Mittwoch, 9. Oktober 2013

Papa Thomas und seine Märchenstunde am Kundus

Am vergangenen Sonntag, dem 6. Oktober, gab es in Kundus von traditionellem afghanischem Erzählgut zu hören und zu lernen:
Es war einmal ein Bauer, der hatte drei Söhne. Als er starb, ließ er seine Söhne zu sich kommen und sagte: Ich habe einen Schatz für Euch. Er befindet sich auf dem Feld. Wer ihn als erster findet, dem gehört er. Der Vater starb. Die Söhne gruben jede Ecke des Feldes um. Den Schatz fanden sie nicht. Als sie jedoch im Herbst die besonders guten Erträge verkauft hatten, verstanden sie die Worte des Vaters.
Und danach ein fröhliches "Tschüss, schönes Leben noch (so lang, wie’s halt hält) und macht es gut!" Der Vorleser, das war ein jovialer älterer Herr in einem new look, der wohl einen Übergang signalisieren sollte: Oben noch ein knappes, schlappes Hütchen im Tarnfleck, darunter schon wieder das outfit westlicher exekutiver Elite, einschließlich Binder - siehe das Bild auf dieser Seite der FAZ und diesen sehr lesenswerten, tief ernüchterten FAZ-Kommentar. Was wollte Thomas de Maiziére, denn der war’s in Person, nur in seiner kurzen farewell-address sagen? 
Unzweifelhaft sah er sich selbst in der Rolle des weisen Bauern, zwar noch nicht Tod-geweiht, aber immerhin abflugbereit. Die drei Söhne waren ganz offenbar Afghanen, vielleicht auch ganze Stämme des Landes. Der weise Bauer wusste, sie würden sich in der Triebhaftigkeit und Aggressivität ihrer Jugend (der Anteil der unter Dreißigjährigen liegt am Hindukusch tatsächlich massiv über dem der German aging population) nur um das in seinem harten langen Leben mühsam aufgebaute Erbe streiten und alles zunichte machen. Die feuerköpfigen Landeskinder tun das ja erfahrungsgemäß seit Menschengedenken und haben einen irren Spaß an Gewalt und Grausamkeit, gerne auch abends nach der Arbeit. Und so greift das weise alte Bäuerlein zu einer List, die die interpersonale, triebhaft zerstörerische Konkurrenz ohne das Wissen der Halbstarken, die bekanntermaßen nie wissen, was sie tun, in ein unerwartet erfüllendes Gemeinschaftsprodukt umleitet – zu ernten und zu erkennen erst dann, wenn der alte Vater schon lange still und bescheiden gegangen ist.
Für mich hört sich das, gemessen am deutschen Beitrag zur Lösung der Probleme Afghanistans, ungeheuer schräg an, und es war wohl noch schräger in afghanischen Ohren. Sind es nicht die völlig unweisen entwickelten Staaten, die kleine Ökonomien an den Rand drängen, bestenfalls ihre Rohprodukte aufkaufen (gut, jetzt auch das Opium) und die nach dem altbewährten Schema „divide et impera“ jede noch so kleine ethnische oder religiöse Rivalität zu ihren Gunsten nutzen? Haben die geschätzten 20 Milliarden, die allein Deutschland seit 2002 in das Projekt Afghanistan gesteckt hat, irgendetwas daran geändert, dass das Land noch immer zu den allerärmsten Staaten der Welt zählt? Und da entblödet sich ein ausgewachsener deutscher Minister nicht, dem Inhalt nach zu sagen „Nun streitet Euch man nicht weiter?“
Hätte de Maiziére seinen drei Söhnen statt "Streitet nicht!" nicht sagen sollen „Mir nach!“ und als Mindestes die Fahrkarten nach Deutschland zahlen müssen? Jedenfalls denen, die ihn über Jahre loyal bedient haben, und denen bald übel nachgestellt werden wird? 

Das allerdings hätte er vorher mit dem anderen Herrn abklären müssen, der auch immer so treuherzig guckt, dem, der die Eintrittskarten für Deutschland ausstellen müsste, das aber partout nicht will. Gestern (8.10.2013) hatte dieser Herr Friedrich des Innern noch einen heißen Tipp, wie man mit dem Flüchtlingsstrom umgehen muss, z.B. dem aus Afrika, wo gerade so viele von ertrunken sind: Er sagt, man muss nur dafür sorgen, dass die zuhause vernünftig leben können. Dann laufen die doch erst gar nicht los. 
Ach, so einfach ist das. Dass da aber in Jahrzehnten noch keine Menschenseele drauf gekommen ist!
Vielleicht hatte der innere Friedrich aber auch einfach das interessante Buch dieses Auslandskorrespondenten nicht gelesen und nur ein bisschen losgeplappert. Peter Grubbe hieß dieser weit gereiste und tatsächlich weise gewordene Korrespondent (mit einer allerdings sehr zweifelhaften Vergangenheit) und sein sehr gut recherchiertes Buch aus dem Jahr 1991 trägt den Titel „Der Untergang der Dritten Welt. Der Krieg zwischen Nord und Süd hat begonnen“. Grubbe/Volkmann dokumentiert, wie West und Ost nach Ende der Blockkonfrontation jedes Interesse an den nicht entwickelten Ländern verloren hatten – sofern dort eben nicht Rohstoffe zu schürfen waren – und die Länder verwahrlosten und praktisch implodierten; "failing states" nennen wir das gerne und ein wenig herablassend-bedauernd. Dabei sollten wir sie lieber als "falling states" einordnen, als Völker, die wir nach Gebrauch fallen gelassen haben. Grubbe beginnt mit einer Reportage aus einem völlig hoffnungslosen, im Sand versinkenden Timbuktu, Mali. Er berichtet, dass die frühere französische Kolonialmacht sogar einmal konkrete Rettungspläne gehabt hatte, diese aber längst fallen gelassen hatte. 1991. Lange vor nine eleven. Das wiederum zum Afghanistan-Einsatz geführt hatte. Und am Ende zur Geschichte vom weisen Bauern.

