Samstag, 15. Juni 2013

Abend in Mazār-i Scharīf



Am Montagabend hat der Burscheider Bürgerstammtisch kein typisches Thema. Keines mit unmittelbarem Bezug zur gewöhnlichen Kommunalpolitik, aber eines, das die Bürger/innen teils sehr unmittelbar angeht: Auslandseinsätze der Bundeswehr, dargestellt an den persönlicher Erfahrungen eines Remscheiders, des Hauptmanns Jens Nettekoven. Er hat vor zwei Jahren in Afghanistan gedient, in Mazār-i Scharīf. Im Badehaus, einer Einrichtung des Burscheider Kulturvereins, zeigt und erklärt er zunächst eine private Foto- und Filmdokumentation. Er hatte das eigentlich für Frau und Tochter geplant - um seine Aufgaben und seine Erlebnisse vor Ort begreiflich zu machen. Aber sie hilft auch allen anderen, die Nachholbedarf zu diesem sperrigen Thema haben - und die bekommen beeindruckende Information aus erster Hand dazu, was Militärdienst am Hindukusch ganz konkret bedeutet. Es sind dann auch 30-40 Bürgerinnen und Bürger, einschließlich der örtlichen Presse und eines privaten Senders, die hier zusammen gekommen sind. Das Durchschnittsalter dürfte über fünfzig liegen - die ganz jungen werden entweder nicht vom Thema oder vom Format eines Bürgerstammtischs angesprochen - schade, weil das hier sie besonders angeht.

Jens Nettekoven berichtet kurz über seine ca. zehn Verwendungen in der Bundeswehr seit 1998, als er als Wehrpflichtiger zur Bundeswehr kam und sich anfangs nie als Berufssoldat vorstellen konnte. Sein Profil ist von Beginn an Personenschutz, seine Motivation wird geweckt und er entwickelt sich zügig weiter: Heute hat er längst ein betriebswirtschaftliches Studium nachgeholt und sein Offizierspatent erworben, gehört zu den jüngsten Offizieren mit solcher Führungsverantwortung.

Vor zwei Jahren kam Jens Nettekoven in Mazār-i Scharīf wieder nach Deutschland zurück; vor Kurzem war bereits ein neuer Afghanistan-Einsatz eingeplant und er war auch schon darauf trainiert, dieser Einsatz ist aber im Zusammenhang mit der beschlossenen Truppenreduzierung und dem für Ende 2014 geplanten Truppenrückzug vorerst zurückgestellt. Aus seinem Bericht über die Situation i.J. 2011:

Der Auslandseinsatz kommt 2011 wie aus heiterem Himmel. Noch drei Tage vor dem konkreten Marschbefehl hat er seine Frau beruhigt: "Ist für mich nach dem, was ich gesagt bekomme, gar nicht zu erwarten...". Dann muss er ihr das Gegenteil verkaufen; sie haben ein Baby - und er wird dann zu ihrem ersten Geburtstag nicht daheim sein, kann auch die ersten Schritte nicht miterleben. Er fliegt auch während der Verwendung nicht nach Hause, will der Familie keinen mehrfachen Abschied zumuten.
Die erste Phase in Mazār-i Scharīf verbringt man ein wenig wie im Matratzenlager einer Jugendherberge: Alles in einem Raum, genauer. einem Bw-Typ B-Zelt, dabei Männlein und Weiblein auch mal unmittelbar nebeneinander untergebracht. Dusche & WC draußen, in einem gesonderten Zelt. Für Camper voll normal, könnte man denken. Aber doch etwas Besonderes. Hier gibt es Schlangen, Stechmücken und Spinnen, die man bei uns nicht kennt. Trockene Schotterwege und -flächen sollen das nahe Einnisten verhindern, verhüten aber halt nur das Schlimmste. Eine Soldatin wollte nach einer kritischen Ersterfahrung nachts nicht mehr zur Toilette. Und Nacht ist viel und sehr plötzlich, der Tag geht um 18:00h ohne Federlesens in Nachtschwärze über.
Wenn die neue Truppe eingearbeitet ist, können die Vorgänger zurück in die Heimat und die festeren Baracken werden frei; sie sind aus soliden Wohncontainern zusammengestellt und mit einem Bade- & WC-Modul fest verbunden. Gute Bauqualität, lobt Jens Nettekoven, aber viel privater Raum bleibt auch da naturgemäß nicht. Ein eigener Kühlschrank und Fernseher (ARD, Sky für den Fußball, viva polski), Fotos von daheim. Das Essen ist gut und die Kantine beeindruckend (allerdings auch mit je 2 Querstangen in den Fenstern, die sollen das Hineinfallen der Scheiben bei Explosionen verhindern oder abschwächen). Etwas mehr kulinarische Auswahl gibt's noch in einem Restaurant der Militärseelsorge (erinnert mich an das Vatikänchen in Köln, das Abwechslung zur Mensa bot). Ach ja: Der Service der Kirche ist wirklich lückenlos, will sagen, die christliche Kapelle steht an 7 Tagen geschlagene 24 Stunden offen.

