Samstag, 8. Juni 2013

Der IWF lernt dazu, für GR zu spät



Einer meiner Wahlpunkte betrifft die €-Krise und speziell Griechenland. Wir kennen ja die allgegenwärtigen Phrasen nach dem Motto „Jetzt ist Griechenland gefragt / endlich den Gürtel enger schnallen / muss schnellstens konsolidieren“ oder gar Hass predigende Bild-Schlagzeilen wie „Warum helfen wir diesen Griechen-Milliardär?“ Exkurs: „diesen Griechen-Milliardär helfen“ prangte wirklich in 120-Punkt-Schrift auf der Titelseite = Bild wäre beim sprachlichen Einbürgerungstest glatt durchgerasselt.

Ich habe mich immer gefragt: Wo und wann kommt denn endlich unser aktiver Beitrag zur Behebung der Malaise – wo wir doch jahrzehntelang an den Griechen prächtig verdient haben, Luxusgüter der Premium-Klasse in Mengen und Massen an die dortige politische und wirtschaftliche Oberschicht abgesetzt haben. Griechenland war auch eine verlässliche Senke für volkswirtschaftlich völlig sinnfreie Produkte wie Waffen: Die kleine und strukturschwache Volkswirtschaft war ja – bis zu ihrer höchst bedauerlichen Zahlungsunfähigkeit – das TOP-Export-Ziel für teure deutsche Militaria. Nebenbei gesagt, dicht gefolgt vom griechischen Erzfeind Türkei, seinem NATO-Nachbarn (!!!). So dealt sich seit alters her am einfachsten – beide Seiten eskalierend ausstatten. Ist wie eine Lizenz zum Gelddrucken. Bis einer unter der Last der Waffen zusammenbricht.
In den letzten Tagen hat nun der Internationale Währungsfonds / IWF (IMF) etwas herausgefunden und kleinlaut eingestanden: Man habe sich doch tatsächlich bei den Empfehlungen und Maßgaben für Griechenland irgendwie verrechnet, siehe diesen Spiegel-Bericht und näher z.B. dieses IWF-Dokument bzw. dieses Interview mit dem IWF-Sprecher Gerry Rice. Von allen Experten ganz und gar unerwartet sei das nationale wie grenzüberschreitende Handelsgeschehen der Hellenen implodiert, es habe gar keinen Aufschwung gegeben, ganz im Gegenteil. Sapperlot! Die breit anerkannten Theorien und Modellrechnungen hätten einfach nicht erfüllt, was sie immer versprochen hätten. Na ja. Nicht erst Rolf Dobelli (u.a. "Die Kunst des klaren Denkens. 52 Denkfehler, die sie besser anderen überlassen", 2011) bezweifelt den wissenschaftlichen Anspruch der Ökonomie, in der eben nichts über Stimmung und Anschauung geht, häufig auch nichts über Weltanschauung. „Das freie Spiel der Kräfte“ bzw. der „komparative Vorteil des Außenhandels für alle Beteiligten“ (nach dem klassischen & fulminanten britischen Nationalökonomen David Ricardo auch das Ricardo-Modell genannt) hört sich bei stark vereinfachenden Ausgangsannahmen zwar schlüssig an. In der komplexeren Realität der neuen Märkte allerdings setzt sich erfahrungsgemäß eine Arbeitsteilung durch, die mittel- und langfristig die Überlegenheit der technologisch und ökonomisch besser begünstigten Standorte festschreibt. Oder auch: die die strategische Situation der standort-übergreifend besser organisierten Wettbewerbsteilnehmer weiter stärkt und perpetuiert. Das ist der unerwünschte Effekt des laissez faire, der nach 1945 ganz mechanisch zur Zonenrandförderung Anlass geben musste, nach 1990 zum persistenten Soli (Lafontaine hat das mit seinen einschlägigen saarländischen Erfahrungen früh vorhergesagt) und nach 2012 zu den Feuerwehraktionen für die südlichen EU-Randgebiete. Welche im Grunde als schwächste und erste für die massiven Verwerfungen der weltweiten Bankenkrise zahlen durften.
Wer mit halbwegs offenen Augen in den letzten Jahren durch die griechische Hauptstadt gelaufen ist, und dort durch die Hauptstraßen oder vorbei an den inzwischen progressiv verkommenden Olympia-Bauten, der weiß oder konnte wissen: Dieses Land pfeift schon lange auf dem letzten Loch und hat rein gar nichts mehr zuzusetzen. Dies hier hatten wir erwartet:



