Freitag, 1. Mai 2009

Tippeltour IIIb



Eindrücke am Maifeiertag:





  • Nachhaltigkeit und Denkmalschutz: Ich höre eben: In Dierath kann es offenbar zu einem Konflikt zwischen Denkmalschutz und Nachhaltigkeit kommen.

    Nicht nur muss die Dachfarbe der (zu einem guten Teil unbestritten sehr schönen) traditionellen Bauten auch bei den dort nahe stehenden Neubauten identisch aufgelegt werden und sogar die Schindelgröße wird genau vorgegeben.

    Es bestehen wohl auch bauaufsichtliche Bedenken gegen Dachkollektoren. Da scheint mir der Kleiderzwang aber zu weit zu gehen. Klar: Auf einem schön restaurierten Fachwerkhaus wirken breite Solarpanels wie eine Augenpeitsche. Aber der Klimaschutz hat m.E. eine so hohe gesellschaftliche Priorität und Akzeptanz, dass man Kollektoren auf neu gebauten Häusern – ohne ästhetische Probleme zu haben – dulden kann und muss. Ich hätte auch keine Schwierigkeiten, neben einem gut hergerichteten Mercedes 190 SL einen neuen Golf stehen zu sehen. Im Gegenteil: Manchmal erfreut der Unterschied, sogar gegenseitig.









Dann schauen wir auch noch einmal auf zwei hervorstechende historische Referenzobjekte aus Dierath. Bei genauerem Hinsehen bemerkt man auf den Dächern Artefakte, die offensichtlich nicht aus der Bau-Epoche stammen, sondern nachträglich - zum öffentlichen und privaten Nutzen - hinzugefügt wurden: Einmal eine Sirene und dann eine komplexe Fernsehantenne incl. Satelliten-Parabolspiegel.

Und wer möchte, sehe sich einmal den garagengroßen Glasaufzug an der Südseite des Kölner Gürzenich an; garantiert denkmalmäßig einwandfrei. Na also: Alt + neu geht doch!








Nachmittags verlasse ich einmal die Ränder des Sonnensystems und stoße ins Zentrum vor: Auf die Bürgermeister-Schmidt-Straße. Schon vom Namen her viel versprechend, oder?

  • Versuchte Wilderei: Ein sehr interessantes Gespräch führe ich dort mit einem Burscheider Bayrischer Abstammung:

    Bei dem Versuch, ihn über den Verlust der früheren Heimat hinwegzutrösten – etwa mit dem unvergleichlichen Bergischen Dom – stellen wir fest: Auch Bayern hat selbstverständlich sehr viele schöne Kirchen; aber z.B. der Kreuzweg im Altenberger Dom hat in seiner einfachen, aber körperhaft-schönen Gestaltung etwas ganz Besonderes. Und natürlich die landschaftliche Einbettung dieser Kathedrale.

    Resonanz auch in einem ganz anderen Bereich: Beide halten wir den militärischen Einsatz in Afghanistan für immer zweifelhafter, am ehesten durch die Gruppendynamik und das institutionelle Eigeninteresse der NATO aufrechterhalten und schon den Versuch für kulturell arrogant und herausfordernd, unsere Wertsysteme auf die ganz anders strukturierte afghanische Gesellschaft zu übertragen. Allerdings hält mein Gesprächspartner die neuen militärischen Einsätze für legitim, weil jeweils die Mehrheit des Bundestages so entschieden habe. Ich gebe zu bedenken, dass die ad-hoc-Entscheidungen verfassungsrechtlich zweifelhaft seien: In einem Rechtsstaat muss jedes staatliche Handeln, das in Grundrechte eingreifen kann, durch eine vorherige klare Rechtsetzung (die jeweilige „Eingriffsgrundlage“) voraussehbar und gerichtlich überprüfbar vorbereitet sein. Das ist auch keine Errungenschaft der letzten Jahre, sondern war schon vor 200 Jahren so selbstverständlich, dass Kant daran seinen kategorischen Imperativ orientieren konnte („Jeder handele so [voraussehbar], dass sein Handeln Grundlage allgemeiner Gesetzgebung sein könnte.“). Anm.: Ich habe versucht, das Tafelsilber unseres Rechtsstaats in einem Aufsatz in der Zeitschrift für Rechtspolitik zu retten, deutsch/englische Fassung siehe hier.

    Unabhängig von so viel Übereinstimmung bringe ich meinen Gesprächspartner nun aber in einen Gewissenskonflikt: Er hat sein Wort bereits einem anderen Kandidaten versprochen, der ganz in der Nähe wohnt. Na ja, vielleicht habe ich bei der nächsten Bürgermeisterwahl i.J. 2015 eine Chance und melde mich jetzt schon mal bei ihm an.


  • Gespräch mit der Konkurrenz: Den o.g. Versprechensempfänger suche ich natürlich auch noch auf. Auf meine Frage, ob er eine Unterstützungserklärung zu meinen Gunsten ausstellen möchte, reagiert er doch etwas überrascht: Damit würde er sich doch selbst in Frage stellen. Es vermag ihn auch nicht umzustimmen, dass ich dies sofort verneine („Konkurrenz ist immer gut für’s Geschäft!“) und auch verspreche zu prüfen, ob er nicht endlich einmal einen Bürgersteig vor dem Grundstück bekommen könnte (stadtauswärts ist die Bürgermeister-Schmidt-Straße für Fußgänger selbstmörderisch gestaltet).

    Aber er gibt mir noch mit auf den Weg, das Regieren könne doch in Zeiten leerer Kassen eigentlich gar keinen Spaß machen. Allerdings stimmen wir schnell überein, dass dies für Burscheid seit Jahrzehnten wenig Neues ist und dass auch eine Kommunalfinanzreform zu Gunsten Burscheids wohl Wunschdenken ist und bleibt. Dass deshalb auch Intiativen auf Ebene der Bürger unverzichtbar sind und bleiben, in der Bedeutung eher zunehmend. Wir wünschen uns Glück und versprechen ein Wiedersehen, wenn und falls ich das Quorum von 160 Unterstützungsunterschriften erfüllt habe.
  • Samstag nachmittags spreche ich in Dierath mit einem schon lange ansässigen Bürger, der die Initiativen zur Gestaltung Dieraths hautnah mitgemacht hat und der auch den weiteren Dierather gut kennt und unterstützt, den man wegen seiner vielen erfolgreichen Initiativen und Verdienste als unseren kulturellen Meisterbürger bezeichnen kann. Kein Politiker, sondern eher der bewusste Gegenentwurf dazu (siehe am Ende meiner Stn. zu 50 Jahren Grundgesetz bei "Demokratur"). Ein Mann, der keine Posten und Orden vermisst und sie auch nicht braucht.

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