Hinweis zu Kfz- Serviceeinrichtungen: Wie in einem deutschen Industriegebiet stehen die Ausrüster auch hier einträchtig nebeneinander, etwa Krauss-Maffei-Wegener neben Mercedes, um das rollende Material – das wie die Menschen in dieser Umgebung hart gefordert wird – in Stand zu halten. Im Lager geht man besser keine weiteren Strecken zu Fuß, die Luftverschmutzung ist extrem, das Klima tut mit seinen bis zu 50 Grad (am Tage, nachts kann es bitter kalt werden) das Seine dazu. Man fährt also, aber die Geschwindigkeit ist wegen einiger Unfälle auf 20 km/h limitiert und das wird auch gecheckt. Bei den Amis werde nach Hause geschickt, wer mehr als zwei Strafzettel eingesammelt habe.

Schreiben nach Hause während des Einsatzes: Durch Feldpostbriefe, die äußerlich ganz ähnlich aussehen wie die aus den Weltkriegen; ältere Verwandte fühlten sich mit einem flauen Gefühl daran erinnert. Zufälligerweise sei übrigens ein Onkel zur gleichen Zeit wie er in Afghanistan gewesen, speziell für die Post.

Verlassen des Camps: Ist die große Ausnahme, nur ca. 5% der Soldaten operieren während ihres Einsatzes draußen, die übrigen braucht es für die Unterstützung der Auslandsmission. Ähnlich wie manche den Urlaub in der DomRep verbringen, fliegen sie ein, bleiben in der Anlage und fliegen wieder heraus. Aber die 95% leisten ebenso wie die 5% ernsthafte und ebenso herausfordernde Arbeit, ohne die der Einsatz gar nicht machbar wäre. Wenn man das Lager nun per Bodenfahrzeug verlässt, dann auch jeweils für maximal sechs- oder achtstündige Expeditionen, nicht etwa für eine Überlandfahrt nach Kabul; solche Distanzen werden nur geflogen. Für die Ausfahrten stellt man einen Verband mehrerer Fahrzeuge auf; die beteiligten Soldaten tragen Schutzwesten u.a. mit keramischen Schilden und befördern einschließlich Waffen eine Ausrüstung von 30-40 kg Gewicht. Bei bis zu 50 Grad (im Schatten). Die Straßenverhältnisse sind in dieser semi-ariden bis ariden Umgebung miserabel; schon das zweite Fahrzeugs sieht entgegenkommende Fahrzeuge oder Strukturen neben der Straße erst Sekunden vorher. Jens Nettekoven hat als Personenschützer einige Ausfahrten mit "VIP-Besuchern" gemacht, Z.B. mit König Carl Gustav von Schweden ("sehr zugänglich und menschlich") oder Verteidigungsministzer Lothar de Maizière ("sehr interessiert, persönlich zurückhaltend und bescheiden"). Solche Ausfahrten gehen nie ins battlefield - ein solcher Tourismus wird aber glücklicherweise auch nicht nachgefragt. Kritischer sei, wenn man unter großem Zeitdruck eine Rettungsoperation organisieren müssen, etwa nach schweren Unfällen mit Toten und Verletzten. Oder: Bei einer Fahrt habe man nach Durchqueren einer Bergschlucht plötzlich ein Terrain erreicht, wo während der sowjetischen Besatzung eine russische Einheit völlig aufgerieben worden war ("chancenlos") und wo noch heute rote Erinnerungszeichen für die Gefallenen aufgerichtet seien.
Als schlimmsten Tag seines Militärlebens beschreibt Jens Nettekoven den 28. Mai 2011, als ein Kamerad und guter Freund von ihm im Einsatz von afghanischen Aufständischen erschossen wird. Er beschreibt das typische line-up, ein Spalier der Soldaten aller Nationen des Camps bis zum Abflugpunkt in die Heimat, in der Reihe der Flaggen ist die jeweilige nationale auf Halbmast gesunken und Trauermusik, typischerweise die Melodie aus "Amazing Grace". Auf Nachfrage: Bis heute seien 54 Soldaten aus dem deutschen Kontingent in Afghanistan zu Tode gekommen, siehe auch entsprechende Angabe des Wikipedia-Artikels zum Afghanistan-Einsatz (zum Stand Mai 2013). Auf Anregung der Sitzungsleitung erheben sich die Anwesenden zum Gedenken.