Anbei: Die neuere Athener Akropolis war nach mehreren Zerstörungen zur Zeit des Perikles, im so genannten goldenen Zeitalter, in nur ca. 30 Jahren (ca. 430 bis 460 vor Chr.) praktisch völlig wieder aufgebaut worden, einschließlich des majestätischen Parthenon, dessen Bau sogar nur sieben Jahre (!!!) gedauert haben soll. Sie hat sodann ca. 2.100 Jahre weitgehend unangetastet überdauert, auch unter den Ottomanen, um dann durch ganz wissentlichen Beschuss der Venezianer erst i.J. 1687 massiv beschädigt zu werden. Zur Geschichte, auch zum Abtransport unersetzlicher Bauteile wie der Schmuckfriese und vieler Statuen ab 1801 durch Lord Elgin, siehe z.B. den deutschen bzw. (teils ausführlicheren) englischen Wikipedia-Artikel. Seit den Dreißiger Jahren des letzten Jahrhunderts wird intensiv an der Restaurierung bzw. dem teilweisen Wiederaufbau der Akropolis gearbeitet, zuerst recht unfachmännisch, mit falschen und zu weiteren Schäden führenden Materialien und Techniken wie etwa rostenden Eisenklammern zur Verbindung der Marmorelemente. Umso mehr muss man die Architekten und Baumeister der Antike bewundern: Sie konnten mit einer verblüffenden Exaktheit tonnenschwere Bauteile in Einbauhöhen von ca. 20 Metern Geschosshöhe (und ca. 80 Meter über dem Meeresspiegel, dem Anlieferungshorizont) positionieren, in einer zur besseren optischen Wirkung noch dazu leicht gerundeten Gesamtkonstruktion, alles das ohne unsere Kraftmaschinen und Vermessungstechniken und mit den begrenzten Ressoucen eines nach heutigen Dimensionen sehr kleinen Stadtstaates. Beim Parthenon in nur sieben Jahren! Eigentlich ganz klar: Die Griechen haben es drauf!

Und dies haben wir in Athen ebenfalls gefunden: Das vierte Foto unten ist repräsentativ für den überhängenden Gesamtzustand des Landes und der EU insgesamt: In den Einkaufszonen bröckeln die Fassaden mancher Geschäftshäuser massiv & schon lange. Auf dass aber der Verkauf frohgestimmt weitergehen kann, hat man dort einfach Steinschlag-Dächer bzw. ganze Steinschlag-Galerien angeflanscht. Geht doch! Zur Einordnung: Die Bilder sind etwas über fünf Jahre alt, sie stammen aus dem Mai 2008. Nix verstehn in Athen?






Und: das letzte, was Griechenland braucht, sind deutsche Rüstungsexporte. Was es brauchte und braucht, das sind wertgeschätzte eigene Produkte und Exporte, zumindest in die kulturell eng verwandten Länder = in die EU, zu den Freunden.

Ich habe mich auch immer gefragt, und das ist nach wie vor allseits unbeantwortet: Wenn wir es in mehr als zwanzig Jahren nicht schaffen, einem kulturell so nahe stehenden, für Europa sogar Identitäts-bildenden und damit System-relevanten Staat wie Griechenland

ein würdiges Ein- und Auskommen in unserer Mitte zu verschaffen - wie bitte sollen wir das bei den Staaten angehen, bei denen wir militärisch intervenieren, u.a. um unseren way of living dort einzuführen, etwa eine repräsentative Demokratie, Marktwirtschaft und freien Außenhandel? Trotz milliardenfacher Investition ist Afghanistan – wenn wir 2014 dort abziehen – nach wie vor eine der ärmsten Nationen der Welt. Zugegeben: jedenfalls der Drogen-Export ist sehr gut in Schwung gekommen. Und auch für Mali sehe ich mittel- und selbst langfristig keinerlei Chancen einer wirtschaftlichen Zusammenarbeit auf Augenhöhe, bestenfalls einen frisch getünchten Kolonial- bzw. Abhängigkeitsstatus. Und wohl auch keine nachhaltige Stabilität.
Unsere stolz zur Schau getragene Hilfsbereitschaft nutzt immer nur einigen wenigen. Sie stützt nach aller Erfahrung oligarchische Strukturen und ist, auf’s Ganze gesehen, nicht mehr als eine unfromme Lebenslüge.

Keine Kommentare:

Kommentar posten