Mittwoch, 5. Juni 2013

Anti-Aging oder: "Tuch!"

Habe dienstags eine Art Vorruhestandstag. Oder auch Nach-Ruhestandstag, wie man will: Der Morgen ist Zeitausgleich mit Bespaßen unserer etwa 1 1/2- jährigen Enkelin, der Nachmittag ist sogenannte "Mobilarbeit", will sagen Bearbeiten meiner Mail etc. von Ferne.


Dabei ist der Nachmittag eine Art Reha-Phase für den Morgen, der bisweilen in schwerste, wenngleich erfüllendste Arbeit ausartet: War zu Fuß mit Kinder-Buggy ca. 2 km in die Stadt getrabt, um dort für den Mittag einzukaufen. Ausreichend bepackt kam ich aus einem der zahlreichen örtlichen Supermärkte - nur um mich daran zu erinnern, dass ich daheim vergessen hatte, meinen Hausschlüssel einzustecken. Schlecht, weil auch meine Einzige und Beste nicht daheim war und ich gleich die Kartoffeln aufsetzen sollte. Drum schnell zu meinem Schwiegervater, der einen Ersatzschlüssel verwaltet, der allerdings nochmal 1 km weiter entfernt wohnt. Beim Schwiegervater einen Apfel konfektioniert und in die Enkelin eingefüllt (die zum Urgroßvater heute partout nicht "Lothar" sagen wollte, obwohl sie es genau weiß & kann), sodann mit Schlüssel auf den Heimweg.

Wieder auf der Höhe des genannten Discounters angekommen (also nach jetzt insgesamt 4 km), sagt die Enkelin sehr vernehmlich und leicht vorwurfsvoll "Tuch!" (als der Großvater außer Sicht- und Hörweite war, hatte sie schon anhaltend, fröhlich und stolz "Lothar" gekräht). "Tuch!" heißt Schnuffeltuch, ein Seligkeitsding und für den anhaltenden Mittagsschlaf absolute condicio sine qua non. "Tuch!" war mal dabei gewesen, jetzt aber definitiv in keiner Tasche mehr zu finden. Zurück zum Urgroßvater, der leider nicht helfen konnte (und wieder kein "Lothar" zu hören bekam - wofür er sonst schmilzt wie Maien-Schnee) und wieder zurück zum großen Laden, wo "Tuch!" sich nach zwischenzeitlich schon 6 km Wegstrecke wohlbehalten und mit den vertrauten olfaktorischen Eigenschaften wieder anfand. Der Zweigstellenleiter, der mir "Tuch!" schon einmal innerhalb des Ladens angereicht hatte, hatte es dann draußen auf einem Blumenrondell liegen gesehen. Guter Mann!

Dann Rücksturz nach Hause, wobei ich überwiegend die Enkelin auf dem Arm und ansonsten eine etwas übereife Mangofrucht in der Hand hielt und progressiv verkrampfte und verschwitzte. Zwischendurch noch close encounter mit einem entzückenden Kleinkind, das erst der Enkelin die Mütze vom Kopfe riss - und sodann entschlossen an den noch dünnen und daher besonders teuren Haaren. Die Tochter-Tochter aber sagte keinen Ton. Nicht mal "Lothar". Wir trennten uns im Guten.

Daheim - nach nun ca. 8 km - war Duschen angesagt und die Kartoffeln standen schon fertig auf dem Tisch. Selten so gut wie heute. Danach saß ich friedlich an meiner Mail und die Enkelin hat über eine Stunde mit "Tuch!" geschlafen...

Ich glaube: Es ist nicht so sinnvoll, mit der Lupe nach den Chancen des demografischen Wandels oder dem Nutzen der aging population zu suchen. Mehr Freude machen Kinder und passende Rahmenbedingungen dafür - dafür könnte man sogar etwas sinnfreien Konsum sinnfreien Konsum sein lassen. Man mag von der DDR halten, was man will. Eher vergessen ist leider, dass Mac Pomm zur Zeit der Wiedervereinigung eine Alterspyramide hatte, nach der sich heute alle die Finger lecken würden - durch eine flächendeckende Kinderbetreuung, durch das so genannte "Abkindern" von Baudarlehen und andere hilfreiche Instrumente. Erst mit der im Vergleich zum Saarland äußerst abrupten Wiederherstellung der Wirtschafts- und Währungsunion haben sich dort verblüffend schnell Regionen entwickelt, wo schon lange der letzte das Licht ausgemacht hat. Deutschland ist im Großen und Ganzen nach wie vor nachhaltig geteilt.

Man mag auch von Oskar Lafontaine halten, was man möchte. Aber Lafontaine hatte 1990 recht klarsichtig die mechanischen und für Generationen entscheidenden Folgen aus dem Zusammenschluss eines stark überlegenen und eines stark unterlegenen Wirtschaftsraumes modelliert und dies auch als Einziger mit Klartext ausgesprochen. Muss hier nicht schnell geschehen und nicht so intensiv, kann aber, wenn wir uns nichts Besseres einfallen lassen als bisher.

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