Aber es gibt bei weitem nicht nur Terror, Schrecken und Trauer: Jens Nettekoven beschreibt auch das begeisternde Engagement im Zuge der Aktion "Lachen, Helfen" mit Projekten zugunsten der örtlichen Schule; Ziel ist dabei insbesondere die gleichmäßige, nicht nur punktuelle Hilfe und eine Förderung, und sie ist Jungen und den Mädchen zugute gekommen. Für Zuversicht sorgt auch ein Ortsschild der Bundesstadt Bonn, das die Kompanie als eine Art Talisman für Mazār-i Scharīf gestellt bekommt. Ärger zeigt sich nur, als er Korruption der örtlichen Politik anspricht, die auch in Drogengeschäfte verstrickt ist.

Die Kooperation mit den anderen Nationen klappt gut; Jens Nettekoven lobt besonders die Amerikaner: Sie packen an und helfen und fragen erst dann. Auch daheim hätten die Amerikaner eine ganz andere Einstellung zu ihren Soldaten: Wer in Uniform reise, werde begeistert begrüßt und oft werde spontan die Zeche der Soldaten übernommen. In Deutschland dagegen sei die wahrgenommene Haltung reserviert bis ablehnend und von den Einsätzen würde am ehesten das bekannt, was kritisch gelaufen ist. Der Offizier, der den Befehl zur Bombardierung der Tanklaster in Kundus gegeben habe, sei alles andere als ein Draufgänger und er habe in der gegebenen Situation nach bestem Wissen und Gewissen gehandelt. Sein Fall sei aber mit Nennung von Personalia so breit getreten worden, dass er noch heute Morddrohungen erhalte.
Nachfragen kommen zur Freiwilligkeit des Einsatzes (ausschließlich Berufssoldaten, im Ausnahmefall freiwillige Reservisten bzw. Zeitsoldaten), zur Traumatisierung (posttraumatische Belastungssyndrome / PTBS sind bekannt und nicht die große Ausnahme, aber die Bundeswehr nimmt sich der Probleme an und lässt niemanden fallen), zur Zukunft des Lagers nach dem deutschen Abzug Ende 2014 (man werde schon aus Kostengründen nicht alles wieder nach Deutschland zurückbefördern), zu heutigen Kontakten zu den beteiligten Soldaten (ja, insbesondere innerhalb der Einheit, aus der fortlaufend Soldaten nach Afghanistan kommandiert wurden), zu Umweltrisiken durch den Kriegseinsatz (Hinweis auf die besondere Situation in ariden Gebieten; auch im Camp herrschte wiederholt Wasserknappheit; dann müsse man sich mit einer kleinen Wasserflassche einseifen, mit einer zweiten abwaschen; die Bundeswehr habe auch ein recht strenges Umweltregime einschließlich Mülltrennung wie daheim).

