien, Gremien, parlamentarischen Ritualen, politisch-administrativen Apparaten verbinden, der sie wenig Vertrauen entgegenbringen. Zum anderen empfinden Jugendliche die ritualisierte Betriebsamkeit der Politiker als wenig relevant und ohne Bezug zum wirklichen Leben. Zu erinnern ist: Unsere Daten wurden vor jener Kette von Ereignissen erhoben, die inzwischen "Parteispendenskandal" genannt wird. Im Vergleich zur vorhergehenden Studie ist das Vertrauen zu den Institutionen im staatlich-öffentlichen Bereich leicht angestiegen, zu jenen im Bereich der nichtstaatlichen Organisationen deutlich gesunken (Anm. des Verfassers zur Klarstellung: die politischen Parteien werden zum nichtstaatlichen Bereich gerechnet). Schlußlicht sind aber nach wie vor die politischen Parteien. Gerade bei den nichtstaatlichen Organisationen reißen große Unterschiede zwischen Ost- und Westdeutschland auf; in den neuen Bundesländern haben sie erdrutschartig an Vertrauen verloren. Die Jugendlichen lassen sie links liegen, weil sie meinen, sie hätten nichts mit ihrem gegenwärtigen und zukünftigen Leben zu tun."

Soweit mir bekannt, hat sich die Grundeinstellung insbesondere der Jugend bis heute nicht grundsätzlich in dem Sinne verändert, dass politisches Engagement und Interesse gewachsen wären. Nicht nur die Kirchen haben Nachwuchssorgen, auch die traditionellen Parteien - und letztlich zeigt sich quer über alle politischen Gruppierungen eine massive "aging population"-Drift frei nach dem zynischem Spruch "Wer in der Jugend nicht links wählt, hat kein Herz - und wer im Alter nicht rechts wählt, der hat keinen Verstand." Die Parteimitglieder der Grünen gehören nächst denen der FDP zwischenzeitlich zu den am besten Verdienenden (siehe z.B. Parteien-Studie der Universität Gießen mit Stand Mitte 2011) und im Parlament kann ein verantwortlicher Grüner und früherer Friedensbewegter, dessen Koordinaten sich nun offenbar etwas verschoben haben, ohne Aufschrei seiner Wähler/innen staatsmännisch gewichtig über die neuen militärischen Herausforderungen raunen (!). Sicher, es gibt auch noch junge Aktive, aber häufig eben solche, die Politik nicht so sehr als res publica interessiert, sondern insbesondere als eigene Karriere-Chance, dann also eher als res privata - und nicht ganz selten entwickeln sich so sogar Dynastien von Politikern.

Ich werbe dafür, die überkommene Furcht vor dem Volk abzulegen und die Bürger/innen vielmehr als eine differenziert nutzbare Ressource für die Lösung kurz-, mittel- und langfristiger politischer Fragestellungen zu begreifen - und das auch im Wahlkampf

Nicht nur die Stimmbänder anstrengen, sondern auch das eigene Trommelfell nutzen ;-)


Nachtrag 18.8.2013 zum Begriff Ochlophobie:

Diese alten Griechen! Sie haben aber auch alles schon einmal gedacht - und wiki weiß es natürlich. Den Begriff "Ochlophobie" gibt es, wie auch den der Ochlokratie, schon seit Menschengedenken - wenn er auch bisher noch
 außerhalb des Staatsrechts im Gebrauch ist, nämlich als Krankheitsbild. Ich zitiere Wikipedia


"Bei der Ochlophobie – von griech.: ochlos („Menschenmenge“) und phobos („Furcht, Angst“) – bzw. Enochlophobie – griech. en-, („innerhalb“) – oder Demophobie – griech.: demos („Volk“) – handelt es sich um eine phobische Störung, die sich als irrational erlebte Angst vor Menschenmassen und überfüllten Plätzen äußert. Es ist genau genommen die Angst, eingequetscht oder zertrampelt zu werden."

Das war ein wenig auch während des Festakts "50 Jahre Deutscher Bundestag" am 7.9.1999 angeklungen (Scan des leider im Internetangebot des Bundestages nicht verfügbaren stenographischen Protokolls hier, Hervorhebungen von mir): 

Wolfgang Gerhardt hatte sehr daran gelegen, im Namen der FDP eindrücklich vor den "theoriesüchtigen Intellektuellen" zu warnen, deren "Heilsbotschaften (...) in der Geschichte niemals anders als in der Unterdrückung geendet haben." Will sagen: Keine Utopien mehr! Und Michael Glos hatte mit Klartext für die CSU sekundiert: "Das Parlament muss frei entscheiden können; es darf keine Pressionen der Straße geben!" Waren damit wir Bürger gemeint? Unter diesen dann wohl eher die Schlechter- als die Besserverdienenden. Die Pöbelfurcht regiert. 

Da möchte man doch eine Verhaltensweise empfehlen, die bei Ochlophobie zwar der orthodoxen Klassifizierung etwas widerspricht, aber aller Erfahrung nach doch hilft: Das repräsentative Selbstbild und die Pöbelfurcht überwinden und in die befreiende Öffentlichkeit hinaustreten! 

Ich zitiere nochmals Wikipedia:
"Obwohl diese Angststörung (gemeint: Ochlophobie) oft mit der Agoraphobie verwechselt wird, suchen Betroffene hier im Gegenteil möglichst weite Plätze auf, um diese Angst zu reduzieren. Im ICD-10 wird die Enochlophobie dennoch unter die Agoraphobie subsumiert:
Agoraphobie. Eine relativ gut definierte Gruppe von Phobien, mit Befürchtungen, das Haus zu verlassen, Geschäfte zu betreten, in Menschenmengen und auf öffentlichen Plätzen zu sein, alleine mit Bahn, Bus oder Flugzeug zu reisen. Eine Panikstörung kommt als häufiges Merkmal bei gegenwärtigen oder zurückliegenden Episoden vor. Depressive und zwanghafte Symptome sowie soziale Phobien sind als zusätzliche Merkmale gleichfalls häufig vorhanden. Die Vermeidung der phobischen Situation steht oft im Vordergrund, und einige Agoraphobiker erleben nur wenig Angst, da sie die phobischen Situationen meiden können."


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