Ein Nachtrag, und er zeigt, dass wir Deutsche in Afghanistan schon viel länger ein- und ausgehen, als man uns Bürger hat wissen lassen: Das ZDF bringt am Tag nach der Übergabe des Feldlagers in Kundus - und nach der Wahl - abends um 20:15 h den ersten Teil einer sehr, sehr sehenswerten Dokumentation über den deutschen Einsatz in Afghanistan: "Unser Krieg. Kampfeinsatz Afghanistan". Am 22.10. wird der zweite und abschließende Teil gesendet. Und nun erfahren wir u.a. etwas, was den ISAF-Einsatz in Afghanistan und auch das demokratische Fundament der deutschen Außen- und Sicherheitspolitik in einem sehr bizarren Licht erscheinen lässt: Deutschland war zur Zeit des sowjetischen Einmarschs in Afghanistan in den Achtziger Jahren im Rahmen der verdeckten Operation Sommerregen militärisch aktiv, indem Bundeswehrsoldaten gemeinsam mit den Mudschaheddin für den Bündnispartner USA Informationen über sowjetische Waffen und Kriegführung sammelte, quasi in der guten alten Tradition der Gruppe "Fremde Heere Ost", später "Organisation Gehlen", noch später und bis heute aka BND. Die WELT berichtet gleichzeitig ausführlich darüber. Wirkt das nicht wie bei einem Zauberlehrling?
 

Dazu sollte man sich auch nochmal das Interview des Nouvel Observateur mit dem Sicherheitsberater des damaligen US-Präsidenten Jimmy Carter, Zbigniew Brzezinsky vor Augen führen - als dieser ganz freimütig bekannte, die amerikanische Operation zur Destabilisierung des damals mit der Sowjetunion verbündeten Afghanistan ("Operation Cyclone") hätte seinerzeit bereits vor dem sowjetischen Einmarsch begonnen. Brzezinki hat sie durchgehend als glänzende Idee verkauft, um den Russen ihr eigenes Vietnam zu verschaffen, letztlich damit auch die Sowjetunion gekippt zu haben. Islamischen Fundamentalismus - den man damals bewusst und massiv unterstützt hatte - den hielt Brzezinski für eine vernachlässigbare und beherrschbare Größe. Das Brzezinski-Interview fand nur ca 3 1/2 Jahre vor nine eleven statt, im Januar 1998, und sogar fünf Jahre nach dem weitgehend fehlgeschlagenen ersten Versuch des Terrornetzwerkes al-Qaida, das World Trade Center zum Einsturz zu bringen, am 26.2.1993. Hier das Augen öffnende Interview mit Zbigniew Brzezinski im Original mit deutscher Übersetzung

Ich möchte gar nicht ausschließen, dass die deutschen Dienste mit ihren notorisch guten Kontakten in den nahen und mittleren Osten auch gar nicht erst nach dem Einmarsch der Russen mit von der Partie waren - sondern dass sie schon in dieser sehr frühen Phase im Sommer 1979 eifrig und eilfertig mitgemischt haben. Dass sie damit für das effiziente Aufpäppeln eines islamischen Fundamentalismus besonders mitverantwortlich waren, den sie später bekämpfen mussten, wohl aber nicht konnten. Zur Erinnerung: Schon damals gab es Art. 24 Abs. 2, Art. 26 Abs. 1, Art. 45a Abs. 2, Art. 59 Abs. 2, Art. 87a Abs. 2 und Art. 115a Abs. 1 des Grundgesetzes - vom Schutz des Lebensrechts durch die Art. 2 Abs. 2 in Verbindung mit Art. 19 Abs. 1 GG ganz zu schweigen. Die verdeckte Beteiligung an der "Operation Sommerregen" auf den Territorium eines souveränen Staates, völkerrechtswidrig, ohne nationalrechtliche Eingriffsgrundlage und ohne jede Einbindung des Bundestages hat damit klar und schwerwiegend gegen die verfassungsmäßige Rechts- und Zuständigkeitsordnung verstoßen. Hätten wir von diesen Kausalzusammenhängen nicht besser vor der Wahl gewusst, darüber debattiert und eine hoffentlich nachhaltigere Politik durch informierte und kompetente Wahlbürger/innen legitimiert? Tja, das wäre sicher viel demokratischer gewesen, aber unser schlaues Bäuerlein wollte genau das nicht so gerne, siehe: http://www.presseportal.de/pm/55903/2468313/waz-verteidigungsminister-de-maizi-re-sicherheitspolitik-aus-dem-wahlkampf-heraushalten.

Und ich nehme an, auch unser Bundespräsident Joachim Gauck, der noch am Tag der Einheit, am 3.10.2013, einen kraftvollen Appell für mehr Engagement und mehr Solidarität Deutschlands in der Außen- und Sicherheitspolitik formuliert hat, auch in fernen Ländern, auch militärisch - der hätte wohl doch vorsichtiger manövriert, hätte er schon um die ganz unheroischen und verfassungsfernen Untiefen solcher deutschen Bündnis-Dienste gewusst.

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