Ich habe mich für den engagierten und weiterführenden Vortrag und ebenso für die Initiative des Bürgerstammtischs ausdrücklich bedankt und Respekt hinsichtlich der Soldaten geäußert, die die Umstände und Risiken eines konkreten Einsatzes kaum einschätzen können und aus ihrem Einsatz auch nicht immer, vor allem nicht unbeschadet wieder herausfinden. Leider spielen die Auslandseinsätze im Wahlkampf seit langem nur eine Statistenrolle. Gerade die Vorwahlzeit ist andererseits die Zeit der Rechenschaft, des kritischen Überprüfens der laufenden Politik, etwa am Beispiel von Nutzen und Lasten der ISAF-Mission. Ich halte auch dies nicht für selbstverständlich: Die militärische Aufgaben haben sich seit 1990 zumindest ebenso grundlegend verändert wie mit der Gründung der Bundeswehr i.J. 1955. Aber die Verfassung wurde insoweit um keinen Federstrich geändert - und die neuen Aufgaben sind bis heute nicht einmal in einem Gesetz unterhalb der Verfassung definiert (was im Wortsinne bedeutet: gesetzlich begrenzt), geschweige denn gesellschaftlich debattiert. Einen viel versprechenden Ansatz gab es zwar mit der fulminanten Rede des damaligen Bundespräsidenten Dr. Köhler auf der Kommandeurtagung am 10. Oktober 2005 in München, zum fünfzigsten Geburtstag der Bundeswehr: Der Präsident hatte die Politik ausdrücklich aufgefordert, die vielen Fragen rund um den heutigen Auftrag der Bundeswehr – er selbst stellt hier mehr als zwanzig nachdenkliche Fragen – öffentlich zu debattieren. Der Verteidigungsminister hat als Diskussionsgrundlage dann zwar das Weißbuch 2006 entwickelt. Aber just am bereits angekündigten Tage der Veröffentlichung machte Bild mit dem so genannten Schädelskandal von Kabul auf. 

Auf der für das Weißbuch angesetzten Pressekonferenz wurde dann auch nur nach diesem Skandal gefragt, das Weißbuch kam nie in die Schlagzeilen und der Ansatz war ohne jede merkbare Debatte verpufft. Ich will dem Springer-Verlag nicht unterstellen, dass er den gesellschaftlichen Diskurs zur Außen- und Sicherheitspolitik sabotieren wollte. Es ist vermutlich viel banaler: Wenn man mit einem Thema zur Unzeit gut Kasse machen kann, dann nimmt man die Taler selbstverständlich mit und blendet die gesellschaftliche Verantwortung eines Mediums kurz mal aus. Jens Nettekoven bestätigt diesen Aspekt: Die Auslandseinsätze würden regelmäßig nur im Kontext von Skandalen und Unglücken behandelt; sie hätten in Deutschland eine unverdient schlechte Presse. 


Nachtrag zum Bundespräsidenten und zum Weißbuch: Als Dr. Köhler am 22. Mai 2010 in einem Rundfunkinterview das Weißbuch 2006 und die dort ausdrücklich beschriebenen Szenarien wiedergab, da erhoben sich in den Medien wütende Proteste und Attacken, in deren Folge der Bundespräsident schließlich auf eigene Initiative zurücktrat. Aus meiner Sicht hatte gerade er diese gezielte Kritik nicht verdient eher diejenigen, die die gesellschaftliche Debatte des Auftrags der Bundeswehr nicht entschlossen gesucht und gefördert hatten. Was im Weißbuch und entsprechend auch in den Verteidigungspolitische Richtlinien des BMVg von 1992, 2003 und 2011 stand zu Zeiten, als sowohl die CDU als auch die SPD jeweils den Kanzler und den Verteidigungsminister stellen konnten das war schließlich nie ein Geheimnis.
 
Der Abend zu Afghanistan verging wie im Flug – wie einer der kurzen Abende vor Ort, in Mazār-i Scharīf. Nicht ausgeschlossen, dass wir später einmal im Rückblick auch das deutsche Engagement als kurz und die Ergebnisse als nicht nachhaltig und als von der Politik nicht ausreichend erklärt einschätzen werden. Herzlichen Dank nochmals an die Organisatoren und den jungen Soldaten - gut, wenn dieses eindrucksvolle Beispiel Schule machte!

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